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„Nachdenken über ein anderes Theater“

12.03.2021

Was bedeutet die Coronakrise für die Bühnen? LMU-Forscher Christopher Balme spricht von Veränderungen „ungeahnten Ausmaßes“.

Prof. Dr. Christopher Balme vor dem Residenztheater

An den Theatern entsteht zurzeit mit digitalen Formaten „kreativ Neues“, sagt Professor Christopher Balme. | © LMU

Professor Christopher Balme ist Sprecher der DFG-Forschungsgruppe Krisengefüge der Künste, deren Jahrestagung am 23. und 24. März 2021 stattfindet. Im Interview spricht er über die Folgen der Coronakrise auf die Theater und ihre Angebote.

Sie sagten einmal in einem Interview, dass Krisendiskurse auch ein Motor für institutionellen Wandel sind. Was hat Corona in dieser Hinsicht bewirkt? Was wandelt sich an den Theatern?

Christopher Balme: In den Theatern beobachten wir zurzeit mehrere Diskurse. Das betrifft zum einen die Frage der Digitalisierung. Schon am Anfang der Krise gab es sehr interessante informelle Versuche, mit digitalen Mitteln zu arbeiten. Und Theater, die schon vorab aufgezeichnete Aufführungen hatten, haben diese online zur Verfügung gestellt, zum Beispiel die Kammerspiele in München, aber auch die Schaubühne in Berlin. Man bekam plötzlich Zugang zu Aufführungen, die sonst kaum zugänglich waren. Das war weltweit zu beobachten. Im zweiten Lockdown ab November sind die Theater dazu übergegangen, neue Inszenierungen zu streamen, und es wurden künstlerisch anspruchsvolle kreative Formate entwickelt.

Die zweite, und vielleicht wichtigste Frage ist die der frei arbeitenden Künstler. Die Arbeit der ganzen freien Szene ist faktisch zum Erliegen gekommen. Und es ist sehr deutlich geworden, dass auch die öffentlichen Theater mit freien Künstlern arbeiten, mit Regisseuren, mit Bühnen- und Kostümbildnern, die alle auf Vertragsbasis arbeiten. Das ist jetzt weggefallen. Teilweise wurden infolge der Coronakrise sogar Verträge nicht honoriert. Und es gibt immer noch eine Kategorie von Künstlern, vor allem Schauspieler, die weder selbständig noch festangestellt sind, sondern einen Status irgendwo dazwischen haben, die sogenannten „unständigen“ Künstler. Sie fallen durch alle Kategorien und erhalten daher noch immer keine staatliche Unterstützung für ihre ausfallenden Honorare.

3 Fragen an... Professor Balme

Warum gab es so wenig kreativen Protest von Theaterschaffenden gegen die Schließungen?

Es gibt schon Proteste wie die Aktion „Ohne Kunst und Kultur wird‘s still“. Aber das ganze Land musste sich quasi in sein Schicksal fügen. Ich glaube, die interessante Frage ist, was sich hinter den Fassaden abspielt in den Theatern. Die öffentlichen Theater arbeiten weiter – ich nehme an, auch die freie Szene, aber ihre Lage ist ja ökonomisch viel prekärer –, sie produzieren auch, aber eben andere, neue Formate. Und da sehe ich schon eine gewisse Kreativität im Versuch, mit dieser Situation umzugehen.

Wie wird sich die Erfahrung der letzten Monate langfristig auf die Theater auswirken?

Wir beobachten in der Theaterszene ein großes Nachdenken über die Zukunft, auch über ein anderes Theater. Man hat diese Frage noch nie so klar reflektiert gesehen wie im zurückliegenden Jahr. Es gibt ein fast utopisches Denken, besonders in der freien Szene, über ganz andere Bedingungen des Arbeitens. Und dann gibt es auch die gegenläufige Tendenz, ein ausgeprägtes Verlangen danach, dass die alte Ordnung wiederhergestellt werden möge.

Lässt sich denn dieser Zeit auch irgendetwas Positives abgewinnen, was die Theater daraus mitnehmen?

Wenn man nach positiven Aspekten suchen wollte, ist es tatsächlich diese erzwungene Denkpause. Das ist schon eine interessante Erfahrung für die Theater, das beobachten wir weltweit. In England ist die Situation zum Beispiel noch extremer, weil die Theater dort viel stärker von ihren Einnahmen abhängen als in Deutschland. Die Theater sind teilweise in Impfzentren umgewandelt worden. Sie haben sich neu definiert als soziale Einrichtungen und das interessanterweise teilweise mit sehr affirmativem Duktus: Wir sind für die Stadt da, wir sind für die Gesellschaft da, und auch wenn wir nicht spielen dürfen, dann nutzen wir diese Räume für etwas anderes. Diese Haltung habe ich in Deutschland kaum beobachtet.

