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Soapbox Science: Wissenschaft für alle

20.07.2022

Beim Soapbox Science Event in München präsentieren zwölf Wissenschaftlerinnen wichtiger Forschungseinrichtungen ihre Fachgebiete. Das wichtigste Accessoire: eine Seifenkiste!

Was haben eine Seifenkiste und Wissenschaft gemeinsam? Nicht viel, könnte man meinen. Mit Wissenschaft verbinden die Meisten ehrwürdige Institutionen, zu denen nur ein ausgewähltes Publikum Zugang hat. Nicht umsonst ist oft vom sogenannten Elfenbeinturm die Rede. Doch genau das möchte Soapbox Science mit Hilfe einer Seifenkiste ändern und zeigen: Wissenschaft ist für alle da.

Am Samstag, den 23.07.22 präsentieren von 14 - 17 Uhr zwölf Wissenschaftlerinnen wichtiger Forschungseinrichtungen mitten auf dem Münchener Odeonsplatz auf Deutsch und Englisch ihre Fachgebiete.

Von der LMU sind mit Sophie Gutenthaler und Vanessa Luzak gleich zwei Forscherinnen vertreten. Für beide ist es ihr erstes Soapbox Science Event, Gutenthaler kennt das Konzept aber bereits von Youtube. Auf den Ablauf in München ist sie daher bestens vorbereitet.

11 Länder und 35 Städte sind dieses Jahr dabei

„Es werden vier Holzkisten aufgestellt, auf denen die Sprecherinnen stehen und dann finden vier ‚Vorträge‘ gleichzeitig statt. Dabei sind das keine Vorträge, die bis ins Detail vorbereitet sind, sondern sie sind sehr individuell auf das Publikum zugeschnitten. Da können Kinder dabei sein, Jugendliche, ältere Personen – ein breites Spektrum an Menschen also, bei denen das Vorwissen natürlich ziemlich auseinandergeht. Das Publikum kann dann Fragen stellen, weshalb man in seinem Vortrag sehr flexibel bleiben muss und nicht einfach stur seinen Text runterrattern kann.“

Ein Konzept, das gut ankommt. Am letzten Soapbox Science Event auf dem Odeonsplatz nahmen 1700 Leute teil. Die Idee geht zurück auf die berühmte „Speaker’s Corner“ im Londoner Hyde Park, wo seit 1872 ein Bereich für öffentliche Reden zu jedem beliebigen Thema reserviert ist. Um sich besseres Gehör und Sichtbarkeit zu verschaffen, stiegen die Sprecher häufig auf mitgebrachte Seifenkisten – so entstand der Name. Das ans Londoner Vorbild angelehnte Format Soapbox Science stammt ursprünglich ebenfalls aus England. Dieses Jahr nehmen 11 Länder und 35 Städte daran teil, in Deutschland neben München noch Berlin und Bonn.

Vanessa Luzak untersucht in ihrer Doktorarbeit, wie Parasiten ihre Gene regulieren und so Infektionen auslösen. Foto: Privat

Wissenschaft auf einfache Weise vermitteln

Soapbox Science soll Wissenschaft auf leichte Weise vermitteln und nahbar machen. Komplexe Inhalte werden von den Wissenschaftlerinnen so einfach wie möglich erklärt. Luzak, die im Bereich Physiologische Chemie promoviert, will erklären, wie Parasiten, sogenannte Trypanosomen, das Immunsystem austricksen. Gutenthaler, die aktuell ihre Promotion in bioanorganischer Chemie macht, wird über das Thema Seltenerdmetalle sprechen. „Eine der Schlüsselbotschaften, die ich habe: Seltenerdmetalle heißen zwar so, sind aber gar nicht selten“, lacht sie.

