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Und was kommt danach?

23.10.2015

LMU-Philosoph Stephan Hartmann holt die Praxis in den Hörsaal und initiiert einen Kongress, der die Berufsaussichten in seiner Disziplin auslotet.

„What do you want to do with that?“ – ist eine der Standardfragen, die angehende Philosophen oft zu hören bekommen. Stephan Hartmann, Leiter des Munich Center for Mathematical Philosophy (MCMP) der LMU, Alexander von Humboldt-Professor und einer der international renommiertesten Vertreter seines Fachs holt analytische Philosophie mit mathematischen Methoden in den Alltag zurück. Nun haben er und sein Kollege Dr. Gregory Wheeler für ihre Studierenden einen Kongress initiiert, der schon im Titel „What do you want to do with that? Answers from Philosophers from Outside the Academy“ mit dem Klischee der angeblichen Praxisferne ihrer Disziplin spielt. Hartmann will zeigen, dass es eben nicht realitätsfern ist, sich auf ein Fach wie Philosophie einzulassen, das nicht auf einen bestimmten Beruf vorbereitet. „Wir wollen unseren Studierenden eine Denkhilfe geben. Es gibt viele interessante Karrierewege außerhalb der Universität, die ein Philosophie-Studium eröffnet.“

Die Problemlöser Selbstorganisationsfähigkeit, fächerübergreifendes Denken, Präsentationskompetenz – nach dem Berufseinstieg erkennen viele Geisteswissenschaftler, welche im Joballtag entscheidenden Kompetenzen ihnen ihr vermeintlich arbeitsmarktfernes Studium gebracht hat, wie die Absolventenbefragungen des Hochschulinformationssystems zeigen. Stephan Hartmann sagt, dass gerade das Philosophiestudium viele entscheidende Fähigkeiten vermittelt: „Unsere Studierenden lernen, sich komplizierte Sachverhalte sowie Texte zu erschließen und gut zu schreiben.“ Am MCMP kommt noch die Anwendung mathematischer Methoden hinzu. Im Masterstudium stehen zum Beispiel auch Computersimulationen auf dem Lehrplan. „Philosophen beschäftigen sich mit abstrakten Fragestellungen und erwerben eine Vielfalt an Methoden, um Probleme zu lösen.“

Was es nach dem Studium bringt, über alle möglichen Kniffe zu verfügen, um konkrete Probleme aus dem Weg zu räumen, personifiziert Jeffrey Helzner. Der ehemalige Philosophieprofessor an der renommierten Columbia Universität in New York arbeitet heute in einer Firma, in der er die Erkenntnisse der Entscheidungstheorie, über die er zuvor forschte, anwendet. „Philosophen fragen sich: Was ist eine rationale Entscheidung und wie kann ich sie charakterisieren? Es ist spannend zu sehen, dass das kein rein formales Spielzeug ist“, sagt Hartmann, der auf dem Kongress seine Studierenden mit Jeffrey Helzner und anderen Philosophen zusammenbringt, die sich bereits erfolgreich auf dem außeruniversitären Arbeitsmarkt etabliert haben.

Frage der Haltung Verglichen mit Absolventinnen und Absolventen anderer Fachrichtungen machen sich Geisteswissenschaftler häufiger selbstständig. Dr. Rebekka Reinhard ist das als Philosophin gelungen. Sie arbeitet unter dem Motto „Philosophy works!“ als Coach und Speaker, berät Privatpersonen und Führungskräfte zu Fragen der Persönlichkeitsentwicklung und des Stressmanagements. „Das Gute an der Philosophie ist, dass sie dabei eine unvoreingenommene Haltung einnimmt. Die Philosophie hat diese kritische nachfragende Funktion und kann Menschen anregen, selbst nachzudenken“, sagt Hartmann.

„Wer sich als selbstständiger Philosoph etablieren möchten, braucht Leidenschaft, Disziplin und den Willen zum Experiment“, sagt Reinhard. Auf die Frage, was man denn experimentieren müsse, sagt sie: „Alles!“ Die Philosophin hat sich drei Standbeine aufgebaut, neben der Einzelberatung wird sie auch von Unternehmen für Vorträge und Workshops engagiert, drittes Standbein ist ihre Arbeit als Autorin. Das Wesentliche, was sie dabei aus dem Studium mitgenommen hat: „Ich habe im Studium das Denken gelernt. Ich habe gelernt, sehr konzentriert und differenziert zu denken.“

Auch der Philosoph Dr. Andreas Edmüller berät mit seiner Firma Unternehmen, und das seit 25 Jahren. „The World of Business needs Philosophy“ ist sein Motto. Die entscheidenden Fähigkeiten aus seinem Philosophiestudium dafür: „Argumentative Kompetenz, man lernt, sich schnell in komplexe Zusammenhänge einzuarbeiten und ein Philosophiestudium ist sehr nützlich, um seine Allgemeinbildung zu verbreitern“, sagt Edmüller.

„Viele Philosophen, die in der Praxis beraten, nutzen eine bestimmte ethische Theorie, eine Art Toolbox, um eine bestimmte Entscheidungssituation in einer Firma zu analysieren“, erklärt Hartmann. Sein einziger Kritikpunkt dabei: Die Verbindung zur Wissenschaft darf nicht fehlen, damit die Anwendung des philosophischen „Werkzeugs“ nicht zu statisch wird.

Das große Ganze Stephan Hartmann stellt gerade in seiner Disziplin eine Trennung zwischen akademischem Denken und dem Leben außerhalb der Wissenschaft fest. „Wir müssen mehr auf die Welt zugehen“, sagt er. Viele der Fragen, die am MCMP bearbeitet werden, kommen bereits aus der Praxis. Unter der Leitung von Stephan Hartmann und seinem Kollegen Hannes Leitgeb betreiben die Wissenschaftler am MCMP Philosophie mit mathematischen Methoden, oftmals ausgehend von konkreten praktischen oder wissenschaftlichen Fragestellungen. Sie interessieren sich zum Beispiel für die Rationalität der Entscheidungsregeln des EU-Ministerrats und für die Frage, wie soziale Normen entstehen.

Auch der Kongress soll Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis schlagen. „Ich freue mich auf die Gespräche. Es wäre sehr interessant, wenn bestimmte Anforderungen, die sich aus der Anwendung ergeben, Rückwirkung auf die Theorie haben“, sagt Hartmann, der sich als Schüler zunächst vor allem für Mathematik und Physik interessierte, und sich dann für ein Doppelstudium mit Philosophie entschieden hat. „Der größte Vorteil des Philosophiestudiums ist: Alles hat mit Philosophie zu tun. Selbst wenn wir hier teilweise sehr spezialisiert sind, hat Philosophie doch immer den Anspruch, das Ganze zu denken. Wenn man breite Interessen hat, ist es ein phantastisches Fach. Es eröffnet alle Möglichkeiten.“