In London ist von einer „kulturellen Katastrophe“ infolge von Corona die Rede. Würden Sie die Auswirkungen auf die deutsche Theaterlandschaft ebenso bezeichnen?

Für Deutschland würde ich das nicht so sehen, weil wir hier ein völlig anderes Finanzierungsmodell haben. Ich gehe schon davon aus, dass wir mit den Lockerungen, die sicherlich kommen werden, mit den Impfungen, eine Wiederherstellung der alten Zustände haben werden, auch wenn das vielleicht etwas dauern wird. Aber in einem Land wie Großbritannien, wo das System finanziell nicht so abgesichert ist, gehe ich durchaus davon aus, dass künftig einiges anders sein wird.

Was sagt denn die monatelange Schließung der Theater über ihre Rolle in der Gesellschaft?

Die Frage stellt sich generell für den ganzen Kulturbereich, auch für Kinos und Museen. Alle diese Formen, die von engen sozialen Kontakten geprägt sind, sind quasi unter Quarantäne gestellt worden. Skeptiker sagen: Das wird sich langfristig negativ auswirken. Es gibt auf der anderen Seite die Optimisten, die meinen, dass es die Menschen kaum erwarten können, wieder ins Theater zu gehen. Tatsächlich konnte man das in dieser kurzen Zeit, von Ende September bis November, beobachten, als die Theater wieder spielen durften – wenn auch unter sehr eingeschränkten Bedingungen, weil auch die Zuschauerzahl mehr als halbiert wurde. Aber die Plätze waren alle besetzt. Es war noch nie so schwierig, Theaterkarten zu bekommen wie im Oktober und November 2020. Und das stimmt etwas optimistisch, was die Zukunft angeht, dass es tatsächlich ein großes Verlangen nach Theater geben wird.

Wie werden sich die digitalen Formate weiterentwickeln, wenn wir wieder ins Theater gehen dürfen?

Ich denke, dass es die Theater verstanden haben, dass die Streaming-Angebote ein sehr gutes Zusatzangebot sein können. Die Theater haben teilweise aufgerüstet, auch Leute eingestellt, die in der Lage sind, interessante digitale Aufzeichnungen zu produzieren. Da entsteht etwas wirklich kreativ Neues. Wird das vergessen, wenn die Theater wieder öffnen? Ich glaube nicht. Ich glaube das wird bleiben.

Mit Ihrem Forschungsprojekt mit dem Titel „Krisengefüge der Künste“, das 2017 gestartet ist, haben Sie ja offenbar den richtigen Zeitpunkt getroffen.

Es hat auch schon einmal jemand zynisch zu mir gesagt: Jetzt haben Sie eine echte Krise. Aber auch für uns als Forschungsgruppe war die Situation schwierig. Die Schließung aller Theater war natürlich für ein Forschungsprojekt, das am Gegenwartstheater arbeitet, eine massive Beeinträchtigung der Arbeit. Wir hatten unseren Antrag für die zweite Projektphase geschrieben, kurz bevor Corona losging und das Projekt dann angepasst. Ich leite nun eine Art Querschnittsprojekt zur Fragestellung, wie sich die Theater infolge von Corona ändern werden. Es ist in der Tat eine sehr ungewöhnliche Situation, wahrscheinlich mit strukturellen Veränderungen ungeahnten Ausmaßes. Wir nehmen an, dass die strukturellen Krisen, die wir in der ersten Projektphase untersucht haben, sich jetzt verstärken werden. Das betrifft die Arbeitsbedingungen, die Veränderung der Publikumsstruktur und die finanziellen Schwierigkeiten. Unsere Hypothese ist, dass Corona wie eine Art Krisenbeschleunigung für die Theater wirkt.

Termin
Am 23. und 24. März 2021 findet die Jahrestagung der DFG-Forschungsgruppe „Krisengefüge der Künste“ als interaktive Online-Veranstaltung statt.
Kostenfreie Anmeldung unter krisengefuege@lmu.de
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2 Tage | 10.03.2021

Zur Person

Prof. Dr. Christopher B. Balme ist Direktor des Instituts für Theaterwissenschaften an der LMU München und Sprecher der DFG-Forschungsgruppe „Krisengefüge der Künste“.

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