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Kein Ende der Geschichte

18.07.2022

Universalismus und Partikularismus: In einem DFG-geförderten Projekt untersuchen LMU-Historiker die konfliktgeladene Zeit nach 1989 unter einem neuen Blickwinkel.

Als der Eiserne Vorhang fiel: Brandenburger Tor, Berlin, 9. November 1989 | © Andreas Gora/Imago-Images

Als der Eiserne Vorhang fiel, waren die Erwartungen groß: Mit dem revolutionären Umbruch von 1989/91 würden sich „westliche“, liberale und demokratische Grundsätze in ganz Europa und darüber hinaus ausbreiten. Dass sich ein solcher universaler Trend nicht flächendeckend durchsetzen würde, war spätestens zu Beginn des neuen Jahrtausends klar. Liberale Ideen konkurrierten zunehmend mit anderen Ordnungsmodellen. Der britische Historiker Timothy Garton Ash sieht in diesen – partikularen – Tendenzen in ihrer Summe gar eine „anti-liberale Gegenrevolution“, die neue regionale und globale Konflikte heraufbeschwor. Heute lassen sich allenthalben populistische Bewegungen beobachten, die auf nationale, ethnische, regionale oder auch religiöse Eigenarten pochen. Hier setzt die neue Forschungsgruppe „Universalismus und Partikularismus in der europäischen Zeitgeschichte“ an. Handelt es sich dabei um das Aufeinanderfolgen zweier Epochen oder, wie die Münchner Wissenschaftler meinen, um eine „fortgesetzte Gleichzeitigkeit, Konkurrenz und Überlappung verschiedener Universalismen und Partikularismen“?

Die jüngste Zeitgeschichte sei bislang vor allem mit sozial- und politikwissenschaftlichen Methoden erforscht worden, die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung und Deutung stehe dagegen teilweise noch in ihren Anfängen, schreiben die Münchner Wissenschaftler programmatisch. Mit dem Projekt planen sie gleichsam eine Neuvermessung der Zeitgeschichte: Sie werden ihre Analyse entlang den gegensätzlichen Begriffen „Universalismus“ und „Partikularismus“ ordnen. Damit wollen sie eine Historisierung der jüngsten Vergangenheit leisten und die bislang geographisch und thematisch orientierten und stark segregierten Teildebatten zusammenführen. Dadurch soll die Zeitgeschichtsschreibung verdichtet, differenziert und erweitert werden, um so zum besseren Verständnis gegenwärtiger Herausforderungen beizutragen.

Das Projekt wird als Kolleg-Forschungsgruppe von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Sprecher ist Professor Martin Schulze Wessel, Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der LMU. Weitere Antragsteller sind Professor Kiran Klaus Patel, Inhaber des Lehrstuhls für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der LMU, und Professor Andreas Wirsching, Inhaber des Lehrstuhls für Neueste Zeitgeschichte an der LMU und Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, München – Berlin.

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