News

Nach dem Weltenbrand

08.05.2015

Als die Waffen endlich schwiegen, hatten die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges 60 Millionen Menschen das Leben gekostet. Der Historiker Andreas Wirsching im Interview zur Zeit nach dem 8. Mai.

Wie haben die Überlebenden den Tag der deutschen Kapitulation erlebt? Andreas Wirsching: Die Deutschen haben den 8. Mai in sehr unterschiedlichen Situationen erlebt. Manche kamen in Gefangenschaft, manche nach Hause, andere wurden aus KZs befreit, die allermeisten aber waren einfach nur froh, dass der Krieg zu Ende, die Lebensgefahr vorüber war. Dem, was kommen würde, sahen sie allerdings auch mit Furcht entgegen. Alle deutschen Großstädte waren großflächig durch die Bombardements zerstört, Wohnhäuser und Infrastruktureinrichtungen lagen in Schutt und Asche. Es fehlte an Nahrungsmitteln, schon in den letzten Kriegsmonaten und danach wurde die Situation immer schwieriger.

Besatzer oder Friedensstifter: Wie haben die Deutschen die Alliierten gesehen? Die Deutschen haben die Besatzer zunächst nicht als Befreier empfunden. Vor allem die Rote Armee flößte den Deutschen Angst ein, schon seit sie 1944 an die Reichsgrenzen im Osten kam. Unbegründet war die Furcht ja nicht, Hunderttausende flohen. Aber auch die westlichen Siegermächte haben Deutschland als einen – ich zitiere – „besiegten Feindstaat“ besetzt. Im Verhältnis zu den Besatzern spielt auch eine wichtige Rolle, ob die Deutschen, wie vielfach geschehen, eine Stadt in den letzten Wochen kampflos übergeben oder, wie die NS-Führung es wollte, bis zum letzten Mann gekämpft hatten.

Geblieben ist ja das Bild vom GI, der den Kindern Kaugummi schenkt. Wie immer haben solche Verklärungen auch einen wahren Kern, das hat es natürlich gegeben. Auch wenn es Grauzonen wie etwa die berüchtigten Kriegsgefangenenlager der Briten und Amerikaner in den Rheinwiesen gab: Aufs Ganze gesehen war es eine einigermaßen humane, dem Kriegsvölkerrecht entsprechende Besetzung – all das trug sicher dazu bei, dass sich das Bild der Amerikaner sehr bald zum Positiven wendete.

Wie haben die Alliierten das frühe Nachkriegsdeutschland gesehen? Zunächst haben sie Deutschland nur als Objekt betrachtet, die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz gaben die Ziele vor: vollständige Demilitarisierung, Dezentralisierung, wirtschaftliche Demontage, Entnazifizierung und Demokratisierung. Die Idee, Deutschland über den Alliierten Kontrollrat als einer Vier-Mächte-Institution als ein Gemeinsames zu behandeln, funktionierte schon bald nicht mehr. Die vier Besatzungszonen, die schon im September 1944 auf der Londoner Konferenz beschlossen worden waren, führten ein Eigenleben – mit erheblichen Unterschieden: In der sowjetischen Besatzungszone wurden beispielsweise Parteien sehr früh zugelassen, allerdings unter dem mehr oder minder offenen Diktat zunächst der kommunistischen Partei, dann der SED. In den Westzonen gab es Parteien erst etwas später, auch eine freie lizensierte Presse, was den allmählichen Aufbau demokratischer Strukturen begünstigte. Dieser Wandel vollzog sich zwischen 1945 und 1947.

