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Diagnose: Digital!

07.07.2020

Lernen am Krankenbett - In Zeiten von Corona ist dies für Medizinstudierende kaum möglich. Gut, dass es da noch die virtuellen Patienten gibt...

Frau schaut auf Computerbildschirm ein medizinisches Fallbeispiel an

Auch wenn die Studierenden nicht ans Krankenbett können - mit dem virtuellen Patienten können sie Fallbeispiele üben. | © Simonsohn

124 verschiedene Gründe gibt es der Lernplattform des Medizinischen Fakultätentags zufolge, warum Patienten zum Arzt gehen. “Von Attestwunsch bis Schwangerschaftsbetreuung – und von Bauchschmerzen bis Nasenbluten – kann alles dabei sein“, sagt Dr. Prof Martin Fischer. Die Gründe sind vielfältig und die Studierenden müssen auf ihrem Weg zum Arzttitel lernen, diese Situationen einzuschätzen und richtig mit ihnen umzugehen.

Normalerweise geschieht das vor allem in der klinischen Praxis. Doch seit Corona läuft im Krankenhaus – und damit auch im Lehrbetrieb, alles etwas anders. Zwar engagieren sich viele Studierende in der Corona Betreuung, der klassische Unterricht am Krankenbett fällt derzeit allerdings aus. Das liegt daran, dass in den Kliniken zwischenzeitlich äußerst strenge Besuchervorschriften herrschen. Nur die nächsten Angehörigen durften Patienten besuchen – und das auch nur zwei Stunden am Tag.

„Da geht es natürlich nicht, dass wir mit den Studierenden zu sechst Unterricht am Krankenbett machen“, erklärt Fischer. Der patientennahe Unterricht lasse sich leider nur sehr eingeschränkt kompensieren.

„Aber wir haben virtuelle Patienten entwickelt und die sind jetzt natürlich toll geeignet, um praxisrelevante Patientengeschichten mit den Studenten durchzusprechen.“

Ein bißchen Science-Fiction im Medizinstudium

Ein digitaler Patient – das klingt ein bißchen nach Science-Fiction. Doch tatsächlich arbeitet Fischers Fakultät bereits seit über 25 Jahren mit diesem Modell. Gemeinsam mit den Psychologen Frank Fischer und Heinz Mandl hat Fischer die CASUS Lernplattform „Fallbasiertes Lernen“ entwickelt. Startpunkt ist stets ein Bild oder Video eines Patienten, der ein medizinisches Problem schildert.

„Und mit diesem Problem beginnen dann die Überlegungen: Was könnte dieser Patient haben, was muss ich als Ärztin oder Arzt weiter tun, welche Anamnese-Fragen muss ich stellen, um das einzugrenzen?“, erzählt Fischer begeistert. Bei den Fallbeispielen handelt sich um echte Patientengeschichten, didaktisch modifiziert, sodass sie möglichst lehrreich für die Studierenden sind. Dazu gehören auch Röntgenbilder, EKGs oder andere Befunde, die miteingebaut werden.

Der virtuelle Patient kommt bei den Studierenden gut an

Bei den Studierenden kommt der virtuelle Patient gut an. Zwar arbeiten sie Fischer zufolge lieber mit echten Patienten, sind jedoch jetzt in Corona-Zeiten äußerst dankbar für diese Möglichkeit, patientenbezogene Trainings zu bekommen. Fischer sieht durchaus Vorteile beim digitalen Patienten. „So ein virtueller Patient ist überall verfügbar, in standardisierter Form, womit auch die verbundenen verschiedenen Abwägungs- und Entscheidungsprozesse sehr gut geübt werden können.“

Zudem bekämen die Studierenden während des Prozesses Feedback: „War das jetzt die richtige Entscheidung, was hätte ich sonst noch überlegen können? Das fällt ja beim teilweise schwer planbaren Unterricht am Krankenbett häufig weg, weil die Patienten gar nicht da sind, die man eigentlich bräuchte. Vielmehr muss man mit denen Vorlieb nehmen, die auf der Station gerade verfügbar sind.“

Das Prinzip dieses „inverted classroom“ Modells – Studierende beschäftigen sich online vor der eigentlichen Unterrichtseinheit in Präsenz mit dem Lernstoff und erarbeiten sich selbstständig die Inhalte des jeweiligen Fallbeispieles - bietet den Vorteil, dass aktives Lernen gefördert wird und jeder Lerner sich nach eigenem Bedarf vorbereiten kann.

