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„Fighting Europe´s Fights“

07.06.2018

Im Januar 2018 startete das Scholars Programme des Europaeum-Netzwerks. Promovenden aus ganz Europa sollen Lösungsideen für die großen Herausforderungen der EU entwickeln.

Das Frustpotenzial bei Menschen in der Europäischen Union ist hoch. Eine Folge scheint das Erstarken nationalistischer und EU-kritischer Regierungen in Mitgliedsländern gerade in jüngster Zeit zu sein. Frust entsteht auf vielfältige Weise: vermeintliche Intransparenz bei Entscheidungswegen auf höchster EU-Ebene, ein komplexes politisches System, das viele nicht verstehen oder nicht zu verstehen glauben, oder fehlende Partizipationsmöglichkeiten, was die Gestaltung der europäischen Politik angeht. Das jüngst aufgelegte Scholars Programme des Europaeum-Netzwerks, einem Zusammenschluss von zwölf europäischen Spitzenuniversitäten im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, möchte hier ansetzen: „Figthing Europes Fight“, wie der Europaeum-Chairman, Dr. Andrew Graham vom Oxforder Balliol-College, betont: Die Nachwuchsforscherinnen und -forscher sollen Ideen für die Lösung der zahlreichen Herausforderungen entwickeln.

Teilhabe stärken Wie Felix Biermann, Politikwissenschaftler am Geschwister-Scholl-Institut der LMU. Zusammen mit internationalen Kommilitoninnen und Kommilitonen sucht er im Rahmen des Scholarships getreu dem Motto „Sei dein eigener Lobbyist“ nach Verbesserungsvorschlägen für die E-Governance der EU-Administration. „Viele Menschen wissen nicht, dass sie bei geplanten Gesetzesvorhaben aufgerufen sind, ihre eigenen Meinungen, Gedanken oder Vorschläge einzubringen. In erster Linie nutzen aber Lobbyverbände oder Unternehmen die entsprechenden Konsultationsplattformen“, so Biermann. „Wir haben uns vorgenommen, diese attraktiver zu gestalten, um allen EU-Bürgern die Nutzung zu erleichtern.“ Obwohl das Projekt nach dem ersten Treffen der Scholars im Januar in Oxford noch ganz am Anfang steht, haben die Teilnehmer erste wichtige Ansätze identifiziert. „Wir müssen die Sprache so vereinfachen, dass die Inhalte verstanden werden, ohne sie dabei zu sehr zu simplifizieren. Zudem ist es wichtig, dass die Menschen, die ihre Meinung eingebracht haben, auch nachvollziehen können, inwieweit sie aufgegriffen wurde beziehungsweise warum dies nicht der Fall war.“ Biermann und seine Mitstreiter sind hoffnungsvoll, dass ihre Lösung schlussendlich von der EU adaptiert wird.

Antwort auf den Brexit Ein Grund für die Einrichtung des Scholars Programmes ist der Brexit. „Europaeum möchte den europäischen Gedanken stärken, denn der Austritt Großbritanniens wird starke Auswirkungen auf die europäische Forschungslandschaft haben“, ist sich Professor Hans van Ess sicher. Der Vizepräsident für den Bereich Internationales der LMU sieht den gesunden wissenschaftlichen Wettbewerb in der EU gefährdet, sollte mit dem Vereinigten Königreich ein bedeutender Mitspieler ausfallen. „Es ist wichtig, dass Universitäten in Großbritannien auch weiterhin Anträge stellen und sich aktiv am wissenschaftlichen Austausch beteiligen können. Denn gute Wissenschaft gelingt nur im guten wissenschaftlichen Wettbewerb und Austausch.“ Deswegen begrüßt er das Scholars Programme von Europaeum. Die Initiative biete Studierenden und Promovenden aus den Geistes- und Sozialwissenschaften die Möglichkeit, in internationalen Netzwerken zu denken. Und diese Netzwerke funktionieren gut: „Ich habe selten erlebt, dass so viele sehr gute Leute so respektvoll miteinander umgehen“, sagt Tamara Fröhler. Die Literaturwissenschaftlerin, die über das Drama des 19. Jahrhunderts promoviert, will zusammen mit anderen Kollegen und Kolleginnen ihres Fachs sowie mit Historikern und Juristen „die Stimmen derer hörbar machen, die sich im politischen Diskurs nicht vertreten fühlen“. Dazu führen die acht jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Ländern ihrer jeweiligen Muttersprache Videointerviews durch und „lassen die Menschen erzählen, was sie kritisieren oder was sie sich von der EU erhoffen“. Münden soll alles in einer Ausstellung, die 2019 in Oxford starten und schließlich in der ganzen EU zu sehen sein soll.

