Kunstwerk des Monats

Mit Kunstwerken aus dem Bestand der LMU durch das Jahr 2010: unter diesem Motto stellen wir Ihnen hier jeden Monat ein Bildwerk vor, auf das wir im Rahmen unserer Projektarbeit gestoßen sind.

Januar

Unsere Reihe "Kunstwerk des Monats" beginnen wir dem Januar angemessen mit winterlichen Impressionen aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Winterliche Impressionen

Unser Kunstwerks des Monats Januar steht in zweierlei Hinsicht in engem Bezug zu diesem winterlichen Monat. Die Witterung spiegelt sich im Bildtitel wieder: "Bahnhof im Schnee". Gemalt wurde es im Jahre 1906 von Hermann Pleuer, der am 6. des Monats Januar 1911 in Stuttgart verstarb.

Pleuer, geboren 1863, gehört zu den wichtigsten Vertretern des Impressionismus in Süddeutschland und wurde insbesondere durch seine Eisenbahnbilder bekannt. Er studierte an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule und der dortigen Kunstakademie sowie an der Akademie der bildenden Künste in München. Zunächst malte er Frauenakte im Mondschein und Landschaftsbilder, bis er sich fasziniert vom „Rausch der Geschwindigkeit“ der Eisenbahnmalerei zuwandte.

Das Gemälde (81 x 100 cm, Öl auf Leinwand) ist rechts unten signiert mit Jahreszahl und ist Eigentum der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.


Hermann Pleuer: Bahnhof im Schnee

Hermann Pleuer: Bahnhof im Schnee (Öl auf Leinwand, 104 x 124,4 cm). Eigentum der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen: Inventarnr. 8469

© Gero Storz (LMU)

Februar

Die Geschwister Scholl

Am 22. Februar 1943 wurden die Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose", Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Propst von den Nationalsozialisten hingerichtet. Anlässlich dieses Gedenktages zeigt unser Kunstwerk des Monats ein Portrait von Sophie Scholl.

Sophie Scholl, geboren am 9. Mai 1921, wurde am 18. Februar 1943 gegen 11 Uhr von einem Hausmeister entdeckt, wie sie im Lichthof der Universität München zusammen mit ihrem Bruder Hans zirka 1700 Flugblätter auslegte. Nach einem mehrstündigem Verhör durch den Universitätssyndikus Ernst Haeffner und den Rektor der Universität, Professor Walther Wüst, wurden beide der Gestapo übergeben. Vier Tage später, am 22. Februar, wurden sie in einem Schauprozess vom Volksgerichtshof unter Vorsitz des Richters Roland Freisler zum Tode verurteilt. Noch am selben Tag gegen 17.00 Uhr wurde das Urteil in München-Stadelheim vollstreckt.

Das Portrait von Sophie Scholl (57 x 41 cm, Öl auf Leinwand) wurde von Ludwig Fahrenkrog (1867-1952) gemalt und ist rechts unten signiert. Laut dem jüngsten Inventarverzeichnis wurde es zusammen mit einem weiteren Gemälde von Fahrenkrog, das Hans Scholl darstellt, im Jahr 1949 von der Industrie- und Handelskammer der Universität München gestiftet.

Fahrenkrog, geboren 1867 in Rendsburg, war Dichter, Schriftsteller und Maler. Er lehnte die modernen Richtungen der internationalen Avantgarde, den Kubismus und Expressionismus, ab und blieb einem gegenständlich-symbolistischen Stil verpflichtet.1900 trat er aus der Kirche aus und rief 1907 zur Gründung einer germanischen Religionsgemeinschaft auf. 1913 wurde die „Germanische Glaubens-Gemeinschaft“ gegründet, deren Hochwart Fahrenkrog bis 1952 war. Er sah das sich auf dem Judentum aufbauende Christentum als den Germanen wesensfremd an. Das NS-System hielt jedoch Distanz zu dem religiösen Schwärmer. Ludwig Fahrenkrog starb 1952 in Biberach an der Riß, wo er seit 1931 lebte.

