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Ungeplanter Ausflug in die Exotenklinik

23.03.2015

Aus spektakulärer Höhe rettete die Feuerwehr vor wenigen Tagen einen Turmfalken. Flugunfähig wurde das weibliche Tier in die Vogelklinik der LMU eingeliefert – dort musste es dann schnell gehen.

„Turmfalken sind Kulturfolger, sie folgen dem Menschen nach“, erklärt Professor Rüdiger Korbel. Dieser Turmfalke hat sich einen besonders schönen Ort ausgesucht, seine Heimat ist der Turm der Frauenkirche in München. Dort verfing sich der Vogel in einem Netz – und das ausgerechnet zur Balzzeit. „Dass gerade Paarbindungen bei Turmfalken stattfinden, kann man auch an der Frauenkirche sehr schön beobachten. Die Falken führen einen besonderen Balzflug aus; auf ruckartige Schwingbewegungen folgt eine Art Sturzflug. Um die Paarbindung nicht zu unterbrechen, ist es wichtig, den Vogel schnell wieder freizulassen.“

Hochsaison für Jungvögel „Im Frühjahr werden immer massenhaft Jungvögel gebracht“, erzählt Korbel, Leiter der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Zierfische der LMU. „Pro Jahr behandeln wir hier in etwa 1.300 Wildvögel, vom Sperling über die Stadttaube bis hin zu seltenen Greifvögeln.“ Ein Unterschied in der Behandlung wird dabei nicht gemacht, egal, ob der Patient selten ist oder nicht. Das gebietet die Berufsethik eines Tiermediziners: Ist ein Tier krank, muss ihm geholfen werden. So einfach ist das. Die Kosten für die Behandlung trägt bei Wildtieren die Klinik. Das ist eine Menge, denn gerade bei traumatisierten Vögeln schließt die Behandlung neben der routinemäßigen Allgemeinuntersuchung meist eine Röntgen- und Augenuntersuchung mit ein. „Die Augenheilkunde ist meine Leidenschaft“, sagt Korbel. „Der Blick durch die Pupille hindurch auf den Augenhintergrund eröffnet einen eröffnet einen Mikrokosmos. Es gibt kein zweites Organ im gesamten Organismus, in welchem auf so geringer Größe eine solche faszinierende Form- und Farbenvielfalt gegeben ist wie im Augeninneren.“

Nicht jedes Tier lässt sich gerne behandeln. Gerade bei Greifvögeln empfehlen sich Lederhandschuhe, erzählt Korbel, der selbst ausgebildeter Falkner ist. Vor allem aber medizinisch sind die Unterschiede – und damit die Ansprüche – sehr unterschiedlich. Verständlich, denn die Bandbreite der Patienten geht vom fünf Gramm leichten Kolibri bis hin zum 170 Kilogramm schweren Strauß. „‚Den‘ einen Vogel gibt es nicht, stattdessen ist eine große zoologische, anatomische und physiologische Bandbreite mit von mehr als 8.800 Vogelarten und 28.000 Unterarten gegeben, welche medizinisch zu berücksichtigen sind.“ Die Vogelmedizin ist daher eine sehr spezialisierte Medizin.“ Und dabei behandelt Klinik nicht nur Vögel, seit 2010 werden dort auch Reptilien, Amphibien und Zierfische versorgt. „In Zukunft kommen noch kleine Heimtiere wie zum Beispiel Meerschweinchen dazu.“

Vom Institut für Geflügelkrankheiten zur „facettenreichen Exotenklinik“ Eine „facettenreiche Exotenklinik“ nennt Professor Rüdiger Korbel – fast liebevoll – die Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Zierfische. Der Tierarzt erinnert sich an viele seiner Patienten, zum Beispiel seinen ältesten: einen über 110 Jahre alten Ara, der bei Feinkost Käfer im Büro lebte und aus Altersgründen eingeschläfert werden musste. „Man kann sich denken, dass bei so alten Tieren sehr enge und ausgeprägte Beziehungen bestehen zwischen Halter und Vogel“, erzählt Korbel. „Nicht zuletzt ahmen Vögel dann auch Verhaltensweisen oder Geräusche von Menschen nach.“ Er erinnert sich schmunzelnd an eine sehr makabere Geschichte seiner langen Tiermedizinerkarriere: einen Papagei, der den Raucherhusten seines Halters imitiert hat. Der Vogel nachfolgende Vogelhalter (bzw. Erbe) erbte nach dessen Tod das Haus, in dem der Papagei weiter hustete.

Die Geschichte der klinischen Vogelmedizin an der LMU beginnt 1965, als das damalige Institut für Krankheiten des Haus-, Zier- und Wildgeflügels auf dem Gelände einer ehemaligen Geflügelfarm gegründet wurde. 1990 zog das Institut als erste Einrichtung der Tierärztlichen Fakultät nach Oberschleißheim und wurde 2003 von Professor Korbel in eine klinische Einrichtung als "Klinik für Vögel" überführt. Heute ist die Klinik in Deutschland die größte ihrer Art. Alle Studierenden der Tiermedizin durchlaufen im Rahmen der klinischen Rotation die Vogelklinik und lernen in den gut ausgestatteten klinischen Abteilungen sowie angeschlossenen Labors für Notfall- und Schnellmedizin von der Bakteriologie bis zur Pathologie alles Wissenswerte über die Vogel-, Reptilien- und Fischmedizin.

Das Turmfalken-Weibchen durchlief innerhalb von nur vier Stunden nach seiner Einlieferung alle möglichen Untersuchungen. Nachdem das Netz, in dem er sich verfangen hatte, entfernt war, konnte der Vogel den Heimflug von Oberschleißheim antreten. Zurück an der Frauenkirche begab er sich – wie Falken das so tun – wieder in luftige Höhe, um Ausschau nach einem Männchen zu halten. Und mit etwas Glück kann das Falken-Weibchen im April schon seinen Jungen von dem ungeplanten Ausflug in die Vogelklinik erzählen.