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Schlank, straff, elastisch, mobil

04.09.2015

Was die kosmetische Chirurgie über unsere Gesellschaft verrät: Paula-Irene Villa über den Imperativ, fit zu sein, die Sprache der Beautykliniken und den Horror unserer Gegenwart.

Was gilt heute als schön? Paula-Irene Villa: Die meisten Menschen haben ein Bewusstsein dafür, dass Schönheitsvorstellungen wandelbar sind. In den Gruppendiskussionen, die wir im Projekt mit Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen und Milieus geführt haben, war auffallend: Je formal gebildeter in Deutschland jemand ist, desto stärker wird die Naturschönheit betont. Jüngere gehen entspannter mit möglichen Eingriffen um und betonen den Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Schönheit nicht so stark.

Welches Schönheitsbild propagiert die kosmetische Chirurgie? Wir haben unter anderem die Webseiten von Beautykliniken untersucht. Die Bilder zeigen skulpturale Körperteile mit glatten Oberflächen wie aus Marmor, die aber zugleich sanft gezeichnet sind. Sie sind frei von Haaren, Narben oder Falten, das heißt frei von biografischen Spuren. Das halten wir im Alltag zwar für alterslos, aber faktisch sind es Körper von 16- oder 20-Jährigen mit Genitalien von Sechsjährigen, vor allem bei Frauen. Es sind sehr fitte und produktive Körper, schlank, straff, elastisch, mobil. Das ist kein Zufall, sondern diese Idee von Fitness ist ökonomisch geprägt und lässt sich in Beziehung setzen zu Imperativen, die wir vom Arbeitsmarkt kennen: dynamisch, flexibel und allzeit bereit zu sein.

Man soll also seinen Körper im Griff haben, damit er stets funktioniert? Es gibt in unserer Gesellschaft die Tendenz, alles, was man "leiblich" nennt, also subjektiv erleben kann, zu kontrollieren. Das gilt paradoxerweise auch für den Rausch und Exzess. Erwachsene geben sich kontrolliert die Kante mit Alkohol. Aber es gilt auch für alle anderen Bereiche wie Sport, Schmerz, Essen und Geburt. Die Idee dahinter ist, nichts einfach geschehen zu lassen, sondern alles in der Hand zu halten und selbst zu gestalten. Das ist auch Ausdruck einer Angst vor der Unwägbarkeit, die dem Körperlich-Leiblichen eigen ist. Man kann aus dem Nichts Kopfschmerzen, auf einmal Hunger bekommen oder sich ein Bein brechen. Der Körper kann unkontrollierbar sein und das ist, soziologisch gesprochen, der Horror unserer Gegenwart: ausgeliefert zu sein.

Wie wird da das Älterwerden gesehen, das ja auch nicht kontrollierbar ist? Das Altern ist bislang ein Prozess, dem man ausgeliefert ist, bis hin zum Tod. Es ist die ganz große Kränkung, dass man letztendlich nichts dagegen machen kann. Deshalb verfängt die Argumentation der Anti-Aging- und Schönheitsindustrie so stark, weil sie zumindest verspricht, dass man aktiv mit dem Altern umgehen und alt werden kann, ohne alt zu sein.

Wie sind denn die Argumente, um Kundschaft für kosmetische Eingriffe zu gewinnen? Das geschieht sehr stark über eine "Rohstoffisierung" des Körpers, wie ich das polemisch nenne, mit einem sehr pragmatischen Zugriff. Es wird suggeriert: Der Körper ist wie ein Gemüsestand, an dem man die Äpfel poliert, dass sie schön glänzen, und immer etwas Frisches nachlegt. Der Körper wird dargestellt als etwas, das man gestalten und auffrischen kann. Gleichzeitig sei er Ausdruck der inneren Werte, was auf die Frage zuläuft: Sehen Sie so jung aus, wie Sie sich fühlen? Haut, Zähne, Busenform oder Po zeigen demnach, wie man sich fühlt und ist. Es wird betont: Die potenziellen Kundinnen und Kunden tun zwar alles dafür, um fit und schön zu sein – mit Sport und Diäten –, aber es gibt eben doch Stellen, die sich so nicht ausreichend bearbeiten lassen und da springt dann das Angebot der Schönheitschirurgie ein. So soll der Eindruck vermieden werden, eine einfache Schummellösung zu bieten. Und es gehört zu dieser Logik, die Medizin so darzustellen, dass sie Wünsche auf Augenhöhe mit den Klientinnen und Klienten erfüllt.

Bislang zielt der Ausdruck „das schöne Geschlecht“ auf Frauen – ändert sich das dadurch? Das schöne Geschlecht ist immer noch im Wesentlichen das weibliche. Aber wenn man das Wort variiert und vom gepflegten, ästhetischen, zurechtgemachten, wohlgestalteten und gut aussehenden Geschlecht spricht, klingt das inzwischen auch nach Männlichkeit. Noch nehmen wesentlich mehr Frauen kosmetische Chirurgie wahr, aber die Zahl der Männer steigt.

Ändert sich dadurch unser Selbstverständnis als Mann und Frau? Wir bewegen uns im Alltag immer stärker hin auf ein Verständnis von einer Natur, die sich gestalten lässt. Das klingt paradox, vor allem für Menschen etwa ab 40 aufwärts, die Natur immer als unveränderlich denken. Aber bei Jüngeren herrscht die Vorstellung von Natur als etwas, das man gestaltet. Das gilt ebenso für unseren Umgang mit Tieren und Umwelt – Tiere sind heute nicht mehr wild, sondern niedliches Spielzeug, sichtbar etwa als Cat-Content im Netz. Und es gilt für unsere Sicht auf Geschlechterdifferenz. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts halten wir es für wahr, dass Körper von Natur aus weiblich oder männlich sind. Auch heute herrscht zwar die Vorstellung, dass es einen natürlichen körperlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt, aber heute muss man diesen Unterschied selber permanent herstellen nach dem Motto: Gestalte deinen Körper so, dass du eine richtige Frau bist oder ein richtiger Mann.(Interview: Nicola Holzapfel)

Zur Person :Paula-Irene Villa ist Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie und Gender Studies an der LMU. Sie ist Co-Sprecherin des Bayerischen Forschungsverbunds ForGenderCare und forscht zudem unter anderem über Ernährung, Fitness und Gesundheit im Rahmen eines VW-Forschungsverbunds. An dem DFG-Projekt "Das optimierte Geschlecht" arbeiteten Anna-Katharina Meßmer, Steffen Loick Molina und Jule Wustmann mit.

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