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Die Welt, wie sie uns gefällt

08.12.2020

Der Mensch neigt offenbart zur Selbsttäuschung. Eine zu optimistische Einschätzung des eigenen Egos kann helfen, aber auch ökonomische Folgen haben.

Peter Schwardmann

Peter Schwardmann | © LMU

Sie forschen über Selbstüberschätzung. Sind davon viele Menschen betroffen?

Peter Schwardmann: Ja, viele halten sich für besser – schlauer, hübscher, netter – als sie es tatsächlich sind. Bereits in den 1970er-Jahren gab es eine Reihe sehr einflussreicher Studien dazu. Die Probanden wurden zum Beispiel gefragt: Gehören Sie zu den 50 Prozent der besseren Autofahrer hier im Raum? Und das bejahten 90 Prozent, also lagen offensichtlich einige von ihnen falsch. Und das gilt für viele Fähigkeiten und auch positive Eigenschaften, die sich Menschen zuschreiben. Natürlich gibt es Unterschiede. Manche haben ein pessimistisches Bild von sich und halten sich eher für schlechter, als sie es sind. Und sehr viele Datensätze zeigen, dass Frauen realistischer in ihrer Einschätzung sind als Männer. Aber im Durchschnitt neigen wir eher zur Selbstüberschätzung.

Wie lässt sich Selbstüberschätzung untersuchen?

Schwardmann: Selbstüberschätzung scheint zunächst eine positive Fehleinschätzung der eigenen Leistung und Möglichkeiten zu sein. Um sie zu untersuchen, braucht man zum Vergleich ein objektives Maß einer individuellen Performance. In verhaltensökonomischen Experimenten lässt sich messen, ob die eigene Einschätzung eines Probanden der Realität entspricht oder ob sie darüber beziehungsweise darunter liegt. In einer unserer jüngsten Studien haben wir zum Beispiel die Teilnehmer gebeten, einen Intelligenztest zu machen und selbst ihre Leistung im Vergleich zu der der anderen einzuschätzen. Das haben wir dann mit ihrer tatsächlichen Leistung abgeglichen. Unsere Frage war: „Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie zu den Top 2 einer zufällig ausgewählten Vierergruppe gehören?“ Im Schnitt gingen 60 Prozent der Teilnehmer davon aus, zur besseren Hälfte zu gehören.

Was haben Sie in dem Experiment herausgefunden?

Schwardmann: Uns ging es darum, zu untersuchen, warum sich Menschen überschätzen. In der Forschung gibt es darüber zwei Meinungen: Die einen sagen, Selbstüberschätzung macht uns glücklich. Die anderen nehmen an, dass es in sozialen Interaktionen hilfreich ist, sich selbst zu überschätzen. Uns ging es darum, die zweite Hypothese abzuklopfen. Und unsere Studie zeigt: Ja, Selbstüberschätzung macht uns überzeugender, wenn es darauf ankommt, andere zu überzeugen.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Schwardmann: Die Probanden führten nach dem IQ-Test ein Gespräch, in dem ihr Gegenüber die besten Teilnehmer identifizieren sollte und diese mit einem Geldbetrag belohnte. Davon wusste vorab nur ein Teil der Teilnehmer. Aber diese Information wirkte sich deutlich auf ihre Selbsteinschätzung aus: Probanden, die wussten, dass sie später andere von sich überzeugen sollten, glaubten, dass sie im IQ-Test besser als ihre Mitbewerber abgeschnitten hatten. Das heißt: Allein, weil sie davon ausgingen, später andere von sich überzeugen zu müssen, stieg ihre Selbsteinschätzung. Das half ihnen dann dabei, andere tatsächlich für sich zu gewinnen. Das lag nicht nur daran, dass sie bessere Statements über sich abgaben, sondern auch an ihren nonverbalen Signalen. Unser Experiment zeigt also, wie nützlich ein hohes Selbstbewusstsein sein kann, und dass dieser Nutzen dazu führt, dass wir uns selbst überschätzen.

Die Probanden haben also nicht bewusst übertrieben, sondern sich wirklich für besser gehalten?

Schwardmann: Die Selbsteinschätzung war in der Gruppe, die erwartete, jemanden von sich überzeugen zu müssen, tatsächlich höher. Darüber hinaus haben die Probanden noch zusätzlich etwas übertrieben, aber nicht zu stark. Offenbar erzählen die meisten nicht gerne extreme Lügen über sich selbst.

Es scheint also sehr vorteilhaft, sich selbst zu überschätzen. Ist für solche Menschen das ganze Leben eine Art sich selbsterfüllender Prophezeiung?

