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Kunstturnen für Juristen

27.04.2015

Eine Anklageschrift verfassen, ein Plädoyer halten oder die Fragen der Richter abwehren: Beim Jessup Moot Court in Washington verhandeln Studierende wichtige Fragen des Völkerrechts – auch ohne Staatsexamen. Zum ersten Mal seit über 30 Jahren war nun ...

Quirin Weinzierl und Anna Pich sind gerade aus Washington zurückgekommen: Dort haben sie an einer Verhandlung vor dem Internationalen Gerichtshof teilgenommen. Verhandelt wurde die Klage der Ukraine gegen den russischen Staat, da die Ukraine die Abspaltung der Krim für völkerrechtswidrig hält. „Das ist wirklich ein großer Fall“, erklärt LMU-Doktorand Weinzierl. „Und die Sezession von Landesteilen ist eine knifflige Frage des Völkerrechts.“

Die Verhandlungen des Jessup Moot Court sind jedoch nur eine Simulation – auch wenn der Fall genauso in der Realität verhandelt werden könnte. Moot Courts sind simulierte Gerichtsverhandlungen, die Studierenden einen Einblick in die Praxis geben sollen. Denn: Fachlich lernen Jurastudenten zwar eine ganze Menge im Laufe ihres Studiums, doch das Handwerkszeug, um in einer Verhandlung zu überzeugen, erwerben sie meist erst hinterher. „In der Vorbereitung auf den Moot Court haben wir für die Teilnehmer einen Rhetorik- Workshop organisiert, die Studenten bei ihren Vorträgen gefilmt und uns später damit auseinandergesetzt“, erzählt Pich, die zusammen mit Weinzierl das LMU-Team betreut. „Das ist ein wichtiger Teil der juristischen Arbeit, der im Studium oft zu kurz kommt.“ Auch bei den Verhandlungen des Jessup Moot Courts gehe es vor allem darum, die Richter – darunter auch Richter des Bundesverfassungsgerichts und des Internationalen Gerichtshofs– mit einem guten Vortrag zu überzeugen. „Ein Moot Court ist eher Kunstturnen als Stabhochsprung“, versucht Weinzierl die Anforderungen an die Teilnehmer zu verdeutlichen. „Aber man muss natürlich auch fachlich gut vorbereitet sein.“

130 Universitäten aus 80 Ländern treten gegeneinander an Der Jessup Moot Court, an dem das Team der LMU teilgenommen hat, ist die bedeutendste simulierte Völkerrechtsverhandlung der Welt. In diesem Jahr hat das Team der LMU bei den deutschen Vorentscheidungen den zweiten Platz belegt. Damit hat es die LMU seit 1983 zum ersten Mal geschafft, zur Endrunde nach Washington zu fahren. Ein halbes Jahr haben vier Studierende und drei Betreuer dafür Vollzeit gearbeitet. Das sei aber auch das Besondere am Jessup Moot Court, erklärt Weinzierl. „Man wird Teil der Lehrstuhlfamilie und das ist natürlich ein riesiger Pluspunkt für Studierende.“

Bei den internationalen Runden des Jessup Moot Court in Washington konnte sich das LMU-Team zwar am Ende nicht durchsetzen, war aber trotzdem eines der erfolgreichsten deutschen Teams der letzten Jahre. Im Wettkampf mit 130 Universitäten aus 80 Ländern scheiterten sie im Achtelfinale an Sydney, den späteren Siegern des Jessup Moot Courts. Nur zwei weitere deutsche Teams sind jemals so weit gekommen. Die Münchner waren von den Verhandlungen in Washington begeistert: „Die Atmosphäre ist etwas ganz besonders“, berichtet Pich. „Am ersten Tag sind wir in Washington mit den Teams aus Israel und Palästina zusammengetroffen. Beide Teams waren ganz entspannt ins Gespräch vertieft – und das war schon eine Sensation für uns, dass die beiden Konfliktparteien bei einem Moot Court aufeinandertreffen und sich privat gut verstehen.“

Bis zum 15. Juni können sich Studierende aus allen Fachrichtungen für den Jessup Moot Court 2015/2016 bewerben. Der nationale Vorentscheid findet dieses Mal in München statt. Weitere Moot Courts an der LMU