Ludwig Fahrenkrog: Sophie Scholl

Ludwig Fahrenkrog: Sophie Scholl (Öl auf Leinwand, 75 x 58,9 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0040

© Gero Storz (LMU)

März

Mariae Verkündigung - ein Erbstück aus Ingolstadt

Unser Kunstwerk des Monats März zeigt die Verkündigung durch den Erzengel Gabriel an Maria (Festtag 25. März). Das Gemälde (117 x 84 cm, Öl auf Leinwand) stammt aus der Sammlung des Jesuiten Ferdinand Orban (1655-1732). Dieser war von 1703 bis zum Tod des Kurfürsten Johann Wilhelm 1716 dessen Beichtvater in Düsseldorf und ein ebenso begeisterter Kunstliebhaber und Sammler wie der Fürst selbst. Orbans Sammlung enthielt neben Gemälden und Kupferstichen, auch mathematisch-physikalische Instrumente und hauptsächlich ethnographisches, mineralogisches, botanisches und zoologisches Material; sie war eine für seine Zeit typische Kuriositätensammlung bzw. Wunderkammer, die als Höhepunkt ein Geschenk des Herzogs von Marlborough barg: die Hirnschale Oliver Cromwell’s. Ferdinand Orban ließ zur Präsentation seiner Sammlung im Jesuitenkolleg Ingolstadt einen eigenen Museumsaal erbauen, der heute noch existiert.

Nach seinem Tod kam Orbans Sammlung 1733 in den Besitz der Universität, wurde in der Folgezeit jedoch zerschlagen. Teile davon befinden sich heute im Bayerischen Völkerkundemuseum, im Bayerischen Nationalmuseum und in den Staatsgemäldesammlungen. Einige Gemälde verblieben jedoch an der Universität, darunter unser Kunstwerk des Monats.

In der einzigen noch erhaltenen Inventarliste der Orban'schen Sammlung aus dem Jahre 1774 wird die Arbeit dem "Maler Cignani. [ungewiß]" zugeschrieben. Diese damals schon unsichere Autorschaft ist bis heute nicht geklärt, wobei offen ist, ob mit der Nennung Cignanis der Maler Carlo Cignani (1628-1719), der unter anderem auch für Kurfürst Johann Wilhelm tätig war, oder sein Sohn Felice Cignani (1660-1724) gemeint war. In den Inventarverzeichnissen der Universität ab 1849 wird das Gemälde Carlo Cignani zugeschrieben.

Carlo Cignani: Mariae Verkündigung

Carlo Cignani (Zuschreibung): Mariae Verkündigung (Öl auf Leinwand, 134 x 100,4 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0002

© Edith Hüttenhofer (LMU)

April

Die Pollinger Chorherrensammlung

Vor genau tausend Jahren, am 16. April 1010, wurde das Kloster Polling durch Herzog Heinrich IV. wieder belebt. Anlässlich dieses Jubiläums haben wir als Kunstwerk des Monats April ein Gemälde gewählt, das im Zuge der Säkularisation aus dem ehemaligen Augustinerchorherrenstift Polling in den Besitz der Universität München überging.

Das Blatt (Öl auf Leinwand, 105 x 80 cm) zeigt den Pollinger Chorherrn Gerhoh Steigenberger (1741-1787), der 1781 Hofbibliothekar in München wurde. Seine 1784 veröffentlichte Abhandlung, ein Vortrag anlässlich des Stiftungstages der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, ist die erste Veröffentlichung über die Geschichte der späteren Bayerischen Staatsbibliothek.

Unser Kunstwerk des Monats stammt aus einer Reihe historischer Portraits gelehrter Persönlichkeiten des Augustinerchorherrenordens, die der Pollinger Propst Franziskus Töpsl (1711-1796) für sein Kloster anfertigen ließ und von denen noch rund 90 Gemälde an der LMU erhalten sind. Die Bildkomposition der Gemälde folgt einem einheitlichen Muster: es handelt sich durchgehend um Brustbilder, der Dargestellte nimmt etwa achtzig Prozent der Bildfläche ein, der untere Rest verbleibt für eine kurze lateinische Würdigung. Bei allen Bildern fehlt jedoch der Name des Porträtierten. Dieser war ursprünglich oben an den Bilderrahmen angebracht, welche jedoch nicht mehr erhalten sind. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Gemälde einst aus ihren Rahmen herausgeschnitten wurden, denn auffällig sind insbesondere die Beschädigungen an den Rändern, die an allen Seiten einen Verlust von mehreren Zentimetern Leinwand aufweisen.

Bis auf wenige Ausnahmen wie unser Kunstwerk des Monats, sind die Pollinger Chorherrengemälde nicht auf Rahmen gespannt und in keinem besonders guten Erhaltungszustand.

