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Auschwitz-Überlebende Eva Schloss im Zeitzeugen-Zoom

13.07.2020

LMU-Studierende treffen die Zeitzeugin Eva Schloss zum Gespräch. Doppelt aufregend, denn wegen Corona schaltet sich die 91-Jährige per Zoom zu.

Eva Schloss 2012 im Apartheid Museum in Johannesburg.

Eva Schloss 2012 im Apartheid Museum in Johannesburg. | © imago images / Gallo Images

„Can you imagine?” – es ist eigentlich eine rhetorische Frage. Am Tag des eigenen fünfzehnten Geburtstages verraten, dann nach Auschwitz deportiert, ein Leben mit ständiger Todesangst. Natürlich kann sich das niemand vorstellen. Trotzdem wiederholt Eva Schloss im Gespräch mit den Studierenden immer wieder diese Frage. Sie berichtet eindringlich davon, wie es so war im Konzentrationslager und wie es so war, als dann plötzlich alles vorbei war.

„Anfangs hatten wir geplant, im Rahmen unseres Seminars nach Wien zu fahren und dort Eva Schloss zu treffen”, erzählt Anja Ballis. Sie ist Professorin für Deutschdidaktik mit einem Schwerpunkt auf Holocaustliteratur. Im Rahmen des Seminars „Eva Schloss – eine Zeitzeugin im Gespräch“ beschäftigte sie sich mit ihren Studierenden intensiv mit dem Leben und den medialen Zeugnissen der Zeitzeugin. „Dann kam aber Corona dazwischen und aus dem Zeitzeugengespräch wurde ein Zeitzeugen-Zoom. Schön war aber, dass am Zeitzeugen-Zoom auch weitere Studierende und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilnehmen konnten.“

Für Eva Schloss, die heute in England lebt, war das mittlerweile das zweite digitale Zeitzeugengespräch. Die gebürtige Wienerin floh 1938 mit ihrer Familie aus Österreich vor den Nationalsozialisten. Sie schlugen sich nach Belgien und in die Niederlande durch, bis sie 1944 gefasst und nach Auschwitz deportiert wurden. Die Videokonferenz als Ersatz für das reale Treffen war ihre Idee, denn wie Eva Schloss selbst sagt, ist es ihr besonders wichtig, ihre Geschichte im direkten Gespräch zu erzählen. „Der persönliche Austausch fügt dem Umgang mit der Geschichte eine ganz neue, intensive Dimension hinzu”, so Ballis. „Don‘t be a bystander!”

Trotz kleiner technischer Schwierigkeiten wird den Studierenden dieses Erlebnis so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen. „Wir waren davor richtig aufgeregt, weil es wirklich eine große Ehre ist, dass sich Frau Schloss Zeit genommen hat, uns von ihren Erlebnissen zu erzählen” sagt Lehramtsstudentin Verena, die bei dem Gespräch dabei war. Doch das Zeitzeugen-Zoom war keine Einbahnstraße. Nachdem Eva Schloss ihre Lebensgeschichte erzählt hatte, gab sie den anwesenden Studentinnen und Studenten Raum für Fragen.

„Besonders hat mich interessiert, wieso Frau Schloss nach 75 Jahren an den Ort zurückgekehrt ist, wo ihr Bruder und ihr Vater gestorben sind”, erzählt Verena. „Obwohl ich da ein sehr emotionales Thema angesprochen habe, war es sehr schön, dass sie da ganz offen und ehrlich geantwortet hat.” Eine weitere Besonderheit: Mit der gleichen Offenheit antwortete sie auch auf aktuelle Themen. Wie nehmen Sie die Flüchtlingssituation wahr? Wie empfinden Sie den Lockdown? Eva Schloss weicht den Fragen nicht aus.

Deswegen fragte Verena ganz direkt, was Eva Schloss den Studierenden mitgeben wolle. „Ihre Antwort war ganz einfach ‘Don’t be a bystander’”, erzählt die Studentin. „Gerade in der heutigen Zeit ist das so wichtig. Eva Schloss ist eine große Inspiration für mich. Sie ist eine tolle und mutige Frau.”

„Es ist tragisch, wenn in wenigen Jahren keine Zeitzeugen des Holocaust mehr am Leben sein werden”, beklagt Anja Ballis. „Das ist eine Lücke, die wir auch medial kaum füllen werden können.” Trotzdem geben sich Ballis und ihre Kolleginnen und Kollegen alle Mühe, die persönlichen Zeugnisse zu bewahren. Neben der Aufzeichnung des Zeitzeugen-Zoom haben sie im Rahmen des Projektes LediZ interaktive Videoaufnahmen von Zeitzeugen geschaffen, mit denen Schülerinnen und Schüler sowie Studierende den Dialog zumindest noch simulieren können.

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