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Die Kraft der Differenz

19.02.2021

Die Ethnologin Eveline Dürr über kulturelle Vielfalt, über wissenschaftliche Konzepte zur Diversität und die Aufladung des Begriffes.

Zeugnis kultureller Vielfalt

Giebelwand eines Zeremonialvorratshauses, Papua-Neuguinea. Museum Fünf Kontinente, München | © Philipp Thalhammer / LMU

Diversität ist ein schillernder und heute viel genutzter Begriff. In Ihrem Fach ist er klar konturiert. Was heißt Diversität in der Ethnologie?

Eveline Dürr: In der Ethnologie steht Diversität für kulturelle Vielfalt. Es geht dabei um sämtliche Lebensbereiche, sowohl Wissensbestände als auch lebensweltliche Praxis, um Glaubensvorstellungen, Verwandtschaftsklassifikationen, Subsistenztechniken, die den eigenen Bedarf decken, um die Organisation des Alltags. Wir wollen verstehen, wie Akteure ihrem Leben Sinn geben, wie sie sich selber in der Welt verorten. Das wollen wir erfassen und als Basis der Theoriebildung nutzen.

Welche Wurzeln hat die Diskussion um kulturelle Vielfalt in Ihrem Fach?

Dürr: Eine wichtige Debatte wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geführt. Im Zuge des sogenannten Evolutionismus kam die Frage nach dem Ursprung von kultureller Vielfalt auf. Damals hatte man eine sehr eindeutige Antwort: Die ganze Menschheit entwickelt sich vom Einfachen zum Komplexen. Und so unterscheiden sich Kulturen je nach Entwicklungsstand. Man hat sie also in einem zeitlichen Raster verortet – und sie gleichzeitig in einem Existenzkampf gesehen: Die Stärksten setzen sich durch und überleben. Kulturen, die als besonders primitivistisch betrachtet wurden, beispielsweise Jäger und Sammler, galten so gesehen als Laboratorium der Menschheitsgeschichte. Sie zeigten, so hieß es, wie sich die Menschheit in ihren Anfangsstadien etabliert hat. Daraus leitete die Wissenschaft damals Theorien ab, wie die Menschheit sich weiterentwickelt habe – in drei Stufen: Wildheit, Barbarei und Zivilisation. Für jede von ihnen gab es spezifische Indikatoren. Wobei die Zivilisation als höchste Stufe die eigene Gesellschaft widerspiegelte.

Es gab aber zu dieser Zeit auch eine gegenläufige Bewegung, die sogenannte Naturvölker verklärte.

Dürr: Ja, ihr galten sogenannte primitive Völker, vor allem der Südsee, als Reinzustand der menschlichen Daseinsform. So könne die Menschheit, die an der Zivilisation kranke, wieder gesunden: eine romantische Rückkehrsehnsucht.

Welche Konsequenzen hatte dieses grobe Dreistufenmodell?

Dürr: Es machte kulturelle, aber auch physische Differenz ideologisch plausibel und gab die Carte blanche für Rassismus und Überlegenheitsdenken ab. Noch heute halten sich Anleihen an einen solchen Entwicklungsdiskurs, wenn es beispielsweise von Kulturen heißt, sie seien rückständig oder noch nicht in der Moderne angekommen. Aber schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es auch Positionen im Fach, die Gegenmodelle entwarfen, sich von der Vorstellung einer unilinearen Entwicklung distanzierten und einen viel dynamischeren Kulturbegriff zugrunde legten.

Welche ist die entscheidende Wendung, die die Konzepte des Faches seit damals genommen haben?

Dürr: Man betrachtet heute eine „fremde“ Kultur nicht mehr nur von außen, sondern versucht, Kulturen von innen heraus zu verstehen und sie im Kontext ihrer Geschichte und Gegenwart zu sehen. Heute begreift man Diversität oder kulturelle Differenz als vielschichtigen sozialen Prozess. Das Augenmerk liegt darauf, welche Konnotationen sie hat, und darauf, wer warum etwas als „anders“ klassifiziert. Es gilt, dabei stets die eigene Perspektive zu reflektieren, denn es gibt keine, die neutral wäre. Die Ethnologie hat in der Vergangenheit schließlich nicht nur dazu beigetragen, kulturelle Diversität zu dekonstruieren, sondern auch zu konstruieren. Ihre Aufgabe bestand ja lange darin, Differenz zu dokumentieren, zu beschreiben und theoretisch zu deuten. Und damit diente sie auch dazu, Differenz herzustellen.

Dass Vielfalt zum Differenzkriterium wird, gar zum Kriterium für Ab- und Ausgrenzung – dafür gibt es abseits des wissenschaftlichen Raumes auch heute Beispiele.

Dürr: Wie Diversität gesehen und auch benutzt wird, dafür gibt es ganz unterschiedliche Muster. Ein derzeit sehr prominentes Beispiel ist die Black-Lives-Matter-Bewegung. Sie richtet sich gegen Racial Profiling und gegen Diskriminierung. „Diversität“ wird hier zur Herrschaftstechnik, die der Klassifizierung und Separierung vor allem nach Hautfarbe dient. Ein weiteres Beispiel aus unserer eigenen Gesellschaft: Spätestens zu jedem Tag der Deutschen Einheit wird die Kluft zwischen Ost und West beschrieben, die es zu überbrücken gilt. Dabei wird abseits aller sozioökonomisch unterschiedlichen Bedingungen eine Differenz zwischen Ossi und Wessi regelrecht beschworen – als etwas Negatives, nicht aber als ein positives Potenzial. Umgekehrt gibt es Bewegungen im Globalen Süden, Vertreter indigener Gemeinschaften etwa, die sich selbst als „anders“ markieren, um damit beispielsweise kulturelle Rechte zu reklamieren. Kulturelle Diversität wird in diesem Kontext zu einer Art Kampfbegriff im politischen Streit um Anerkennung und Gleichbehandlung.

Warum lässt sich der Begriff Diversität so leicht ideologisch aufladen?

Dürr: Indem ich meinen Blick auf andere richte, richte ich ihn mittelbar auch immer auf mich selbst. Die Beschreibung des anderen hat auch immer mit meiner eigenen Identität und meiner Verortung in der Welt zu tun. Man setzt sich in Beziehung zum anderen. Dahinter kann sehr oft ein machtgeleitetes Interesse stehen. Es geht aber auch darum, Ordnungen herzustellen, also die Welt zu verstehen, sich selbst und andere zu sortieren. Das betrifft auch die eigene Positionierung und das eigene Verständnis von Welt. Und das wird durch die Kontrastierung zum anderen herausgefordert. Indem ich erkenne, dass es auch ganz andere Existenzbedingungen und Lebensentwürfe gibt, eine kulturelle Vielfalt eben, muss ich mir die Frage nach der Sinnhaftigkeit meines eigenen Daseins stellen. Und in gewisser Weise die eigene Position und womöglich das eigene Privileg in der Welt rechtfertigen.

Prof. Dr. Eveline Dürr ist Professorin für Ethnologie an der LMU.

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Bei der Podiumsdiskussion „Diversity - Fashion Term or Scientific Concept" am Center for Advanced Studies (CAS) der LMU sprechen Prof. Dr. Eveline Dürr, Prof. Dr. Nicolas Gompel und Prof. Dr. Kärin Nickelsen über die Geschichte, die Zukunft und die Anwendungsbereiche des Konzepts Diversity.

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