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„Angriff auf die westliche Psyche“

19.06.2015

Hinrichtungen in Slow Motion, hypnotisierende Soundtracks, virale Verbreitung: Islamwissenschaftler David Arn über die moderne Medienstrategie des Islamischen Staats und die Mechanismen, mit denen sie verfängt

Der IS dokumentiert seine Gräueltaten mit Videos, die im Internet kursieren. Warum?Arn: Der Islamische Staat verfolgt eine äußerst ausgeklügelte Medienstrategie. Ein wichtiges Ziel ist die Einschüchterung des Gegners – im Westen, aber vor allem lokal und regional. Bevor der IS die Stadt Mossul einnahm, hat er Sicherheitskräfte wie Zivilisten gezielt mit Bildern von grausamen Hinrichtungsszenen konfrontiert, um sie einzuschüchtern und vom Kampf abzuhalten. Zu Beginn des syrischen Aufstands, von 2011 an, waren die Videos zudem ein wichtiges Element, um sich potenziellen Geldgebern zu präsentieren. Der IS hat sich von Anfang an durch seine wesentlich professionellere Medienproduktion von anderen dschihadistischen Gruppierungen abgehoben. Die Medien dienen außerdem der Rekrutierung von Anhängern – wenn auch diese Wirkung in der Forschung umstritten ist.

Hat der IS mit seiner Strategie Erfolg?Arn: Die größte Breitenwirkung erreicht der IS durch die Berichterstattung der internationalen Medien. Seine Bekanntheit übertrifft bei Weitem die reine Manpower und den Einfluss in der Region. Das hat stark zur Ausbreitung des IS-Machtgebiets beigetragen. Al Qaida hatte früher noch gezielt Videos an al-Jazeera geschickt, und die westlichen Medien haben das dort ausgestrahlte Material weiterverbreitet. Der IS verlässt sich darauf, dass seine Videos und Bilder, die im Internet relativ frei kursieren, von den westlichen Medien aktiv gesucht und weiterverbreitet werden. Das ist bewusst kalkuliert.

Was hat der IS von Al Qaida übernommen?Arn: Alle zentralen Bestandteile der IS-Videos – wie etwa Nahaufnahmen der Bombenanschläge, Bekenntnisse der Selbstmordattentäter oder die Bildsprache insgesamt – sind bereits von Al Qaida entwickelt worden. Al Qaida wollte jedoch die muslimische Öffentlichkeit nicht mit zu brutalen Bildern verschrecken, während der IS von Anfang an auf extreme Grausamkeit gesetzt und ihre Darstellung auf äußerst dynamische Action getrimmt hat. Natürlich ist die Technologie heute fortschrittlicher, aber der IS nutzt sie auch viel geschickter und zielgerichteter als Al Qaida. Die IS-Videos übertreffen in der Inszenierung von Gewalt sogar Hollywood-Blockbuster: So werden zum Beispiel Explosionen in Slow Motion gezeigt oder die Gesichter der Todgeweihten in verstörender Nahaufnahme. Die Filme zielen stark auf die Emotionen der Zuschauer ab. Diese brutalen Gewaltszenen werden psychologisch geschickt mit cappella-artigen Liedern, nasheeds, untermalt, die eine eigenartige betäubende Wirkung auf den Zuschauer entfalten.

Sie meinen, es ist eine Art Gehirnwäsche?Arn: Diese Lieder haben eine sublimierende, transzendierende Wirkung, die schwer zu beschreiben ist. Die Brutalität der Gewalt wird durch die harmonischen Gesänge gewissermaßen gemildert.

Beschäftigt der IS also auch Psychologen? Arn: Das ist schwer zu sagen. Der IS ist wohl gegen Psychologie als medizinisches Fach. Aber die wichtigsten Hintermänner sind ja mehrheitlich ehemalige irakische Geheimdienst- oder Armeeoffiziere, die sehr viel Erfahrung auch in psychologischer Kriegsführung haben.

Auch Bilder der Zerstörung archäologischer Ausgrabungsstätten durch den IS wurden in westlichen Medien gezeigt. Arn: Vielleicht erinnern Sie sich an die Zerstörung der Buddha-Statuen durch die Taliban in Afghanistan 2001. Der IS wusste, dass er die westliche Öffentlichkeit an einer sehr empfindlichen Stelle trifft, wenn er die Zerstörung von Kulturgütern inszeniert, die nicht nur für die irakische Geschichte wichtig sind. Es handelt sich um ein universelles Kulturerbe, was sich ja auch darin zeigt, dass solche Artefakte in westlichen Museen stehen. Seine Zerstörung ist ein ganz bewusstes Verletzen der westlichen Psyche und Identität. An sich wäre es lohnender gewesen, die Kulturgüter zu verkaufen, womit der IS in der Tat viel verdient. Natürlich passt es aber zu der salafistischen Ideologie, die nichts akzeptiert außer dem eigenen Islamverständnis und alle anderen kulturellen Zeugnisse zerstören möchte. Ein weiterer Aspekt ist, dass der Islamische Staat keine Staatengrenzen akzeptiert. In einem Propagandafilm wird das Niederreißen der Grenze zwischen Irak und Syrien – festgelegt durch das Sykes-Picot Abkommen – als Auflehnung gegen die vom Westen aufgezwungene Staatenordnung inszeniert.