Zudem bleibt Fischer zufolge mehr Zeit für Diskussionen unter den Studierenden und mit den Lehrenden: „Dann kann man schauen: Wo sind denn eigentlich Fehler aufgetreten? Wie kann man aus den Fehlern lernen – nicht nur aus den eigenen, sondern auch aus denen der Kommilitonen. Über synchrone Videokonferenzen machen wir diese Diskussionen aktuell relativ ausgeprägt.“

Kommunikationstraining am Küchentisch

Damit die Studierenden auch weiterhin die so wichtige Gesprächsführung mit den Patienten üben können, haben Fischer und sein Team gemeinsam mit der Universität Basel Online-Kommunikationstraining mit Schauspielpatienten – sogenannte Web-Encounter – in ihre digitale Lehre integriert.

„Die Schauspielpatienten kommen nicht wie bisher zu uns in die Trainings, wo Gesprächsführung geübt wird, sondern die sitzen jetzt am Küchentisch zu Hause und werden von den Studierenden über eine synchrone Videoübertragungssoftware interviewt.“ Die Schauspielpatienten würden ihr Feedback über die Gesprächsführung dann dezidiert an die Studierenden zurückmelden.

„Das ist eine ziemlich tolle Sache, weil man so weiterhin Kommunikationstraining mit echten Menschen üben kann – und dabei auch sehr flexibel ist, wann man übt. Das wäre auch noch mal was, was andere Fakultäten bislang nicht machen und wo wir sehr innovativ unterwegs sind.“ 250 virtuelle Patienten – 150 weitere sollen hinzukommen

Von der Innovation des virtuellen Patienten profitieren andere Medizin-Fakultäten in Deutschland bereits. Denn die LMU ist Teil des Projekts „Nationale Lernplattformen für digitales Patienten-bezogenes Lernen im Medizinstudium“, das vom Bundesministerium für Gesundheit während der Covid-19 Pandemie mit einer halben Million Euro gefördert wird.

Die Lernzielplattform, aufbauend auf Vorarbeiten der Universitäten Göttingen, Heidelberg, Berlin und der LMU, will einen Beitrag zur standortübergreifenden Digitalisierung des Medizinstudiums leisten. Sämtliche Medizin-Fakultäten in Deutschland, auch jene, die selbst keinen aktiven Beitrag leisten, können auf diese Plattform zugreifen. Rund 250 virtuelle Patienten hat die LMU bereits in die Lernplattform eingespeist – 150 weitere Fallbeispiele werden bald folgen und weitere sollen zusätzlich entwickelt werden.

Ein wichtiger Beitrag zum Medizinstudium

Ziel ist es, alle Gründe, warum ein Patient zum Arzt geht, für die Studierenden mit Fallbeispielen abzudecken. „Wenn Sie sagen, Sie haben Bauchschmerzen, gibt’s natürlich viele Ursachen dafür“, erklärt Fischer. „Da braucht man dann eine ganze Gruppe von Beispielpatienten, über die sich die Studierenden dann Gedanken machen dürfen und sollen.“

Über die finanzielle Förderung des Projektes und das plötzliche Interesse am virtuellen Patienten freut sich Fischer: „Dass das jetzt so eine Renaissance an Aufmerksamkeit bekommt, ist sicherlich durch die Pandemie bedingt.“ Das Projekt werde aber auch in der Zukunft einen wichtigen Beitrag zum Medizinstudium leisten können.“ Ich glaube, dass auch unabhängig von Corona das Einüben gut begründeter klinischer Entscheidungen anhand von Patientensimulationen - wie gehe ich eigentlich gut abgewogen diagnostisch vor - sehr sinnvoll ist.“