Unbekannter Maler: Portrait des Gerhoh Steigenberger

Unbekannter Maler: Portrait des Gerhoh Steigenberger, Halbfigur, mit Schlüssel und Buch vor einer Bücherwand; darunter vierzeilige lateinische Inschrift (Öl auf Leinwand, 103,9 x 80,5 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0035

© Gero Storz (LMU)

Mai

Ein LMU-Professor in der Frankfurter Nationalversammlung

Als am 18. Mai 1848 die Nationalversammlung zum ersten Mal in der Frankfurter Paulskirche zusammentrat, befand sich unter den Mitgliedern auch der Münchner Professor für Zivilrecht und spätere Rektor der LMU, Carl Ludwig Arndts.

Arndts wurde 1803 im westfälischen Arnsberg geboren und studierte in Bonn, Heidelberg und Berlin Jura. 1836 erhielt er eine außerordentliche Professur für Römisches Recht in Bonn, 1838 wechselte er nach München, wo er bis 1855 den Lehrstuhl für Zivilrecht inne hatte. 1854 - 1855 war er Rektor der Universität.

Unser Kunstwerk des Monats zeigt ihn 50-jährig in der von Peter Cornelius entworfenen roten Amtstracht der Professoren der Juristischen Fakultät der LMU. Das Gemälde (130 x 100 cm, Öl auf Leinwand) wurde von Engelbert Seibertz gemalt, dem Sohn des ebenfalls in Arnsberg beheimateten Johann Suibert Seibertz, dem Arndts seine im Jahr 1843 veröffentlichte „Juristische Enzyklopädie und Methodologie“ gewidmet hatte. Engelbert Seibertz (1813 - 1905) studierte zunächst an der Kunstakademie in Düsseldorf bis er 1832 an die Kunstakademie München wechselte, wo er Wilhelm von Kaulbach kennen lernte. Nach mehreren Jahren in seinem Geburtsort Brilon und Prag lebte er von 1850 bis 1870 wieder in München, wo er für den bayerischen König Maximilian II. eine große Anzahl von Arbeiten anfertigte, darunter zwei monumentale Fresken im Maximilianeum, wovon eines noch erhalten ist. In diese Münchner Zeit fällt auch die Entstehung unseres Kunstwerks des Monats. Es trägt unten rechts das Monogramm „ES“ sowie die Ortsangabe „München“ und die Jahreszahl 1853.

Carl Ludwig Arndts folgte 1855 einem Ruf an die Universität Wien, obwohl sich König Maximilian II. persönlich darum bemüht hatte, ihn in München zu halten. Während seiner 18-jährigen Tätigkeit in Österreich machte sich Arndts insbesondere um die Reform der Juristenausbildung verdient, so dass Kaiser Franz Joseph ihn zum Dank 1870 in den Adelsstand erhob und zum „Ritter von Arnesberg“ ernannte. Die letzten vier Jahre nach seiner Pensionierung verbrachte er auf seinen Besitzungen am Ammersee. Er starb am 1. März 1878 in Wien.
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Engelbert Seibertz: Portrait des Ludwig Arndts im Professorentalar der Juristischen Fakultät

Engelbert Seibertz: Portrait des Ludwig Arndts im Professorentalar der Juristischen Fakultät mit Barett und Buch in den Händen, Kniestück stehend (1835, Öl auf Leinwand, 160 x 130,6 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0042

© Gero Storz (LMU)

Juni

Großer Verhüllungskünstler im Kleinformat

Vor 75 Jahren, am 13. Juni 1935, wurde im bulgarischen Gabrowo der Künstler Christo (eigentlich: Christo Vladimirov Javacheff) geboren. In Deutschland wurde er vor allem durch die Verhüllung des Berliner Reichstags populär, die er 1995 mit seiner Ehefrau Jeanne-Claude umsetzte. Jeanne-Claude Denat de Guillebon wurde am gleichen Tag wie ihr Ehemann Christo in Casablanca geboren. Sie starb vergangenes Jahr, am 18. November 2009 in New York.

