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Kreativ gegen die Krise

24.11.2020

Corona durchkreuzte die Pläne von Austauschstudierenden in München und aller Welt. Doch die Betroffenen ließen sich nicht unterkriegen.

© haak & nakat

Studentische Projekte, Doktorarbeiten und Forschungsreisen kamen wegen Corona unter die Räder. Für viele war es ein harter Einschnitt – nicht alles konnte virtualisiert oder verschoben werden. Jahrelange Forschungsarbeit drohte unbrauchbar zu werden. Doch Studierende, Doktoranden und Forschende bewiesen Einfallsreichtum und wandelten manche Nachteile in Vorteile um.

Internationale Kontakte knüpfen, ihr Italienisch verbessern und das Land erkunden: Das waren die Ziele der 23-jährigen LMU-Studentin Lisa, die ihr Erasmus-Semester in Bologna verbracht hat. Doch zwei Wochen nach Semesterbeginn kam Corona. Im Gegensatz zu Deutschland gab es in Italien eine echte Ausgangssperre. Fast zwei Monate durfte sie das Haus nur zum Einkaufen verlassen – selbst spazieren gehen war in dieser Zeit nicht erlaubt. Obwohl Lisa im Master Film- und Medienkultur-Forschung studiert und leidenschaftlich gerne Filme ansieht, ist ihr recht schnell die Decke auf den Kopf gefallen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen LMU-Studierenden blieb sie im Land.

Zur Ausreise gezwungen wurde zwar an allen LMU-Partnerhochschulen niemand. „Ein Großteil der 627 Studierenden ist aber der Empfehlung der Gastunis gefolgt und nach Hause gekommen“, erinnert sich Barbara Habermann vom International Office der LMU. Viele hatten wegen der unübersichtlichen Situation an den Grenzen Angst, dass sie nicht mehr nach Hause kommen, wenn sie nicht sofort abreisen. Manche mussten auch unfreiwillig bleiben. Habermann erzählt von einem Fall, bei dem die Flüge eines LMU-Studenten in Peking ständig gecancelt wurden. Zum Schluss war er fast alleine auf dem Campus, wo sonst 20.000 junge Menschen studieren.

Wer – freiwillig oder unfreiwillig – nicht in die Heimat zurückgekehrt ist, nutzte die Online-Kurse der jeweiligen Hochschule. Lisa hat sich in dieser Zeit besonders über den Zusammenhalt gefreut – nicht nur unter den Studierenden. „Die Dozierenden haben ihre Deadlines und Anforderungen mit uns abgesprochen und die psychische Belastung der Gesamtsituation auch mit einbezogen“, erklärt sie. Ein Vorteil war auch, dass sie bei einer italienischen Gastfamilie untergekommen war. Sie half ihr, die Nachrichten voller medizinischer Fachbegriffe und die Inhalte ständig neuer ministerieller Dekrete zu verstehen.

Vor demselben Problem standen auch ausländische Gaststudierende in München. „Ich hatte am Anfang eine richtig coole Zeit hier“, erinnert sich Jura-Student Nick aus den Niederlanden. „Ich war auf Partys, habe den Deutschkurs besucht, Menschen kennengelernt und viel zu wenig geschlafen.“ Dann kam Corona und er musste sich plötzlich mit Begriffen wie „Ausgangsbeschränkungen“, „triftige Gründe“ und „Hausstand“ auseinandersetzen. Viele fühlten sich plötzlich verloren in der Fremde. Von den geplanten 280 Auslandsstudierenden sind rund drei Viertel abgereist – Nick nicht.

Virtuelle Kochabende für Austauschstudierende

Um denen zu helfen, die trotz Corona in München geblieben sind, hat das International Office regelmäßig Rundmails verschickt, das Buddy-Programm virtualisiert und neue Onlineformate geschaffen. Einmal die Woche gab es zum Beispiel ein offenes Zoom-Meeting. Auf privater Ebene haben die Austauschstudierenden unter anderem virtuelle Kochabende veranstaltet. „Natürlich ist das nicht das, was sich die jungen Menschen unter einem Auslandssemester vorgestellt haben“, sagt Habermann. „Aber alle haben viel Verständnis für die Situation gehabt.“ Nick kamen die Online-Vorlesungen sogar entgegen. So konnte er die Aufzeichnungen zurückspulen, wenn er etwas nicht verstanden hatte.

