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Fossile Larven: Zeitzeugen in Bernstein

18.02.2021

Eine ungewöhnliche Schmetterlingslarve und eine große Vielfalt an Fliegenlarven: LMU-Zoologen haben in Bernstein fossile Bewohner Jahrmillionen alter Wälder entdeckt.

Der Fund von Fliegenlarven auf einem Stück Kot legt die Existenz mindestens mittelgroßer Pflanzenfresser nahe.

Illustration: Natalia Jagielska

Bernstein ist mineralogisch gesehen gar kein Stein, sondern Millionen Jahre altes fossiles Baumharz. Ursprünglich tropfte es klebrig von Bäumen – unvorsichtige Insekten, aber auch andere Tier- und Pflanzenreste, konnten eingeschlossen und bis in filigrane Details konserviert werden. Heute ermöglichen diese Einschlüsse faszinierende Einblicke in die Lebenswelt lange vergangener Erdzeitalter. Wissenschaftler um die LMU-Zoologen Viktor Baranov und Joachim Haug haben nun in Baltischem Bernstein und in Bernstein aus Myanmar seltene Funde gemacht, die Einblicke in die Ökologie der Bernsteinwälder erlauben.

Im Eozän – vor rund 56 bis 33,9 Millionen Jahren – bedeckte (vermutlich vor etwa 38 Millionen Jahren) der baltische Bernsteinwald große Flächen im nördlichen heutigen Europa. Das Harz dieses Waldes ist die Quelle der meisten Bernsteinvorkommen in Europa. In einem baltischen Bernstein haben die Wissenschaftler nun eine bisher unerreichte Vielfalt an Fliegenlarven entdeckt – insgesamt 56 Larven, die offensichtlich auf einem Stück Säugetierkot sitzen. „Dieses Fossil ist besonders interessant, weil der Kot voller Pflanzenreste ist, was die Existenz mindestens mittelgroßer Pflanzenfresser nahelegt“, sagt Baranov. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass es offene Flächen mit Grasland gab, was frühere Hypothesen unterstützt. „Der baltische Bernsteinwald war höchstwahrscheinlich kein dampfend dichter Dschungel, wie er oft dargestellt wurde, sondern ein viel offenerer, warm-temperierter Lebensraum“, so Baranov.

In anderen Bernsteinstücken fanden die Forscher Larven, deren heutige Nachfahren vor allem auf Pflanzen vorkommen, die unter Stress stehen. „Es wird schon länger diskutiert, ob Wälder, die sehr viel Bernstein produzierten, nicht ganz grundsätzlich Wälder waren, die unter ökologischem Stress stehen“, sagt Haug. „Das würde zu dem Vorkommen dieser Larven gut passen.“ Die Wissenschaftler vermuten, dass hohe Temperaturen und trockene Bedingungen diesen Stress verursachten.

Modell der Schmetterlingslarve aus der Kreidezeit.

Bild: Joachim Haug

Noch deutlich älter ist eine ungewöhnliche Schmetterlingslarve, die Haug in Bernstein aus Myanmar entdeckte: Das Tier lebte in der Kreidezeit, vor mehr als 100 Millionen Jahren, als die Dinosaurier die Erde beherrschten. Bisher wurden nur vier Raupen aus der Kreidezeit gefunden, und der neue Fund unterscheidet sich von diesen deutlich: „Alle bisherigen Raupen waren relativ nackt“, sagt Haug. „Unsere neue Raupe ist die erste, die auf dem Rücken stachelige Strukturen hat.“ Das neue Exemplar bestätigt eine frühe Diversifizierung der Schmetterlinge und lässt auch Rückschlüsse auf die Ökologie zu: Heutige Raupen tragen solche Stacheln, um Fressfeinde abzuwehren, vor allem Singvögel. „Die große Diversifikation der Vögel fängt zwar erst nach dem Aussterben der großen Dinosaurier an, aber es gibt auch in der Kreide schon kleine Vögel, die möglicherweise die Raupen gefressen haben“, sagt Haug.
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