Unser Kunstwerk des Monats Juni ist eine Collage (Siebdruck, Textilie, Paketschnur, Plastik, schwarzer Faden, 70 x 54,5 cm) von Christo und zeigt ein geplantes, aber nie realisiertes Projekt: die Verhüllung des Whitney Museums in New York. So auch der mit schwarzem Stift am unteren Rand angeführte Titel: Whitney Museum of American Art packed (project for Whitney Museum, New York). Dahinter ist mit Bleistift die Nummer vermerkt 12/100, gefolgt von der Signatur Christó. Die Arbeit ist nicht datiert, dürfte aber aus den frühen 70er Jahren stammen. Sie ist Eigentum der LMU.

Christo, der in seiner Jugend zunächst Theaterstücke inszenierte und sich während seines Kunststudiums in Wien mit Portraitmalerei über Wasser hielt, verhüllte 1958 seine erste Farbdose, indem er sie mit harzgetränkter Leinwand umgab, verschnürte und mit Leim, Sand und Autolack behandelte. Bereits kurz danach änderte es seinen Stil: Er beließ bei seinen Verhüllungen das Material so wie es war, behandelte es nicht mehr und ließ auch jegliche Bemalung weg. Christo und seine Ehefrau Jeanne-Claude, die er in Paris kennen gelernt hatte, planten seit Anfang der 60er Jahre viele gemeinsame Projekte, von denen sich einige jedoch aus finanziellen oder rein technischen Gründen nicht verwirklichen ließen. Dennoch konnten sie viele ihrer Ideen umsetzen, wie z. B. 1961 die Verhüllung von vorgefundenen Fässerstapeln im Kölner Hafen, 1962 den „Eisernen Vorhang – Mauer aus Ölfässern“ in Paris, 1968 auf der documenta IV in Kassel einen länglichen Ballon mit einem Volumen von 5600 Kubikmetern, 1969 die Verhüllung einer Küste in Australien, 1972 „Valley Curtain“, das Hängen eines Vorhangs durch ein 400 m breites Tal der Rocky Mountains in Colorado, 1978 „Wrapped Walk Ways“, eine Verhüllung von Fußwegen im Loose Park in Kansas City mit 12.500 m² safrangelb schimmerndem Nylongewebe, 1985 die Verhüllung der Pont Neuf in Paris und 1995 die eingangs schon erwähnte Verhüllung des Berliner Reichstags.

Christó: Das verpackte Whtiney Museum of American Art in New York

Christó: Das verpackte Whitney Museum Of American Art in New York (Siebdruck auf Papier, Textilie, Paketschnur, transparentes Plastik, schwarzer Faden, schwarze, gelbe und braune Bemalung, 81,5 x 64,5 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0158

© Edith Hüttenhofer

Juli

Seelandschaft vor Hiddensee

Für eine leichte Abkühlung an heißen Sommertagen wollen wir mit unserem Kunstwerk des Monats Juli sorgen. Das Gemälde (60,5 x 90 cm, Öl auf Leinwand), das Eigentum der LMU ist, zeigt eine Seelandschaft und trägt den Titel Hiddensee, der unten links mit dem Monogramm TK und der Jahreszahl 33 vermerkt ist.

Das Bild ist ein Werk der Malerin Olga Therese Watson Kalkschmidt, die 1876 in Berlin geboren wurde. Therese Kalkschmidt besuchte zunächst Kunstschulen in Dresden, Siena und Florenz bis sie auf der Suche nach guten Lehrern in die Schweiz kam, wo sie von Ferdinand Hodler (1853 - 1918) und Cuno Amiet (1868 - 1961) als Schülerin angenommen wurde. Zu beiden verband sie eine enge Freundschaft wie auch zu Giovanni Giacometti (1868 - 1933). Allen gemeinsam war die Verehrung des italienischen Malers Giovanni Segantini (1858 - 1899).

1905 heiratete sie den Schriftsteller Eugen Kalkschmidt, der zunächst als Redakteur in Dresden arbeitete und später als Hauptschriftleiter der Zeitschrift „Jugend“ in München tätig war. Therese Kalkschmidt starb 1959 in München.

Therese Kalkschmidt: Hiddensee

Therese Kalkschmidt: Hiddensee (1933, Öl auf Leinwand, 81 x 110 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0005

© Gero Storz

August

Der Bayerische Prinzregent und der Münchner Malerfürst

Am 30. August 1928 starb einer der wohl berühmtesten Künstler Münchens, Franz von Stuck. Unser Kunstwerk des Monats August ist ein Gemälde (202 x 114 cm, Öl auf Leinwand) des "Malerfürsten", das lebensgroß Prinzregent Luitpold von Bayern zeigt; es ist unten rechts signiert mit „Franz Stuck“.

