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Junge Menschen und Corona - Die Verlierer der Krise

03.12.2020

Professor Gerd Schulte-Körne vermutet: Viele junge Menschen, die bereits zu psychischen Störungen neigten, leiden jetzt stärker als zuvor.

Es war nicht einfach, und es wird nicht einfach. Corona hat neben Staat und Wirtschaft auch die Seele in die Krise gesetzt. Knapp 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen galten laut Robert-Koch-Institut bereits vor der Coronakrise als psychisch belastet. Sehr wahrscheinlich ist, dass Corona die Situation verschärft hat und wohl weiter verschärfen wird.

Die LMU-Kinder- und Jugendpsychiatrie hat unter der Projektverantwortung von Professor Gerd Schulte-Körne darum schon im Mai das Infoportal „Corona und Du“ ins Netz gestellt, eine Plattform für junge Leser und Leserinnen, die hilfreiche Tipps gibt, wie man gesund durch die Krise kommt. Was tun gegen Langeweile und Stress und bei Konflikten? Wohin mit den Sorgen und Ängsten? Und wie Unterstützung finden?

„Mach dir klar, wie stark du bist“, lautet eine Antwort auf der Plattform. „Bereits kleine Dinge wirken sich positiv auf unsere Stimmung aus“, eine zweite. Die Vorschläge lesen sich auch für Erwachsene gut und richtig: sich auf die eigenen Stärken besinnen; Alltagsfreuden zelebrieren; dem Tag Struktur geben (und sich daran halten), anderen eine Freude machen. Gebündelt ist das gesammelte Wissen darüber, wie man sich auch in schwierigen Zeiten Entlastung verschafft und den Kopf über Wasser hält. Bewegung, um die Produktion von Glückshormonen anzukurbeln, frische Luft, genug Schlaf, gute Ernährung, Freundschaften: alles „State of the art“ der Wissenschaft.

Große Zielgruppe

Die vermittelten Inhalte sind gut erforscht und in interessierten Kreisen bestens bekannt. Das Problem allerdings bleibt: Wie kommt das Wissen dahin, wo es hingehört? Und vor allem: Wie kann man tatsächlich umsetzen, was man theoretisch schon weiß? „Corona und Du“ zeichnet sich durch kurze, klare Texte mit hohem Nutzwert, fröhliche Farben und bewegte Bilder von knuffigen Comicfiguren aus und nimmt so der Thematik die Schwere. Die Seite wirkt locker, freundlich und unkompliziert.

Aber natürlich ist die Zielgruppe groß und divers. Die gewaltige Altersspanne, unterschiedliche Lesegewohnheiten, die Geschlechterdifferenz und vieles mehr erschweren es, mit der Zielgruppe zu kommunizieren. Und doch: Es scheint zu funktionieren. Prüfen konnte Schulte-Körne das Format im eigenen Haus, wo jährlich rund 1.700 Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 21 Jahren behandelt werden – je nach Bedarf ambulant, teilstationär und stationär.

Wie häufig die Plattform bereits angeklickt wurde, weiß Schulte-Körne zwar nicht zu sagen, sicher aber ist: „ Die Zahlen könnten deutlich höher sein.“ Das Problem: Kaum ein Jugendlicher wisse, dass die Seite existiert. Natürlich wünsche er dem Infoportal mehr Öffentlichkeit, sagt Schulte-Körne, aber: „Es ist immer eine Frage der möglichen Mittel.“ Auch dafür, Eltern explizit anzusprechen und darüber aufzuklären, wie sie ihre Kinder in der Krise unterstützen können, fehlt bisher das Geld.

Zwar ist die derzeitige Situation im Vergleich zu dem Lockdown des Frühjahrs eine andere, Schulte-Körne hält die Seite aber auch weiterhin für „absolut relevant“. Denn zum einen reagiere die Psyche auf belastende Ereignisse „mit einer gewissen Latenz“. Drei bis vier Monate könnten vergehen, bis das Erlebte Folgen zeigt. Zum anderen sind noch immer viele Familien verunsichert und überfordert von der schwer fassbaren Gefahrenlage. Abstand, Maske, drohende Quarantäne oder Infektion – das schlägt aufs Gemüt auch dann, wenn die strengsten Ausgangsbeschränkungen tatsächlich hinter uns liegen sollten. Die Furcht, die Lage könnte sich verschlimmern, bleibt ja bestehen. Hinzu kommt die nicht unerhebliche jahreszeitliche Belastung. Wer im dunkleren Herbst und Winter zu negativer Stimmung neigt, hat unter Coronaauflagen ein zusätzliches Risiko, psychische Störungen auszubilden oder zu verstärken.

Der Druck steigt

Das Schlimmste, was in den kommen - den Monaten passieren kann? „Dass der Stress wieder groß wird bei den Kindern und ihren Familien.“ Und damit auf Menschen trifft, die bereits mit den Folgen der ersten Welle zu kämpfen haben und ent - sprechend mürbe und erschöpft sind. Ein labiles System. Schulte-Körne prophezeit: Vor allem die Zahl der Depressionen und Ängste könnte steigen, ohnehin die häufigsten psychischen Erkrankungen junger Menschen.

Corona hat dem Umstand, dass viele Kinder und Jugendliche vulnerabel sind, eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit verschafft. Ob daraus langfristig Konsequenzen gezogen werden? Der Experte ist skeptisch. Zu lange schon weist er darauf hin, dass sich das Risiko von Kindern und Jugendlichen, psychisch zu er - kranken, seit Jahren vergrößert. Mobbing hat zugenommen, unter Leistungs- und Erfolgsdruck leiden bereits Erstklässler – eine Veränderung der frühen Kindheit, die schon seit einer Generation im Gang und durchaus nicht naturgegeben sei. Schulte-Körne warnt, mahnt und fordert die Gesellschaft auf, ihre Ziele und Maß - stäbe neu zu denken – bislang vergeblich.

Dass das Team von Schulte-Körne in Partnerschaft mit der Beisheim Stiftung mit dem Infoportal so zeitnah auf die Coronakrise reagieren konnte, verdankt sich übrigens einem Zufall. Die LMU-Jugendpsychiatrie arbeitete, als der Lockdown einsetzte, gerade an einer Plattform zur Prävention psychischer Störungen. Erübrigt hat sich auch diese Seite naturgemäß nicht. Im Gegenteil: Im kommenden Jahr soll sie ins Netz gestellt werden.