Egal woher die Studierenden kamen, viele wollten anderen während der Corona-Krise helfen. Als die Schulen in Deutschland geschlossen wurden, meldete sich zum Beispiel die LMU-Psychologiestudentin Alina bei der „Corona School“. Dort half sie per Skype zwei Realschülern bis zu acht Stunden pro Woche dabei, sich auf ihre Abschlussprüfungen vorzubereiten. „Es hat mir Spaß gemacht, einen Teil zur Bewältigung der Krise beizutragen“, sagt sie rückblickend. LMU-Medizinstudent Gabriel schrieb das Klinikum Großhadern und andere Kliniken an, ob er helfen könne. Sonntagabend seien die Bewerbungen rausgegangen, sofort habe er eine Antwort bekommen. „Montag um 7 Uhr stand ich auf der Matte“, erklärt er. Gabriel half, Patienten mit Verdacht auf Corona zu testen. „Ich habe viel gelernt – insbesondere über Krisenmanagement“, betont er.

Aus der Not eine Tugend gemacht haben auch die Studierenden am LMU-Institut für Slawistik. Sie hatten vor Corona gemeinsam mit Studierenden der Petro Mohyla Black Sea National University in der Ukraine das Projekt „Starke Frauen und das Bild des neuen vereinten Europa“ ins Leben gerufen – jeweils mit Aufenthalten vor Ort. Im April waren Treffen, Workshops und ein Besuch im Bayerischen Landtag mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner geplant – alles musste abgesagt werden. „Die Enttäuschung der Studierenden und unsere war groß“, erinnert sich Projektkoordinatorin Dr. Olena Notikova. Aber aufgeben kam nicht infrage. Daher wurden Videoclips und Präsentationen erstellt, die auf der LMU-Webseite veröffentlicht wurden.

Doch nicht alles lässt sich ins Internet verlagern. Für Doktorandin Julia Baumann am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft zum Beispiel hat Corona „erhebliche Auswirkungen“. Sie wollte für ihre Promotion die Lokalwahlen am 13. September 2020 in drei russischen Regionalhauptstädten vergleichen. Die dreimonatige Feldforschung sollte am 1. Juli beginnen, aber schon die Vorbereitungsreise im März musste abgebrochen werden. Jetzt bleibt ihr nur der Desk-Research und regelmäßiges Zoomen mit lokalen Forschungspartnern vor Ort. Auch das eingeworbene Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts liegt auf Eis. Baumann hofft, zumindest nachträglich für Interviews nach Russland einreisen zu können, um wenigstens einen Teil der Feldforschung doch noch realisieren zu können.

Viele Stipendien werden verlängert

Die Corona-Situation in München hat selbst für chinesische Doktoranden immense Auswirkungen. Seit 2005 erhalten jährlich 40 besonders qualifizierte Kandidaten von ihnen im Rahmen einer Vereinbarung mit dem China Scholarship Council (CSC) ein Stipendium, um an der LMU zu promovieren. Doch bisher ist nicht klar, ob sie auch in diesem Jahr nach Deutschland kommen können. Ausländische Studierende dürfen derzeit nur einreisen, wenn eine Präsenzpflicht an der Hochschule unbedingt erforderlich ist. Die gute Nachricht: „Falls es Schwierigkeiten beim Visum beziehungsweise bei der Einreise gibt, gewährt der CSC den Stipendiaten die Möglichkeit, das Stipendium bis
zum 31. Dezember 2021 anzutreten“, versichert Dr. Dongmei Zhang vom International Office der LMU. Doch bei manchen Doktoranden ist das Ph.D.-Visum bis zum Zeitpunkt der Einreise abgelaufen oder gar das Postgraduiertenstudium vorbei. In diesem Fall können zumindest deutsche Doktoranden versuchen, bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Verlängerung auszuhandeln.

„Die Pandemie-Situation hat ganz wesentlichen Einfluss auf die Karriere junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“, beklagt Professor Thomas Nägele, Vizedirektor des Departments Biologie I. Glücklicherweise seien viele Förderorganisationen sehr kooperativ, wenn Reisen aufgrund der Beschränkungen nicht oder nur erschwert stattfinden können. Doch nicht jede Frist kann bis ins nächste Jahr verschoben werden. Beim Bayerisch-Französischen Hochschulzentrum (BayFrance) zum Beispiel, das Reisebeihilfen für Projekte zwischen Bayern und Frankreich vergibt, haben zwar viele Projektträger um Verlängerung der Projekte gebeten. Durch die Corona-Pandemie wurden die Reisen nicht angetreten und auf 2021 verschoben. Da es sich dabei um öffentliche Mittel handelt, ist die Frage der Verlängerung allerdings derzeit noch offen.