Wann das Bild entstand, ist unklar. Da Franz Stuck am 9. Dezember 1905 durch Prinzregent Luitpold in den Adelsstand erhoben wurde und der Künstler seitdem konsequent nur noch mit „Franz von Stuck“ signierte, ist davon auszugehen, dass es vor diesem Datum fertig gestellt wurde. Ein Bruststück (84,5 x 72 cm, Öl auf Leinwand), das - ähnlich einem Ausschnitt aus unserem Kunstwerk des Monats - den Prinzregenten in derselben Haltung und Kleidung darstellt und sich heute im Historischen Museum der Pfalz in Speyer befindet, ist datiert mit „Anno Domini MCMV“ und signiert mit „Franz von Stuck“. Möglicherweise diente das ältere Gemälde der LMU als Vorlage für das Speyerer.

Die Archivalien der LMU geben keine Auskunft darüber, wann das Bild an die Universität kam. Belegt aber ist, dass es von der LMU inklusive Rahmen für einen Gesamtpreis von 8175,- Mark käuflich erworben wurde. 1913 war es jedenfalls bereits Eigentum der LMU, denn von Mai bis September wurde das Werk seitens der Universität für eine Stuck-Ausstellung nach Berlin ausgeliehen. Denkbar wäre, dass es sich um eine Auftragsarbeit oder einen Ankauf der LMU anlässlich des 20. Regierungsjubiläums des Prinzregenten 1906 handelte. Vielleicht wurde das Gemälde aber auch erst im Rahmen oder zum Abschluss der Bauarbeiten am Universitätsgebäude, das Prinzregent Luitpold von 1906 bis 1911 großzügig erweitern und teilweise umgestalten ließ, angeschafft.

Die feierliche Grundsteinlegung des im Auftrag von König Ludwig I. von Bayern durch Friedrich von Gärtner errichteten Universitätsgebäudes fand übrigens auch an einem Augusttag statt: Am 49. Geburtstag des Monarchen, dem 25. August 1835 - vor genau 175 Jahren.

Franz von Stuck: Prinzregent Luitpld

Franz von Stuck: Prinzregent Luitpold, Ganzfigur (vor 1905, Öl auf Leinwand, 216 x 127,8 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0064

© Gero Storz (LMU)

September

Übergreifen schwebender Spannung

Heino Naujoks (geb. 1937 in Köln) künstlerisches Schaffen ist geprägt von den Wirkkräften des intensiven Austausches in der Atelier- und Arbeitsgemeinschaft:Naujoks war noch während seines Studiums an der Münchener Akademie der Bildenden Künste im Jahr 1959 Gründungsmitglied der Künstlergruppe WIR. Sieben Jahre später fusionierte sie mit dem berüchtigten SPUR-Kreis (gegr. 1958) um Helmut Sturm und Heimrad Prem, welcher ebenfalls aus einer Klasse des Akademieprofessors Erich Glette hervorgegangen war. Die neu entstandene Gruppe nannte sich GEFLECHT (1966-68). In Kooperation mit COBRA wurde man ab 1983 auch als „Kollektiv Herzogstraße“ bekannt.

Die wesentliche Leistung der Gemeinschaftsdynamik von GEFLECHT sah Naujoks vor allem darin, die Polarität zwischen Gruppe und Individuum nicht aufgehoben, sondern vielmehr in die künstlerische Praxis einbezogen zu haben. Nicht zuletzt schlägt sich dieser Antagonismus in seinen Bildtiteln „Gegenseitige Beeinflussung“ (1975), „Übergriff“ (1979) oder „Durchdringung“ (1981) nieder.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die vom Künstler signierte und auf 1977 datierte, titellose Collage (44 x 61 cm) aus dem Kunstfundus der LMU beschreiben. In einer Mischtechnik aus Bleistift, Buntstift und Aquarell collagierte Naujoks filigrane Farbfragmente auf Papier. Strukturbildend dabei wirkt das Mittel der spannungsreichen Diskrepanz. Was zunächst wie ein flottierendes Farbgespinst erscheint, mutet bei genauerer Betrachtung an wie eine Skizze technischen Charakters. Trotz malerischer Elemente dominiert der grafische Duktus, trotz warmer Farbakzente ist die Palette größtenteils hell, kühl und nüchtern. Leere und Ballung, Ausgreifen und Zurückziehen, Dichte und Transparenz bestimmen die Komposition. Bemerkenswerter Weise mündet die lockere, raumgreifende Struktur der beiden scheinbar schwebenden Objekte in ein gegenseitiges Beziehungsgeflecht aus straff gespannten Verbindungslinien. Genau diese bilaterale Aktion der Formen war motivisch wie technisch bereits Gegenstand einer weiteren Collage des Künstlers mit dem Titel „Übergreifen“, die auf 1977/78 datiert ist. Sie ist ebenfalls Eigentum der Universität.

