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Generation Reißbrett-Lebenslauf

03.08.2015

Die eigene Zukunft? Ungewiss. Die Anforderungen der Wirtschaft? Scheinbar viel zu hoch. Studenten fühlen sich zunehmend unter Druck gesetzt: Von schlechten Karriereaussichten und den hohen Ansprüchen des Arbeitsmarkts. Kann der Berufseinstieg auch ohn...

Die Studentin Elizabeth Ekstrand zweifelt an ihren Zukunftsaussichten: Sie studiert am Washington & Jefferson College in den USA und nimmt an der LMU an dem Austauschprogramm Year of Study teil. Sie sagt: „Mir macht es Angst, dass es so viele Dinge gibt, die man angeblich alle für seinen Lebenslauf tun sollte. Ohne Praktika, Auslandsaufenthalt und Zusatzqualifikationen kann man es angeblich sowieso vergessen, später einen Job zu bekommen!“ Immer wieder höre sie, dass Studenten ohne eine große Anzahl an Praktika keine Chance haben, einen Job oder einen Masterplatz zu erhalten.

Elizabeth hat sich vorgenommen herauszufinden, ob das wirklich stimmt. Zusammen mit anderen Studierenden der LMU hat sie an der LMU die Alternative Career Night ins Leben gerufen. Das Motto der Alternative Career Night: „Mach, was du willst! Und nicht, was der Markt von dir erwartet!“ Einen Abend lang ging es darum, wie der Berufseinstieg auch ohne Reißbrettlebenslauf gelingen kann. Und schnell wurde klar, dass es viele Studierende gibt, die große Zweifel und viele Fragen zum Berufseinstieg haben: „Kann ich mich überhaupt ohne viele Praktika, Sprachkurse und Bestnoten bewerben?“, „Sind Praktika wirklich wichtig für Studenten?“ oder: „Wie finde ich raus, was ich wirklich will?“

„Nicht der Lebenslauf wird eingestellt, sondern die Person“ Fragen wie diese hört Dirk Erfurth, Leiter von „Student und Arbeitsmarkt“, dem Career-Service der LMU, oft. „Dabei ist es für den späteren Berufsweg überhaupt nicht entscheidend, ob Studierende schon drei Praktika und fünf Sprachkurse absolviert haben“, erklärt er. Wichtig sei dagegen, dass sie irgendwo – in der Fachschaft, im Nebenjob oder im ehrenamtlichen Engagement – praktische Erfahrungen gesammelt hätten. „Arbeitgeber wollen nicht den perfekten Lebenslauf einstellen, sondern die Person dahinter“, so Erfurth. Und dabei komme es vor allem auf eines an: auf die Praxiserfahrungen der Studierenden und die Persönlichkeit des Bewerbers. Denn: Selbst die beste Ausbildung sei irgendwann einmal veraltet. „Was bleibt, ist das Profil des Bewerbers.“

Aus diesem Grund bietet das Mentoringprogramm von Student und Arbeitsmarkt gezielt Weiterbildung zu diesem Thema an. Bei dem Workshop „Wer bin ich? Was will ich? - Entdecken Sie Ihre Lebensvisionen und stärken Sie Ihre Persönlichkeit!“, sollen Studierende herausfinden, welcher Beruf zu ihnen passt – und eben nicht den Berufsweg einschlagen, der angeblich die besten Aussichten auf ein sicheres Einkommen biete.

„Es braucht keinen Reißbrettlebenslauf“ Bei den Karrieremessen von Student und Arbeitsmarkt zeigt sich immer wieder, dass viele Unternehmen eher Bewerber mit außergewöhnlichem Lebenslauf suchen. Auch wenn man immer noch andere Stimmen hört, die eine Vielzahl an Praktika, Auslandsaufenthalte und Zusatzqualifikationen von ihren Bewerbern fordern.

„Um eine Stelle bei Axel Springer zu bekommen, braucht es keinen ‚Reißbrettlebenslauf‘“, erklärt auch Rudolf Porsch, stellvertretener Direktor der Axel Springer Akademie, der auf den Karrieremessen der LMU regelmäßig nach neuen Bewerbern sucht: „Ein Traumkandidat ist für uns jemand, der einen sehr vielfältigen Lebenslauf hat – sowohl was die eigenen Interessen als auch was die Herkunft betrifft“, erklärt er. Auf dem Branchentreff der LMU habe er gerade wieder eine Bewerberin gefunden, die diesen Kriterien entspricht, obwohl sie ein eher exotisches Studienfach hat: Sie studiert Japanologie und Informatik, hat litauische Wurzeln und interessiert sich für den Journalismus. „Eine tolle Kombination!“, findet Porsch. Aber auch er hat den Eindruck, dass die heutigen Studenten mehr als früher Angst haben, einen Fehler zu machen. „Dabei brauchen wir gerade im Journalismus Leute, die auch den Mut haben, etwas falsch zu machen. Ich finde, jeder sollte einfach das machen, was ihm Spaß macht und sich dann jemanden suchen, der das auch gebrauchen kann!“

Die richtigen Fragen stellen Erfurth von „Student und Arbeitsmarkt“ rät den Studierenden, keine vermeintliche Erwartungen der Firmen zu erfüllen: „Stattdessen sollten Studierende tatsächliche Informationen über den gewünschten Einstiegsjob sammeln“, erklärt er. Die wichtigste Frage sei: Wie stelle ich mir mein Leben vor? „Und wenn ich zum Beispiel als Lehrer nicht mit einer Verbeamtung an einem Gymnasium rechnen kann, muss ich mich fragen: gibt es nicht eine Vielzahl anderer Stellen, bei denen ich ebenfalls das tun kann, was ich machen möchte?“

Auch die Studentin Elizabeth geht nun selbstbewusster an ihre Jobsuche heran: „Der Rat der Diskussionsteilnehmer auf der Alternative Career Night war: Finde einen Job, den du gerne machen möchtest! Und ich hoffe, dass klappt auch bei mir.“ cdr

Die Alternative Career Night ist auch Thema des neuen  MünchnerUni Magazins , das ab Mittwoch in den Standorten der LMU ausliegt. Im neuen Heft kommt auch LMU-Alumna und Kickboxerin Dr. Christine Theis zu Wort. Darüber hinaus gibt es erste Einblicke in vier neue Forschungsbauten der LMU.Weitere Themen: "Porn your Sefie": Host Club von StudierendenDie größte Uni-Party feiert 20. Geburtstag