Öffentlichkeitswirksam waren offenbar auch über das Internet verbreitete Fotos von IS-Kämpfern mit Kätzchen. Was war damit beabsichtigt? Arn: Die Strategie des IS basiert nicht nur auf Gewalt sondern auch auf einer Inszenierung des „ganz normalen“ Lebens der IS-Kämpfer – was vor allem der Rekrutierung neuer Anhänger dient. Die Kätzchenfotos beziehen sich auf Abu Huraira, einen Gefährten des Propheten Mohammed, der ein großer Katzenliebhaber gewesen sein soll. Insbesondere die westlichen Kämpfer haben bis vor ein paar Monaten weitgehend frei über Facebook und Twitter über ihr Leben im IS berichtet. Das ist ein zentraler Punkt in der Medienstrategie: Die IS-Kämpfer stellen sich als auserwählte Gemeinschaft von religiösen Brüdern (und Schwestern) dar, deren Leben sich jedoch keineswegs auf den Kampf beschränkt. Sie geben in den sozialen Medien viel Persönliches von sich preis und zeigen ihr alltägliches Leben im Islamischen Staat als „normale“ Bürger, denen es nicht an Komfort – wie etwa westlichem Fastfood – fehlt. Diese individuelle Ebene spielt eine zentrale Rolle bei der globalen Kommunikation mit Anhängern und Sympathisanten, die so in persönlichen Kontakt und Austausch mit dem IS treten können.

Wie ist die Medienproduktion organisiert? Arn: Es gibt eine Art Medienministerium, dem vier Produktionsfirmen unterstehen, die die groben Narrative vorgeben und mit den modernsten technischen Mitteln ausgestattet sind, etwa mit hochauflösenden Kameras, Drohnen, modernsten Computern und der nötigen Software. Der zentrale Medienstab besteht aus mehreren Personen, die unterschiedliche Positionen besetzen. Das Medienbüro al-Hayat etwa produziert Spielfilme und Onlinemagazine in verschiedenen Sprachen – Englisch, Französisch, Russisch, Türkisch, Deutsch – für ein internationales Publikum. Hier spielt vermutlich der Deutsche Denis Cuspert, der sich zuvor erfolgreich als Gangsta-Rapper versucht hat, eine zentrale Rolle. Zudem hat jede der 16 Provinzen ein Medienbüro, um weitgehend unabhängig eigene Inhalte zu produzieren, wenn diese in letzter Zeit auch stärker zentral kontrolliert werden. Gezeigt werden zum Beispiel Kampfszenen an der Grenze und Hinrichtungen, in letzter Zeit zudem häufig die Durchführung von sogenannten hadd-Strafen wie Amputationen als Strafe für Diebstahl. Daneben wird aber auch über positive administrative Errungenschaften des IS wie das eigene Gesundheitswesen, verlässliche und effiziente Scharia-Gerichte oder Brotvergünstigungen berichtet. Die Professionalität der Medienstrategie hat stark zum Erfolg des IS im dschihadistischen Milieu beigetragen und ist von neu angeworbenen Gruppierungen – wie etwa Boko Haram – erfolgreich adaptiert worden.

Und wie werden die Videos verbreitet? Arn: Dafür hat der IS von Anfang an auf verschiedene Online-Plattformen gesetzt – insbesondere aber auf sogenannte Ritter des Uploads oder Fanboys. Das sind über die Welt verstreute Personen, die zum Dunstkreis des Dschihadismus zählen, ohne zwingend selbst Mitglied des IS zu sein. Sie kommunizieren mit IS-Mitgliedern und Sympathisanten und verbreiten deren Material in verschiedenen Netzwerken. Es gibt Zehntausende von Accounts, wenn auch möglicherweise nicht so viele Personen, da einzelne mehrere Accounts haben können. Die internationale Gemeinschaft versucht vergeblich, diese dschihadistische Propaganda im Netz zu kontrollieren und zu löschen – Twitter etwa schließt wöchentlich unzählige Pro-IS-Accounts. Eine Kontrolle dieses Materials ist letztlich jedoch unmöglich, da diese Verteiler das Material einfach über neue Accounts verbreiten.

Wie richtet sich der IS an die westliche „Zielgruppe“? Arn: Videos, die die Enthauptung westlicher Geiseln zeigen, stammen in der Regel vom internationalen Medienbüro al-Hayat. Diese produziert auch englische Propagandafilme sowie eine Anzahl von Hochglanzmagazinen in westlichen Sprachen. Darin werden die Leser mit Hinweis auf die Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina selbst aufgefordert, in den IS zu migrieren oder auch vor Ort für Befehle des IS bereitzustehen. Daneben gibt es etwa einen Reiseführer mit Tipps zu Reiserouten, zur Umgehung von Grenzkontrollen oder zu der benötigten Ausstattung – eine Art Lonely Planet für Dschihadisten. In der Regel sind die Medien für den Westen weniger grausam und bedienen andere Legitimationsstrategien als das arabische Material.