Das Kriegsende markiert nicht nur eine Zäsur nach den alles zerstörenden Kampfhandlungen, es steht auch ganz im Zeichen der monströsen Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands. Wie rückte das ins Bewusstsein der Welt? Dass das NS-Regime verbrecherisch war, das wurde schon lange vor 1945 deutlich und war einer der Gründe, warum die Alliierten in der Konferenz von Casablanca 1943 auf der „bedingungslosen Kapitulation“ als Kriegsziel beharrten. Der Holocaust als monströses Menschheitsverbrechen aber rückte in der Tat erst nach und nach in das Bewusstsein der Welt. Dazu beigetragen haben der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher und auch die nachfolgenden Verfahren 1947 und 1948, aber auch eine Fülle kleinerer Prozesse zwischen 1945 und 1949. Die Strafen für Mord waren anfangs noch hoch, bis hin zur Todesstrafe. Mit der Zeit wurden die Vergehen sozusagen billiger, durch Revisionsverfahren und später auch durch Amnestien. Im Deutschland der frühen Nachkriegszeit ist die Wahrnehmung etwa der Nürnberger Prozesse allerdings begrenzt geblieben. Die Mehrheit der Deutschen war in gewisser Weise betäubt und absorbiert von den Alltagsproblemen, viele hielten außerdem die Verfahren als „alliiertes Siegerrecht“ für nicht eben rechtmäßig.

Was geschah mit den Überlebenden der Konzentrationslager nach ihrer Befreiung? Sie machten einen wichtigen Teil derer aus, die man als Displaced Persons, als gleichsam Entwurzelte, zunächst oft in Lagern unterbrachte, bevor sich ihnen die Möglichkeit zur Auswanderung etwa nach Palästina, beziehungsweise nach Israel, eröffnete oder sie sich in Deutschland etablieren konnten.

Wie sollten die Alliierten mit den Deutschen Staat machen, wie eine Gesellschaft formen mit den Tätern, mit all den Verstrickten, mit den Opfern, mit den allesamt Traumatisierten? Dafür gab es unterschiedliche Konzepte: In der sowjetischen Besatzungszone war von vornherein klar, dass es sich um eine „Befreiung vom Faschismus“ handelt, die kommunistische Partei würde den Aufbau im Sinne des Klassenkampfes steuern. Für die Westalliierten war die sogenannte Entnazifizierung eines der Hauptziele. Die gesamte Bevölkerung sollte in Fragebögen und durch die Spruchkammerverfahren erfasst und verschiedenen Kategorien zugeordnet werden: Tätern, Belasteten, Minderbelasteten, Mitläufern und Entlasteten – um sozusagen Gruppen von Deutschen zu identifizieren, mit denen man einen neuen Staat, eine neue Gesellschaft aufbauen konnte. Es gab auch den automatischen Arrest für alle, von denen man wusste, dass sie im NS-Staat Funktionen innehatten. Umgekehrt führten die Amerikaner schon lange vor Kriegsende Listen von unbelasteten Personen, die für Funktionen in der Presse oder der höheren Verwaltung in Frage kamen. Es gab also den ernsthaften Versuch, ohne Nationalsozialisten neu anzufangen. Dieser Elan erlahmte etwa von 1947 an deutlich. Dann tauchten in der Justiz, in der Polizei, in der öffentlichen Verwaltung, in der Presse, weniger in der hohen Politik, aber in den Niederungen der Verbände, teilweise auch in der Presse viele derer wieder auf, die schon in der NS-Zeit aktiv dabei waren.

Das Leugnen und Beschweigen der Schuld wurde zur kollektiven Gewohnheit – zu einer zweiten Schuld, wie es der Publizist Ralph Giordano nennt? Das ist schon ein starkes Schlagwort, ein wenig zu stark. Natürlich gibt es nach der Gründung der Bundesrepublik die Tendenz, den Dingen nicht allzu sehr auf den Grund zu gehen. Und natürlich ist schon bald die große Zahl der Mitläufer und der Minderbelasteten integriert worden, ohne dass man sehr viel darüber geredet hätte. Kriegsverbrecher im engeren Sinne indes hatten, wenn ihre Taten bekannt waren, keine Chance auf ein politisches Comeback. Aber es gab auch weiterhin wichtige Verfahren, die die NS-Verbrechen öffentlich machen, neben dem Eichmann-Prozess in Israel 1961 und dem ersten Auschwitzprozess in Frankfurt 1963-65 etwa den Ulmer Einsatzgruppenprozess von 1958. Darin wurden erstmals Mitglieder der sogenannten Einsatzgruppen, die nach 1941 hinter der Front massenhaft Juden erschossen hatten, vor Gericht gezogen. Trotzdem dominierte unter den Deutschen in den 50er Jahren das Gefühl, vor allem selbst Opfer der Geschichte und, wenn man so will, Opfer der Verführung durch einen charismatischen und gefährlichen Adolf Hitler zu sein. Somit fehlte es massiv an der Empathie für die Opfer des nationalsozialistischen Deutschland.