Zwischen 1978 und 1989 gestaltete Heino Naujoks Wandbilder für öffentliche Gebäude in Bayern, wie z. B. die Technische Universität München, das Klinikum Großhadern und das Staatsarchiv Augsburg. 1990 erhielt Naujoks den Seerosenpreis der Stadt München.

Edith Hüttenhofer

Heino Naujoks: Abstraktes Bild

Heino Naujoks: Abstraktes Bild (1977, Bleistift, Buntstift und Aquarell auf Papier, 46 x 55 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0366

© Edith Hüttenhofer (LMU)

Oktober

Ein kosmischer Dichter

For the lands and for these passionate days and for myself,
Now I awhile retire to thee O soil of autumn fields,
Reclining on thy breast, giving myself to thee,
Answering the pulses of thy sane and equable heart,
Turning a verse for thee.

(1. Strophe von The Return of the Heroes, aus Autumn Rivulets)

In der Weltliteratur gilt die seit 1855 mehrfach aufgelegte Gedichtsammlung „Grashalme“ des amerikanischen Poeten Walt Whitman (geb. 1819 Long Island, gest. 1892 New Jersey) als erste große, demokratisch-kosmische Dichtung der Menschheit. Im 19. Jahrhundert wurde er in Amerika als Originalgenie gefeiert, da er den amerikanischen Traum des „neuen Edens“ als „neuer Adam“ literarisch kultivierte. Unbefangen von allem Vergangenen schuf Whitman in seinen Gedichtzyklen die Vision einer „neuen Welt“. Sein Fortschrittsglaube, seine Erdballgesinnung und kosmische Liebe fanden während der deutschen Literaturrevolution in einem regelrechten Whitman-Kult ihren Ausdruck. Denn den expressionistischen Schriftstellern schien seine Poesie als die unbelastete Möglichkeit eines gänzlichen Neuanfangs. Er beeinflusste Schriftsteller wie Franz Werfel, Johannes Robert Becher, Ernst Stadler, Iwan Goll, Ludwig Rubiner, Kurt Heynicke, Karl Otten und insbesondere Arno Holz.

Heute ist sein Konterfei aus Bronze in der Whitman-Hall des 1949 gegründeten Amerika-Instituts der LMU zu sehen. Das Bruststück (Höhe 65 cm) zeigt einen in Gedanken versunkenen Mann. Er neigt seinen Kopf leicht nach links, sein ernster Blick schweift am Betrachter vorbei. Der raue Wind fährt ihm durchs lange Haar, den rauschenden Bart und über das furchige Gesicht. Die Modellierung des Materials ist energisch durchgeführt, die Formen des dunkel schimmernden Metalls sind grobflächig hervorgeholt. Auf der linken Schulter liest man in großen Lettern die Signatur Ulfert Janssens (geb. 1878 in Friesland, gest. 1956 in München). Janssen beendete 1902 seine Fachstudien als Bildhauer an der Akademie der Bildenden Künste in München. 1911 wurde er Professor für Modellieren und Aktzeichnen an der Architekturabteilung der Technischen Hochschule in Stuttgart.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es sich verblüffender Weise um den gleichen Künstler handelt, der bereits für die 1909 fertig gestellte Große Aula des Hauptgebäudes der LMU bedeutende Bildwerke schuf. Von ihm stammen die mythologischen Pfeilerfiguren des Herakles und Prometheus, die sitzende Minerva über den Eingangstüren, die Karyatidenreliefs der hinteren Empore, die römische Wölfin und die astronomische Uhr an der Nordwand.

