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Tierärztin und Fabelwesen

22.05.2015

Eine ausgefallenere Freizeitbeschäftigung als die von Daniela Rodler findet sich wohl selten: Als Meerjungfrau taucht sie in Großaquarien für die Besucher. Als wissenschaftliche Assistentin an der Tierärztlichen Fakultät der LMU befasst sie sich aller...

Besucher des SEALIFE München staunten nicht schlecht, wenn hinter dem Glas – neben Meeresschildkröte und Ammenhai – plötzlich eine Meerjungfrau auftaucht. Die junge Frau mit türkis-goldenem Fischschwanz und blondem, im Wasser fließendem Haar winkt ihnen zu, tätschelt Meerestiere und lässt sich schon einmal von einem anderen Taucher mit Salat füttern. Bis zu drei Minuten dauert ihr Unterwasserschauspiel am Stück, spätestens dann muss sie kurz auftauchen, um Luft zu holen. „Ich tauche Apnoe, also ohne Pressluftflasche“, erklärt Daniela Rodler an Land. „Eine Meerjungfrau mit riesiger Tauchausrüstung auf dem Rücken sähe auch ziemlich seltsam aus!“

Die Mittdreißigerin ist nicht etwa Berufstaucherin, sondern arbeitet hauptberuflich als Wissenschaftlerin an der LMU . Doch wann immer ihre Position als Habilitandin und wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Anatomie, Histologie und Embryologie der Tierärztlichen Fakultät es erlaubt, tauscht Dr. med. vet. Daniela Rodler den Laborkittel gegen einen Silikonfischschwanz ein – um zum Amüsement der Zuschauer neben Riesenschildkröten, Haien oder anderen spektakulären Fischen zu tauchen. In unregelmäßigen Abständen tritt sie in München, aber auch in Großaquarien in Denver, Edinburgh, Chester oder auf Grenada, West Indies, auf.

Kinofilm „Splash“ als Impuls „Ich war schon immer fasziniert von den Sagen und Legenden über Nixen und Sirenen“, erklärt Daniela Rodler. Richtig entfacht wurde ihre Begeisterung, als sie als Schülerin den Kinofilm „Splash – Jungfrau am Haken“ im Kino sah. „Damals bastelte ich mir selbst aus Schlafanzügen und Flossen ein Kostüm und übte in Swimmingpools, mich darin zu bewegen.“ Mit elf Jahren trat sie einem Schwimmverein bei, trainierte als Wettkampfschwimmerin, begann später mit klassischem Ballett, nahm Schauspiel- und Gesangsunterricht. Sie trat in kleineren Rollen in Film und Fernsehen auf, darunter in „Bibi Blocksberg 2“ oder „Die Rosenheim Cops“. Während des Studiums der Tiermedizin an der LMU ruhte ihre ausgefallene Leidenschaft für das Unterwasserschauspiel. „Doch während meiner Doktorarbeit absolvierte ich sowohl einen Geräte- als auch einen Apnoetauchschein – also für das Freitauchen ohne Pressluftflasche.“ Immer mit dem Ziel in ihrer knappen Freizeit als Meerjungfrau auftreten zu können. Tatsächlich wurde sie ab 2011 für Auftritte in Großaquarien gebucht sowie für Filmprojekte und Unterwasser-Fotoshootings, bei denen eine Meerjungfrau benötigt wurde. „Ich habe Tauchen und Schauspiel quasi kombiniert.“ Seither verbringt sie so gut wie sämtliche Urlaubstage und Wochenenden beim Training oder bei Auftritten. „Zeit für ein Privatleben bleibt kaum noch – ich bin entweder in der Uni oder unter Wasser.“