In den letzten Kriegsmonaten gingen Millionen Deutsche auf die Flucht, nach Kriegsende setzten Wellen der Vertreibung ein, noch bis weit in die 50er Jahre kamen Kriegsheimkehrer zurück. In welchem Ausmaß bekamen Deutsche so etwas wie die Rache der Siegermächte zu spüren? Deutsche, die aus dem Osten sozusagen auf dem Rückzug waren, sind oft nicht eben menschlich behandelt worden, es hat Massaker und Vergewaltigungen durch die Rote Armee gegeben. Bei den Sudetendeutschen, aber auch den Deutschen aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern gehören Übergriffe zum Narrativ der Flucht. Das hat natürlich Elemente von Revanche, von systematischer Rache würde ich nicht sprechen.

Der Freiburger Zeithistoriker Ulrich Herbert sieht den 8. Mai als Scheitelpunkt des Jahrhunderts zwischen den beiden Blütezeiten der Jahrhundertwenden. Hat diese Perspektive etwas für sich? Sie ist natürlich sehr naheliegend, weil die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert in der Tat in zwei Teile zerfällt. Bis 1945 mit Vorläufern im späten 19. Jahrhundert ist es eine Geschichte, die ins Fiasko führt, die Geschichte eines gescheiterten, am Ende verbrecherisch mutierten Nationalstaates – alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Was in Deutschland seit 1945 passiert, vor allem in der Bundesrepublik – man kann auch das Datum 1989/90 daran koppeln – ist eine ganz andere Geschichte. Es ist die Geschichte vom Phönix aus der Asche, der Rekonstruktion (in einer engen Westbindung) und natürlich die Geschichte einer – ich würde schon sagen gelungenen – Demokratisierung, Pluralisierung und Liberalisierung der Gesellschaft.

70 Jahre sind jetzt seit dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch des NS-Regimes vergangen, bald wird keiner der Zeitzeugen mehr leben. Droht damit eine Historisierung, gleichsam ohne die Stimme der Erzählung? Meines Erachtens ist es ein Irrtum zu glauben, man könne Geschichte nicht präsent machen ohne Zeitzeugen. Das wäre ja absurd, weil wir dann über frühere Epochen gar nichts erkennen könnten. Insofern ist Zeitzeugenschaft nicht unbedingt der Motor der Erkenntnis. Erkenntnis entsteht vor allem durch wissenschaftlich gesteuerte Erschließung und Analyse von Quellen. Insofern glaube ich nicht, dass wir dann weniger wissen, weil es keine Zeitzeugen mehr gibt. Die andere Seite aber ist die der Erinnerung, an das NS-Regime, an den Holocaust und eben auch an den 8. Mai. Da sind es gerade die Zeitzeugen, die der ansonsten womöglich allzu ritualisierten Erinnerungskultur eine authentische Stimme verleihen. In einer Zeit ohne Zeitzeugen wird es also darum gehen, die Kluft zwischen forschender Erkenntnis und erinnerndem Geschichtsbewusstsein nicht zu groß werden zu lassen.

Interview: Martin Thurau

Prof. Dr. Andreas Wirsching ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der LMU und Direktor des Instituts für Zeitgeschichte.