Schwardmann: Im Beruf kann das wirklich so sein. Um in unserer Gesellschaft Karriere zu machen, muss man andere von sich überzeugen, und dafür ist es extrem nützlich, an sich selbst zu glauben. Vermutlich schaffen es sehr selbstbewusste Menschen gerade in Bereichen nach oben, in denen extremer Wettbewerb herrscht und die Leistungsmaße nicht so klar zu erkennen geben, was die wahre Qualität der geleisteten Arbeit ist. Es ist anzunehmen, dass das nicht nur für CEOs im Management gilt, sondern auch in der Politik. Auf der anderen Seite kommen auch sehr selbstbewusste Menschen doch irgendwann an den Punkt, wo sie als Manager oder Politiker durch grandiose Fehlentscheidungen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden.

Sind es diese möglichen Fehlentscheidungen, die das Thema Selbstüberschätzung für Sie als Ökonomen interessant machen?

Schwardmann: Ja, solche Fehleinschätzungen können gravierende ökonomische Konsequenzen haben. Es gibt zum Beispiel eine Studie, wonach CEOs, die zu selbstbewusst sind, Unternehmenszusammenschlüsse eingehen, die nicht profitabel sind, und dadurch Gefahr laufen, Millionen von Dollar zu verlieren. Wenn wir in der VWL besser verstehen, woher diese Fehleinschätzungen kommen, können wir das in unsere Modelle integrieren und näher an der Realität arbeiten.

Wenn zu selbstbewusste CEOs volkswirtschaftliche Kosten verursachen – wäre es dann besser, Selbstzweifler hätten ihre Jobs?

Schwardmann: Das ist die große Frage. Mit einer einzelnen Studie lässt sich das natürlich nicht beantworten.

Spielt Selbstüberschätzung auch woanders eine Rolle als bei CEOs und in der Politik?

Schwardmann: Ja, es gibt relativ viele Daten zu der Frage, welche Kosten Selbstüberschätzung und Optimismus verursachen. Es besteht zum Beispiel auch viel Evidenz dafür, dass Händler in der Finanzbranche ihre Vorhersagen über Märkte für viel präziser halten, als sie es tatsächlich sind, und deswegen viel Geld verlieren. Der Nobelpreisträger Danny Kahnemann hat einmal sinngemäß gesagt: Wenn er einen Zauberstab hätte, würde er die Selbstüberschätzung abschaffen. Kahnemann sieht vor allem die Kosten: Ärzte, die auf falschen Diagnosen beharren, Unternehmen, die zu sehr an ihre Projekte glauben und viel zu lange an ihnen festhalten und so Zeit und Geld verlieren, Studenten, die falsche Fächer wählen, weil sie ihre Fähigkeiten überschätzen. Wir möchten mit unserer Arbeit zu der Frage beitragen, warum Menschen zu optimistisch sind, wenn es doch diese Kosten gibt.

Mit welchen Experimenten untersuchen Sie das noch?

Schwardmann: Wir testen momentan die Hypothese, dass Menschen die Fähigkeit zum Selbstbetrug entwickelt haben, weil sie ihnen hilft, andere zu täuschen. Das kann auch Selbsttäuschung über die moralische Qualität ihres Handelns oder ihrer Meinung sein. Um das herauszufinden, haben wir ein großes Feldexperiment gemacht mit Menschen, die an einem Debattierturnier teilnehmen, deren Hobby es also ist, andere zu überzeugen. Der Effekt ist ähnlich. Sobald die Probanden einer bestimmten Seite der Debatte zugelost wurden, bewegten sich ihre Erwartungen und Einschätzungen in eine Richtung, die ihrer Argumentation förderlich war.

Lässt sich daraus folgern, dass wir uns unsere eigene Wirklichkeit bauen?

Schwardmann: Ja, das scheint so zu sein. Wir laufen durch die Welt, schauen uns um und fragen uns unbewusst, welche Einschätzungen uns am förderlichsten sind. Wenn man so will: Wir machen uns die Welt. Natürlich können wir uns nicht alles einreden, das muss schon einigermaßen plausibel sein.

Und was sagen Ihnen als Ökonom nun diese Ergebnisse zur Selbstüberschätzung?

Schwardmann: Wir untersuchen als Verhaltensökonomen Abweichungen von dem ökonomischen Standardmodell, wonach der Mensch immer rational handelt und seinen eigenen Interessen nachgeht. Aus ökonomischer Sicht sind solche Abweichungen entweder eine Fehlentscheidung oder ein Ausdruck von Präferenzen. Unsere Studie zur Selbstüberschätzung zeigt, dass es gewissermaßen eine Präferenz ist, zu viel von sich zu halten. Menschen nehmen Fehlentscheidungen über ihre Selbsteinschätzung hin, weil es ihnen in einer anderen Dimension hilft, ihnen Nutzen verschafft, wenn sie andere überzeugen. Selbstüberschätzung ist also gar keine Fehlentscheidung, sondern eine optimale Antwort auf das soziale Umfeld.

Peter Schwardmann, PhD, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Wirtschaftstheorie der LMU.