Neben den Doktoranden sind auch Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler von der Corona-Krise betroffen. „Sie haben wegen Homeoffice wenig Interaktionsmöglichkeiten mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort“, erklärt Professor Thomas Hanitzsch vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU. „Oder sie durften erst gar nicht nach Deutschland einreisen.“ Immerhin konnten viele Aufenthalte verschoben werden. An manchen LMU-Fakultäten wurde auch ein virtueller Zugang zu Versuchen eingerichtet. Hanitzsch wird der 12. März 2020 noch lange in Erinnerung bleiben, als eine Tagung wegen neuer Corona-Schutzmaßnahmen abrupt abgebrochen wurde. Zwar sieht auch er Vorteile, wenn Arbeitsmeetings künftig häufiger ins Netz verlagert werden. „Eine virtuelle Tagung kann aber kein Ersatz für eine Tagung mit persönlichem Austausch sein.“

Am stärksten leiden große Forschungsprojekte unter Corona. Fast alle internationalen Feldversuche sind abgesagt worden – zum Beispiel das von Biologieprofessor Herwig Stibor. Er forscht am Department Aquatische Ökologie zu den Veränderungen in arktischen Nahrungsnetzen in Spitzbergen. „Die Schwierigkeit ist, dass solche Versuche oft mehrerer Jahre Vorbereitungs- und Planungszeit bedürfen“, erklärt er. Außerdem seien Forschungsstationen oft auf Jahre ausgebucht. Das heißt, man kann nicht einfach alles um ein paar Monate verschieben. „Der nächste verfügbare Termin“, so Stibor, „kann oft erst wieder in ein paar Jahren sein.“ Aber auch in diesem Bereich entstehen Alternativen, beispielsweise wurde ein virtueller Zugang zu den Forschungsstationen geschaffen. Sie können zumindest helfen, die negativen Auswirkungen für Doktoranden und Forschende abzumildern.

„Nicht alles lässt sich digitalisieren“

„Vieles, aber nicht alles lässt sich durch neue virtuelle Medien, Goodwill bei allen Beteiligten und kreative Improvisation ausgleichen“, sagt Dr. Michael Schneider, der am Institut für Soziologie im Rahmen des Projekts „Zwickauer Energiewende Demonstrieren“ Technologien für die lokale Energiewende entwickelt. Insbesondere seine Verbundprojekte mit Partnern aus anderen Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Verwaltung und der Zivilgesellschaft seien durch Corona „stark beeinträchtigt“ worden. So kam es zu Verzögerungen bei der Genehmigung einer E-Mobilitätsstation im Reallabor, Absagen bei Veranstaltungen zur Bürgerbeteiligung und zu massiven Einschränkungen bei der Zusammenarbeit zur Konzeption neuer Formate. Und bei der Eröffnung einer experimentellen E-Mobilitätsstation musste sich Schneider plötzlich auch noch mit Hygienekonzepten auseinandersetzen.

Auch in der Physik mussten wichtige Vorhaben um Monate nach hinten verschoben werden, beispielsweise ein Projekt zur Protonenbestrahlung. Die Europäische Kommission habe zwar eine kostenneutrale Verlängerung zugesagt, erklärt Professorin Katia Parodi vom Lehrstuhl für Medizinische Physik an der LMU. „Das kann aber nicht die höheren Personalkosten durch längere Beschäftigungszeiten im Projekt kompensieren.“ Nach Beginn der Corona-Krise mussten außerdem vier Konferenzen abgesagt werden, welche von der Fakultät (mit-)organisiert wurden. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele tausend Euro in Organisation und Catering geflossen. Hinzu kommt: Viele Masterstudierende, die bereits ihre Präsentationen fertig hatten, werden nicht mehr an der LMU sein, wenn die Konferenzen 2021 nachgeholt werden. Auch neun Konferenzen, die Parodi und andere Teammitglieder besuchen wollten, wurden virtualisiert oder auf nächstes Jahr verschoben.

Allerdings gibt es neben den negativen Auswirkungen durch Corona auch positive: „Ein Schaden ist in meiner Forschungsgruppe Tourismus durch Covid-19 nicht entstanden“, versichert Professor Jürgen Schmude von der Fakultät für Geowissenschaften. Forschungsreisen seien so weit wie möglich durch virtuelle Reisen ersetzt worden – Gleiches gelte für den wissenschaftlichen Austausch. Feldarbeiten seien zwar verschoben worden, fänden jetzt aber unter Einhaltung der jeweils im Exkursionsgebiet geltenden Corona-Regeln wieder statt. Klar, dazu müssten jetzt für jede Exkursion individuelle Hygiene-Konzepte erstellt werden, räumt der Tourismusforscher ein. „Allerdings sollte man auch berücksichtigen, dass durch Covid-19 neue Forschungsaktivitäten angestoßen wurden“, betont er. So hat Schmude bereits im Mai das erste von mehreren Projekten bewilligt bekommen, das sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf die bayerische Tourismuswirtschaft beschäftigt. Corona wird selbst zum Forschungsgegenstand – es klingt wie ein wissenschaftlicher Sieg über die Pandemie.

„Kreativ gegen die Krise“ ist die Titelgeschichte des MünchnerUni Magazins (MUM), Ausgabe 4/20.
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