Verspielte Meeresschildkröten Ihr zwölf Kilo schwerer Silikonschwanz ist ein Import aus den USA, wo menschliche Nixendarstellerinnen weitaus üblicher sind als hierzulande. „Allerdings ist es weniger ein Kostüm als eine Special-Effect-Requisite“, so Rodler. An den Beckenrand muss sie von Helfern getragen werden. Einmal im Wasser, taucht sie in einer Art weiterentwickeltem Delfinstil. „Dabei muss ich aufpassen, dass meine Fersen und Knie nicht durchs Silikon drücken. Gerade Kinder beobachten mich sehr kritisch und bemängeln schon einmal, wenn die Schwanzflosse nicht echt aussieht.“ Zum Training geht Daniela Rodler regelmäßig ins Münchener Nordbad – dann allerdings nicht in voller Meerjungfrauenmontur, sondern lediglich mit Monoflosse, um das Schwimmen und Tauchen zu trainieren und sich fit zu halten. Bei ihren Unterwasserauftritten in Großaquarien wird Dr. Rodler stets von mindestens einem Sicherheitstaucher begleitet. „Der bringt mir im Notfall eine kleine Not-Pressluftflasche, falls ich an einem Riff oder ähnlichem hängen bleibe. Die reicht für etwa 40 Atemzüge – danach muss ich mich befreit haben.“ Manchmal kommen ihr auch Tiere in die Quere. Die 100 Kilo schweren Schildkröten, zu denen sie zuweilen ins Becken steigt, schnappen zum Beispiel im Spiel gerne in ihre Schwanzflosse oder drücken sie unabsichtlich zu Boden. „Das ist nicht böse gemeint, kann ohne Flasche aber sehr gefährlich werden.“ Von bestimmten Ecken in den künstlichen Meereswelten hält sie sich fern, etwa der Fressstelle der Haie. „In Chester bin ich neben Sandtigerhaien auch schon einmal mit Zitronenhaien getaucht; aber das würde ich wohl nicht wieder machen – letztere sind doch ziemlich gefährlich.“

An der LMU erforscht Daniela Rodler nicht etwa Meerestiere, sondern das Ovar der Vögel. „Eigentlich wollte ich mich eher mit Fischen befassen und ursprünglich sogar Meeresbiologie studieren – aber es kam einfach anders.“ Nach der Promotion habilitiert sie sich nun mit dem Thema „Funktionelle Morphologie des aviären Ovars“. „Das Ovar ist bei den meisten Vögeln – im Unterschied zu den Säugetieren – nur auf der linken Seite ausgebildet“, erklärt Daniela Rodler. „Diese anatomische Asymmetrie wird im Allgemeinen als evolutionäre Anpassung an den Vogelflug gesehen. Es wird postuliert, dass eine einseitige Ausbildung der weiblichen Geschlechtsdrüse mit ihren großen, polylecithalen Eizellen – man denke nur an das Hühnerei – zu einer erheblichen Gewichtsreduzierung führt.“ Erstaunlicherweise hätten aber gerade einige Vogelarten – darunter viele Greifvögel – paarig ausgebildete Ovarien; in Zusammenarbeit mit der Vogelklinik will Daniela Rodler die Gründe dafür klären.

In ihrer Freizeit als Meerjungfrau schwimmt die Tierärztin mittlerweile auch für karitative Zwecke: In Kooperation mit einer Tauchschule schwimmt sie als „Arielle“ mit Kindern mit Downsyndrom; zu Weihnachten tauchte sie, als Engel verkleidet, neben einem versunkenen Christbaum. Mit anderen Unterwasserauftritten unterstützte sie bereits das „Sozialwerk des Deutschen Roten Kreuzes“, den „Elternkreis behinderter Kinder e. V.“, das Kinderkrankenhaus Harlaching oder etwa die „Allianz für Menschenrechte, Tier- und Naturschutz“. Ob sich wissenschaftliche Karriere und zeitintensives Hobby auch in Zukunft vereinbaren lassen, hält Daniela Rodler für ungewiss. „In der Zukunft werden Wissenschaft und Lehre wohl ganz im Vordergrund stehen. Aber meine Studierenden sind dann wohl die einzigen in Deutschland, die von einer Meerjungfrau unterrichtet werden.“ ajb