Warum gibt es diese inhaltlichen Unterschiede? Arn: Eine Erklärung könnte sein, dass sich die Menschen im Nahen Osten in den vergangenen Dekaden viel mehr an alltägliche Gewalt gewöhnt haben. Gewaltdarstellungen sind in arabischen Medien grundsätzlich weniger zensiert als im Westen. Was im Westen jedoch häufig übersehen wird, ist, dass sich der IS größte Mühe gibt, alle seine Gräueltaten religiös zu legitimieren. Die Gewalt wird eingebunden in die Gesamtnarrative des IS und meist als Reaktion auf Gewaltakte lokaler Regierungen oder etwa auf amerikanische Luftangriffe dargestellt. Entsprechend stehen – zweifelsfrei echte – Bilder der zivilen Opfer dieser Übergriffe oft im Zentrum. Im arabischen Raum wird vor allem die schiitische Unterdrückung – durch die schiitisch dominierte irakische Regierung wie durch die syrische Alewiten-Regierung – zur Rechtfertigung herangezogen. Für das internationale Publikum wird eher der Kampf gegen Unterdrücker und Tyrannen allgemein bemüht, wie ihn der „Arabische Frühling“ vorgegeben hat. Diese Strategie geht jedoch nicht immer auf: In der jordanischen Bevölkerung hat der IS seit der Ermordung des jordanischen Piloten Moaz al-Kassasbeh viel an Rückhalt verloren.

Die Ideologie des IS ist von einem westlichem Standpunkt aus rückwärtsgewandt – wie passt es damit zusammen, dass der IS moderne Medien nutzt? Arn: Das ist ein Widerspruch des Dschihadismus und Salafismus überhaupt. Bereits Al Qaida hatte vorgemacht, wie man mit modernsten Mitteln eine angebliche hehre Urzeit heraufbeschwört. Aber allein die Suche nach einer solchen Urzeit ist ja ein modernes Phänomen.

Was wäre die richtige Antwort auf die IS-Medienstrategie? Arn: Die Erfahrung mit Al Qaida zeigt: Je aktiver man das Bild- und Videomaterial bekämpft, desto größer wird dessen Anziehungskraft. Auf die Internetunternehmen wird zurzeit großer Druck zur strengeren Kontrolle der Inhalte ausgeübt, vor allem in Israel und Nordamerika. Wenn diesen Forderungen jedoch Folge geleistet würde, würde letztlich die Philosophie des freien Netzes insgesamt ausgehebelt. Ironischerweise wurde den Sozialen Medien zu Beginn des „Arabischen Frühlings“ ja noch ein inhärentes demokratisches Potenzial zugeschrieben. Sicher zu wenig thematisiert wird, dass gerade die Gewalt, die der IS medial verbreitet, anziehend sein kann. Für mich hat der Islamische Staat, überhaupt der Salafismus, gerade auch in Deutschland, viel mit einer neuen Form jugendlicher Protestkultur zu tun. Je mehr man ihn verteufelt, desto attraktiver wird er für die jungen Menschen, die auf möglichst krasse und einzigartige Erlebnisse aus sind. Der IS bietet heute in der westlichen liberalen Gesellschaft eine der wenigen Möglichkeiten, Tabus zu brechen. Man müsste diese Gewalt in einen anderen Kontext setzen, damit sie nicht mehr so attraktiv ist. Damit kann man aber nur erfolgreich sein, wenn man inhaltlich gegen diese Propaganda vorgeht, schlüssige Gegen-Narrative entwickelt. Die Gegenstrategie aber, wie etwa das Online-Programm „Think Again – Turn Away“ der US-Regierung, ist viel zu lahm, um auf Menschen zu wirken, die so von Gewalt-Videos fasziniert sind.

Wie sollte die Presse auf das ständig neu bereitgestellte Bildmaterial reagieren? Arn: Vielleicht kann man schlicht auf Ermüdungserscheinungen der internationalen Medien vertrauen. Diese Gewalt lässt sich nicht ewig toppen. Man dürfte den Bildern grundsätzlich nicht zu viel Beachtung schenken. Der Islamische Staat erreicht seine öffentliche Wirkung nicht so sehr durch die Gewaltakte an sich. Ausschlaggebend ist die Art, wie diese Gewalt inszeniert wird.

Interview: Nicola Holzapfel

Dr. des. David Arn leitet die Forschungsgruppe „Moderne Arabische Massenmedien“ am Institut für den Nahen und Mittleren Osten der LMU.

 Das Interview ist der neuen Ausgabe der Einsichten entnommen. Sie erscheint Anfang Juli. Sie können das LMU-Forschungsmagazin kostenlos abonnieren.