Differenzen aushalten Das zweijährige Scholarship, bei dem die Teilnehmer jeweils mit 10.000 Pfund gefördert werden, sieht neben der konkreten Projektarbeit auch einen Weiterbildungsteil vor, der von Veranstaltungen mit wichtigen EU-Vertretern flankiert wird. Dabei geht es darum, den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern Einblicke in das politische Leben der EU-Administration zu geben. Beim ersten Treffen in Oxford – insgesamt sind acht einwöchige Treffen vorgesehen – konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter anderem auch mit dem stellvertretenden NAT O-Generalsekretär diskutieren. Ein wichtiger Vorteil insbesondere der Gruppenarbeit, die den Blick für unterschiedliche wissenschaftliche Herangehensweisen schärft, sei es, Differenzen „auzuhalten“. Tamara Fröhler: „Es spiegelt auf kleiner Ebene die politische Zusammenarbeit der EU wider. Wir tragen alle den Föderalismus im Herzen, sind proeuropäisch, aber wir haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe und entsprechend auch unterschiedliche Meinungen im Hinblick auf diverse Politikbereiche.“ Aber gerade das mache den Reiz aus. Neben den Projekten, an denen Biermann und Fröhler mitarbeiten, gibt es noch zwei weitere: die Konzeption eines „Non-EU-Day“, an dem die Vorteile der Union für einen Tag entfallen sollen, sowie ein Projekt zur Energiearmut in Europa. Hier ist die Juristin Franziska Hobmaier aktiv: „In der EU können überraschend viele Bürgerinnen und Bürger die Rechnungen für ihre Energiekosten insbesondere für Strom, Heizung und Warmwasser, nicht mehr bezahlen. Dies betrifft in der Regel besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen, die durch Stromabschaltungen starken Gesundheitsgefahren ausgesetzt und vom gesellschaftlichen Leben teilweise ausgeschlossen werden“, sagt Hobmaier, die am Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Europarecht promoviert. Zusammen mit ihrem interdisziplinären Team versucht sie, ein Konzept zu entwickeln, das die effektive Bekämpfung von Energiearmut unter Verknüpfung aller Ebenen, das heißt der Unionsebene sowie der mitgliedsstaatlichen und lokalen Ebene, zum Ziel hat. Damit soll letztlich die Lücke zwischen der Lebenswirklichkeit der Betroffenen und der EU-Gesetzgebung geschlossen werden. Am Ende soll ein Leitfaden entstehen, der auch für weitere Projekte dienlich sein soll. Franziska Hobmaier schätzt am Scholarship vor allem das Kennenlernen unterschiedlicher fachlicher Herangehensweisen: „Die eigene ist eben nicht die einzige Herangehensweise“, sagt sie. „Auch muss man lernen, sich einfacher auszudrücken. Denn die eigene Fachsprache ist anderen Disziplinen nicht geläufig.“ Mitsprache, Diskussion und Dialog – das ist es auch, was ein gutes Europa ausmachen sollte.

Europaeum Initiiert von der Universität Oxford wurde das Europaeum- Netzwerk 1992 als Zusammenschluss führender europäischer Universitäten gegründet. Mit dem Fokus auf die Geistes- und Sozialwissenschaften will Europaeum Studierenden und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern die Gelegenheit bieten, gemeinsam zu lernen und zu forschen und einen Sinn für Europa durch Kollaborationen und akademische Mobilität zu schärfen. Seit 2015 ist die LMU Mitglied von Europaeum.

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