Um das möglichst anschaulich zu gestalten, wird sie passende Requisiten mitbringen. Etwa eine auseinandergebaute Festplatte, bei der man sich den Neodym-Magnet anschauen kann, Fläschchen mit Seltenerdoxiden oder Karten mit Piktogrammen, die zeigen, wofür die jeweiligen Metalle benutzt werden. So will sie den Interessierten erklären: „Wofür benutzen wir diese Metalle? Weshalb sind sie wichtig für uns? Was ist an den Metallen problematisch? Und wie können wir diese Metalle nachhaltig nutzen und hat die Natur da vielleicht eine Lösung für uns?“

Sophie Gutenthaler promoviert in bioanorganischer Chemie zu Seltenerdmetallen. Foto: Privat

Der Frauenanteil bei Professuren ist in Bayern besonders niedrig

Doch das Science Soapbox Event will nicht nur Begeisterung für die Wissenschaft wecken, sondern auch auf den niedrigen Frauenanteil bei den Professuren hinweisen. „Bayern ist seit Jahren das einzige Bundesland mit einem Professorinnenanteil von nach wie vor unter 22 Prozent“, erklärt die Frauenbeauftragte der LMU, Dr. Margit Weber. Sie ist eine der Organisatorinnen des Soapbox Science Events in München. „Damit liegt der Freistaat seit Jahren auf dem letzten Platz im bundesweiten Länderranking – und das bei einem Studentinnenanteil von 50 Prozent und mehr.“ Eine Beobachtung, die auch Luzak und Gutenthaler gemacht haben.

„Im Bachelor waren es noch mindestens genauso viele Studentinnen wie Studenten, auch im Master ist es noch relativ ausgewogen, in der Promotion geht es dann vielleicht schon etwas zurück, aber so richtig sinkt der Frauenanteil erst ab der Post-Doc-Phase, der Habilitation und wenn es um Professuren geht“, sagt Gutenthaler.

Dementsprechend habe es eine Weile gedauert, bis sie ihre erste Chemie-Vorlesung bei einer Professorin gehabt habe. „Ich war wirklich tief beeindruckt, als ich meine jetzige Chefin, Lena Daumann, das erste Mal in einer Vorlesung gesehen habe. Da saß ich drinnen und dachte mir: Genau das wollte ich immer sehen.“

Dies ist auch der Grund, warum Gutenthaler bei der Soapbox Science mitmachen wollte: „Es ist super wichtig, dass man jemanden sieht, der etwas Bestimmtes macht, wie zum Beispiel eben Wissenschaft, mit dem man sich identifizieren kann. Denn dann realisiert man: Okay, cool, das kann ich ja auch machen.“

Diversität ist wichtig für die Wissenschaft

Dass weniger Frauen in der Wissenschaft tätig sind, liege weniger am mangelnden Interesse als an systematischen Gründen. Dabei ist für Forschung jeglicher Fachrichtung Diversität ein wichtiger Faktor. „Nicht nur Frauen, sondern die komplette Diversität an Menschen, die wir zu bieten haben, ist wichtig für die Wissenschaft“, findet auch Gutenthaler.

Wenn nur eine kleine Gruppe der Gesellschaft Wissenschaft mache und für die Wissenschaft arbeite, würden sehr viele Dinge ausgeblendet. „Das entspricht aber nicht der Komplexität unserer Welt und schöpft nur einen Bruchteil ihrer Kapazität aus“, sagt Luzak. Auch Gutenthaler findet: „Unterschiedliche Hintergründe bringen unterschiedliche Blickwinkel mit – daraus ergeben sich nicht nur vielfältige Fragestellungen, sondern auch unterschiedliche Zugänge zu den Problemen und Lösungsansätze.“

Zudem entscheiden die Menschen, die Wissenschaft machen, auch, welche Wissenschaft sie machen. Frauen würden sich eventuell anderen Fragestellungen widmen als Männer. „Gerade wenn man sich den medizinischen Bereich anschaut, ist es für Frauen ein Nachteil, dass dieser Bereich lange so männerdominiert war. Zum Beispiel Forschung zum Thema Endometriose hat nicht den gleichen Fokus bekommen, wie das vielleicht geschehen wäre, wenn da tatsächlich Frauen dran geforscht hätten, die selber unter Endometriose leiden.“

Diversität, ein Begriff, der alle Menschen miteinbeziehe, sei daher wichtig für eine Wissenschaft, die inklusiv und vielfältig sei und so die Gesellschaft voranbringen könne. Und genau deshalb wird Gutenthaler am Samstag auf eine der Soapboxen steigen und den Menschen zeigen: Wissenschaft ist für alle da!

Aufgeregt? Gutenthaler lacht: „Wird schon gut gehen!“

Das Soapbox Science Event findet am Samstag, 23.07.22 von 14 - 17 Uhr auf dem Odeonsplatz in München statt. Mehr Informationen dazu hier.

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