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Corona Lectures: Mit Mutationen im Wettlauf

03.03.2021

LMU-Mediziner Michael Hoelscher beleuchtet in den „Corona Lectures“, was die zunehmende Verbreitung von Mutanten für die Impfstrategie bedeutet.

Spritze wird mit dem Impfstoff befüllt

© IMAGO / Jochen Eckel

Mutationen des Coronavirus stellen Vorhersagen zum Pandemieverlauf, die mögliche Bildung einer Herdenimmunität und die Wirksamkeit von Impfungen grundsätzlich in Frage. In Großbritannien, Südafrika und Brasilien haben sich verschiedene Mutationen rasant verbreitet. Auch in Deutschland werden zunehmend Mutationen gefunden und Forscher rechnen damit, dass weiterhin neue Varianten des Virus auftauchen werden.

Welche Auswirkungen hat dies auf die Wirksamkeit von Impfungen? Wie kann man die nationale und weltweite Impfstrategie anpassen? Diesen Fragen stellt sich LMU-Mediziner Prof. Dr. Michael Hoelscher in seinem Vortrag am 9. März 2021 im Rahmen der „Corona Lectures“. In einer Rückschau wird der Leiter der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin die epidemiologische Entwicklung weltweit, aber auch im Detail in München betrachten und insbesondere auf die Daten der von ihm geleiteten populationsbasierten KoCo19-Studie eingehen. Der Mediziner skizziert, was wir aus den bisherigen Erkenntnissen für den weiteren Verlauf der Epidemie lernen können.

Vortrag

Prof. Dr. med. Michael Hoelscher: Mit Mutationen im Wettlauf – Die Epidemie verstehen und eindämmen

Dienstag, 9. März 2021, 18.15-19.45 Uhr

Weitere Informationen über die „Corona Lectures“-Initiative
Kontakt: ringvorlesung-lmu@lmu.de

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Drei Fragen an Prof. Dr. med. Michael Hoelscher:

Mutanten des Virus breiten sich derzeit auch in Deutschland aus. Was bedeutet das für die geplanten Lockerungen?

Michael Hoelscher: Es ist ein völlig normaler Vorgang, dass Viren mutieren. Dies passiert jeden Tag in jedem infizierten Menschen tausendfach. Die allermeisten dieser Mutationen sind jedoch für das Virus so schädlich, dass sich die mutierten Viren nicht weiterverbreiten können. Erfolgreich sind nur Mutationen, die einen Selektionsvorteil haben, wie z.B. die englische und die südafrikanische Virusvariante. Während die englische Variante eine höhere Übertragbarkeit und krankmachende Wirkung hat, bewirkt die südafrikanische Mutation, dass die Viren vom Immunsystem nicht mehr so gut erkannt werden. Im Prinzip haben wir es jetzt mit drei völlig unabhängigen Epidemien zu tun. Während die Anti-Coronamaßnahmen recht effektiv die Zahl der Neuinfektionen mit der ursprünglichen Variante (Wildtyp) reduzieren, breitet sich die englische Variante trotz der Einschränkung immer schneller aus. In dem Augenblick, in dem wir lockern, werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach einen sehr steilen Anstieg der Neuinfektionen haben. Der einzig gegenläufige Einflussfaktor könnten steigende Temperaturen ab April/Mai sein. Wir sollten deswegen unter allen Umständen versuchen, die Infektionszahlen so lange wie möglich niedrig zu halten.

Sind die Impfungen deshalb weniger wirksam? Wie schnell können Impfstoffe an neue Mutationen angepasst werden, falls erforderlich?

Michael Hoelscher: Wie bereits oben angedeutet, werden die SARS-CoV-2-Viren mit den „südafrikanischen Mutationen“ vom Immunsystem bereits infizierter/geimpfter Personen nicht so gut erkannt. Dies bedeutet nicht automatisch, dass die Impfungen gar nicht mehr wirken. Es sieht aber so aus, als bräuchte der Körper höhere Antikörpertiter, um diese Virusvariante zu bekämpfen. Als Konsequenz bedeutet dies wahrscheinlich, dass eine frühere dritte Auffrischimpfung notwendig sein wird – idealerweise mit einem angepassten Impfstoff. Die Anpassung der Impfstoffe ist möglich, jedoch ergeben sich für die verschiedenen Impfstoffe unterschiedliche, zum Teil noch unbeantwortete Fragen. Grundsätzlich können mRNA-Impfstoffe innerhalb weniger Wochen angepasst werden, hier stellt sich eher die Frage nach der Verträglichkeit einer dritten Impfung. Aus der aktuellen Praxis wissen wir ja, dass die zweite Dosis deutlich schlechter vertragen wird als die erste Dosis. Ob sich dieser Trend mit jeder weiteren Impfung fortsetzt, wird gerade erprobt. Bei Vektorimpfstoffen könnte es sein, dass die dritte Impfung deutlich schlechter wirkt, dass sich eine Immunantwort gegen den Vektor gebildet hat und der Vektor zu schnell eliminiert wird – auch hierzu laufen Studien. Eine Möglichkeit wäre es, verschiedene Impfstoffe nacheinander zu verabreichen.

Welche Aufschlüsse geben die epidemiologische Entwicklung und die Daten aus Ihrer KoCo19-Studie für den weiteren Verlauf der Pandemie?

Michael Hoelscher: Wesentliche Erkenntnisse der KoCo19-Studie sind die beobachteten Änderungen in der Dunkelziffer. Hieraus können wir abschätzen wie gut unsere Teststrategie wirklich ist. Zwischen Frühjahr/Frühsommer und dem Herbst gab es eine deutliche Reduktion von 4,5 auf ca. 2. Das bedeutet, dass die Menschen die Erkrankung deutlich ernster genommen haben und sich häufiger testen ließen. Wir starten gerade eine neue dritte KoCo19-Runde, um festzustellen, wie viele Menschen sich im Winter angesteckt haben. Insgesamt werden wir meiner Meinung nach nicht über 10 Prozent der Münchner kommen.

Wichtig sind auch unsere Studien zum Verlauf der Antikörpertiter nach durchgestandener Sars-CoV-2 Infektion. Hier sehen wir nach 240 Tagen einen langsamen Abfall. Die Strategie, die bereits Infizierten für mindestens ein halbes Jahr von der Impfung zurückzustellen, erscheint vor dem Hintergrund dieser Daten sinnvoll.

Prof. Dr. med. Michael Hoelscher ist Leiter der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin und an einer Reihe Corona-Studien beteiligt. An seinem Institut wurde der erste Fall von SARS-CoV-2 in Deutschland diagnostiziert.

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