Edith Hüttenhofer

Ulfert Janssen: Portrait von Walt Whitman

Ulfert Janssen: Portrait von Walt Whitman, Bruststück (Vollplastik, Bronze, Höhe ohne Sockel: 65; Höhe mit Sockel: 184; Büstenbreite (Schultern): ca. 44 cm) Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0199

© Edith Hüttenhofer (LMU)

November

Ein Prinz vom Prinzen

Unser Kunstwerk des Monats November stammt aus dem Nachlass des Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern, der am 23. November 1949 in München verstarb. 1859 als ältester Sohn von Erbprinz Adalbert Wilhelm von Griechenland und dessen Gemahlin Amalia del Pilar de Borbón, Infantin von Spanien, in Madrid geboren studierte er zunächst in Heidelberg und von 1880 bis 1883 an der LMU in München Medizin. Danach wirkte er als Facharzt für Chirurgie und Gynäkologie und war im Ersten Weltkrieg Stationschef der Chirurgischen Abteilung im Münchner Garnisonslazarett.

Das Ölgemälde (200 x 103 cm) ist eine Kopie des berühmten Portraits, das Diego Velazquez 1635/36 malte und den jungen spanischen Thronerben Prinz Baltasar Carlos als Jäger darstellt. Das Original befindet sich heute im Museo del Prado in Madrid, wo es 1889 von Wilhelm Auberlen kopiert wurde, wie einer Aufschrift auf der Leinwandrückseite unseres Kunstwerks des Monats zu entnehmen ist. Auberlen, geboren 1860 in Stuttgart, gestorben 1948 in Lenggries, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München und arbeitete als Genremaler und Bildhauer.

Wilhelm Auberlehn: Portrait des Prinzen Baltasar Carlos im Kindesalter als Jäger

Wilhelm Auberlen: Porträt des Prinzen Baltasar Carlos im Kindesalter als Jäger, Ganzfigur stehend, Kopie nach Velasquez (1889, Öl auf Leinwand, 222 x 133 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0129

© Edith Hüttenhofer

Dezember

Zur Erinnerung an einen Freund

Unser Kunstwerk des Monats ist ein Portrait (95,5 x 66,5 cm, Öl auf Pappe, oben rechts signiert), das Franz von Lenbach von seinem Freund, dem Germanisten und Literaturwissenschaftler Michael Bernays (1834-1897) malte. Professor Bernays war im Jahre 1874 auf den deutschlandweit ersten Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der LMU berufen worden. Kurz bevor der angesehene Goethe-Experte 1890 emeritierte und nach Karlsruhe übersiedelte, bat ihn Franz von Lenbach, ihn portraitieren zu dürfen. Das Gemälde verblieb im Besitz von Lenbach, der es für sich selbst gewissermaßen zum besseren Andenken an seinen von München weggezogenen Freund geschaffen hatte. Als 1899 von Georg Witkowski Schriften aus dem Nachlass von Michael Bernays herausgegeben wurden, stellte Lenbach selbst sein Gemälde zum Zweck einer Abbildung in der Publikation zur Verfügung. Nach Lenbachs Tod verliert sich die Spur des Bildes zunächst, bis es schließlich im Mai 1980 bei einer Auktion in Luzern wieder auftaucht. Allerdings wird es im dortigen Katalog als „Bildnis des Grafen Schack“ aufgeführt. Diese irrtümliche oder möglicherweise zeitweise auch ganz bewusst irreführende Bezeichnung des Dargestellten, könnte der Grund dafür sein, dass das Portrait von Michael Bernays, der jüdischer Abstammung war, auch die Zeit des Nationalsozialismus völlig unbeschadet überstanden hat.

1997 wurde das Bild ein weiteres Mal in Luzern als Portrait Schacks zur Versteigerung angeboten, wo es ein Urgroßneffe von Professor Bernays erwarb und es im Folgejahr der LMU stiftete. Am 27. April 1998 wurde das Gemälde im Rahmen einer Feierstunde im Senatssaal der Universität übergeben.

Lit.: Konrad Feilchenfeldt, Das wiederentdeckte Michael-Bernays-Porträt von Franz von Lenbach. In: Marbacher Arbeitskreis für Geschichte der Germanistik, Mitteilungen 1999, Doppelheft 15/16, S. 39-41.

Franz von Lenbach: Professor Michael Bernays, Halbfigur

Franz von Lenbach: Professor Michael Bernays, Halbfigur (1890, Öl auf Malkarton, 114,3 x 82 cm). Eigentum der LMU: Kunstinventar Nr. 0034