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„Rassismus als ein entscheidendes, gesellschaftliches Problem erkennen“

13.07.2020

Im Interview spricht Lorenz Narku Laing, der an der LMU im Bereich Politikwissenschaft forscht und lehrt, über Rassismus in Deutschland.

Lorenz Narku Laing lehrt und promoviert am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft. Zudem ist er Geschäftsführer des Sozialunternehmens Vielfaltsprojekte. Im Interview spricht der 28-jährige Forscher über Rassismus in Deutschland und Perspektiven für die Zukunft.

Herr Laing, Sie forschen derzeit am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft zum Thema Rassismus. Was genau untersuchen Sie?

Ich untersuche Rassismus und seine historische Entwicklung in Deutschland. Dabei konzentriere ich mich vor allem auf den modernen Rassismus, der tief verwurzelt ist in der europäischen Aufklärung. In meinem aktuellen Forschungsprojekt schaue ich mir die Reaktionen auf die heutige vielfältige Gesellschaft an - zwischen postmigrantischer Vision und rechtem Aufschwung. Dabei beschäftigt mich die lange Verbindung von Rassismus und Demokratie. In den meisten Demokratien des Westens finden wir eine über lange Zeit gepflegte rassistische Tradition, obwohl dies im Widerspruch zu den vermeintlichen universellen, demokratischen Werten steht. Denken wir dabei an die USA, Südafrika, aber auch die Kolonialreiche Frankreichs oder des Vereinigten Königreichs bis weit ins letzte Jahrhundert. Heute wird die Frage nach dem Zusammenspiel von Demokratie und Rassismus wieder aktueller. Denn wir erleben in Deutschland einen Aufstieg von rechten Bewegungen und Organisationen, die einen offenen Rassismus pflegen.

Welche Entwicklungen des Rassismus in Deutschland stellen Sie hierbei fest?

Die letzten Wahlen haben einige Veränderungen sichtbar gemacht. Die Neue Rechte in Deutschland wird im Vergleich zu früher weniger nationalistisch und stets rassistischer. Das Feindbild rechter Parteien und Organisationen hat sich verändert. Sie bemühen sich vermehrt darum, die Stimmen weißer Minderheiten zu gewinnen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Wahlkampf in Berlin, bei dem die AfD mit russischen Wahlsprüchen geworben hat. Während die Rechte früher Italiener, Franzosen oder Engländer genauso hasste wie Schwarze Menschen oder Muslime, sehen wir heute eine Veränderung. Der Hass richtet sich vermehrt gegen Muslime, Schwarze Menschen oder Roma sowie Sinti. Wissenschaftlich spricht man hier von einem Anstieg eines rassistischen Ethnopluralismus. Einer Ideologie, die davon überzeugt ist, in Europa sollten ausschließlich weiße Menschen leben.

Wie äußert sich Rassismus heute?

Rassismus äußert sich darin, dass Minderheiten auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden, obwohl sie genau die gleichen Qualifikationen mit sich bringen. Es gibt gar Vermieter, die nicht an Schwarze oder Muslime vermieten wollen. Oder sie werden häufiger von der Polizei kontrolliert. Studien weisen nach, dass Menschen mit Migrationshintergrund bei gleichen schulischen Leistungen schlechtere Noten bekommen. Es gibt viele weitere Beispiele, die ebenfalls durch Studienergebnisse belegt sind.

Sie sprechen von strukturellem Rassismus. Welche Teile der Gesellschaft pflegen diesen Rassismus in Deutschland?

Viele haben die Vorstellung, dass der archetypische Rassist der Mensch mit Glatze und Springerstiefeln ist. Das ist natürlich nicht richtig. Der Rassismus in Deutschland ist ein sehr altes Problem und zwar nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern er findet sich leider auch in der Mitte der Gesellschaft wieder. In der Vergangenheit prägten nicht die armen oder ungebildeten Schichten den Rassismus. Es waren vielmehr anerkannte Denker.

Hegel, Heidegger, Kant – einige der eindrucksvollsten Denker unserer Geschichte - nutzten und prägten den Rassismus, der so einen großen Einfluss auf unsere Gesellschaft nahm. Und es ist heute noch so, dass das Vorurteil, Rassismus sei Problem von armen oder ungebildeten Menschen, nicht zutrifft. Rassismus findet sich über Einkommensgruppen und Bildungsschichten hinweg.

Warum gibt es Rassismus in Demokratien schon so lange und warum ist er noch immer so schlagkräftig? Müsste er sich nicht langsam abschwächen?

Zu dieser Frage gibt es in der Forschung verschiedene Erklärungsansätze. Zum einen ist Rassismus ein System, das für verschiedene Gruppen auch Vorteile schafft. Teile der privilegierten Gruppen kämpfen für ihre Vorteile. So gab es Kriege um das Recht auf rassistische Sklaverei oder heute weit weniger schwerwiegend, einen Kampf, um die Öffnung der Staatsbürgerschaft. Gegen die Abschaffung der Segregation in den USA oder auch der Apartheid in Südafrika wurde sich sehr lautstark gewehrt. In Deutschland akzeptieren viele Menschen noch immer nicht, dass ein schwarzer Mensch auch deutsch sein kann.

Wenn Chancen und Privilegien fairer verteilt werden, kann es zu Konflikten kommen. Beispielsweise wenn eine neue Gruppe Privilegien gewinnt, Frauen etwa, Schwarze oder andere Gesellschaftsschichten, kommt es oft zu einem sogenannten Backlash. Die zuvor bevorzugte Gruppe erlebt, dass sie jetzt in einen fairen Wettstreit treten muss und manche sind damit unzufrieden.

Zuletzt die historische Komponente: Rassismus hat sich über mehrere Jahrhunderte hinweg in kulturelle Einrichtungen, die Wissenschaft und Herrschafts- sowie Machtverhältnisse eingeschrieben. Das lässt sich leider nicht innerhalb von wenigen Jahrzehnten rückgängig machen.

Sie haben sich auf die Fahnen geschrieben, als Experte gegen Rassismus zu kämpfen. Was empfehlen Sie für die Zukunft?

Ich empfehle bessere Antidiskriminierungsgesetze, damit sich Menschen besser wehren können. Ich empfehle mehr Gespräche über Rassismus, da wir ihn nur so überwinden können. Wir brauchen mehr Beratungsstellen für Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Die Integrationsbeauftragte Widmann-Mauz hat kürzlich festgestellt, dass es kaum Minderheiten in politischen Spitzenämtern gibt. Daher bedarf es mehr Förderung von Talenten. Nur so findet ein Umdenken statt. Viele Menschen sind im Alltag zudem oft verunsichert, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen. Daher ist politische Bildung und Beratung ein wichtiger Baustein für die Zukunft. Zuletzt sollten wir ein klareres Tabu setzen gegen diejenigen, die versuchen Rassismus wieder hoffähig zu machen in unserer Gesellschaft, auf der Straße und in unseren Parlamenten.