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Wie intelligent kann KI sein?

07.10.2021

Wohin wird sich Künstliche Intelligenz entwickeln? Wo liegen die Herausforderungen? Antworten aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven.

Am 19. Oktober starten die KI Lectures an der LMU. Die virtuelle Veranstaltungsreihe beleuchtet, wie Künstliche Intelligenz (KI) Wissenschaft, Gesellschaft und unser Leben verändert. Aber wie intelligent kann KI eigentlich sein? Referentinnen und Referenten der KI Lectures antworten auf diese Frage aus ihrer fachlichen Perspektive:

KI-Systeme sind nicht aus sich heraus intelligent

Prof. Dr. Martin Wirsing

Prof. Dr. Martin Wirsing

wird bei den KI Lectures die Podiumsdiskussion zu den ethischen Herausforderungen Künstlicher Intelligenz moderieren. | © LMU

„Wir Menschen sind daran gewöhnt, dass Softwaresysteme seit Langem mathematische Aufgaben für uns erledigen. Gerne überlassen wir Maschinen das Lösen von Gleichungssystemen oder die Berechnung des kürzesten Weges zwischen zwei Orten.

Aber wir fühlen uns unbehaglich, wenn Maschinen Autos steuern, Gesichter erkennen oder unsere Entscheidungen vorhersagen. Solche KI-basierte Systeme verwenden Algorithmen, die von Erkenntnissen aus Biologie und Lernpsychologie inspiriert sind. Diese Systeme sind nicht aus sich heraus intelligent, sie können aber mithilfe großer Rechenleistung in Sekundenschnelle riesige digitale Datenmengen durchsuchen und analysieren.“

Prof. Dr. Martin Wirsing ist Professor für Informatik an der LMU und ein gefragter Experte im Bereich Programmierung, Softwaretechnik und -Entwicklung.

Von menschlicher Intelligenz weit entfernt

Porträt von Prof. Dr. Gitta Kutyniok, Inhaberin des Lehrstuhls für Mathematische Grundlagen der Künstlichen Intelligenz an der Fakultät für Mathematik, Informatik und Statistik und Referentin der KI Lectures, in einem Serverraum

Prof. Dr. Gitta Kutyniok

hält bei den KI Lectures den Vortrag „Einblicke in die Künstliche Intelligenz: Entscheidungen verstehen und erklären.“ | © LMU

„Die derzeitige KI beruht auf Algorithmen, die mittels zurzeit erhältlicher Computer ausgeführt werden. Dies sind die zwei Hauptkomponenten, die den „Grad" der Intelligenz von KI bestimmen. Lassen Sie mich zur Verdeutlichung einen Vergleich zum menschlichen Gehirn ziehen. Künstliche neuronale Netze beruhen beispielsweise algorithmisch auf künstlichen Neuronen, die eine extrem grobe Vereinfachung eines Neurons im Gehirn darstellen. Zudem ist die Flexibilität des menschlichen Gehirns unter anderem beim Erstellen neuer Verbindungen zwischen Neuronen kaum mit derzeitiger Hardware vergleichbar. Dies führt dazu, dass ein Kind zum Beispiel zum Erlernen des Unterschieds von Katzen und Hunden nur wenige dieser Tiere gesehen haben muss.

Ein künstliches neuronales Netz benötigt jedoch für diese für den Menschen simple Aufgabe Millionen von Bildern. Insbesondere das neue Forschungsfeld des „Neuromorphic Computing" geht hier in die richtige Richtung. Trotzdem sind wir von menschlicher Intelligenz noch Jahrzehnte entfernt.“

Prof. Dr. Gitta Kutyniok ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mathematische Grundlagen der Künstlichen Intelligenz an der Fakultät für Mathematik, Informatik und Statistik.

Verblüffende Ergebnisse

Porträt von Prof. Dr. Enrique Jiménez, Professor für altorientalische Literaturen am Institut für Assyriologie und Hethitologie an der Fakultät für Kulturwissenschaften der LMU und Referent der KI Lectures

Prof. Dr. Enrique Jiménez

spricht bei den KI Lectures über „Die Rekonstruktion von Meisterwerken altorientalischer Literatur durch den Einsatz von KI“ | © LMU

„Die antike Welt ist aus heutiger Perspektive ein gigantisches Mosaik, von dem uns nur eine Handvoll Steinchen bekannt sind. So muss die Forschung das Wenige nutzen, was sie greifen kann, um zu rekonstruieren, was in den Lücken dieses großen Mosaiks der Antike fehlt. Auch die Literatur, die aus dem alten Mesopotamien überliefert ist, ist fragmentarisch und ihre Wiederherstellung noch lange nicht abgeschlossen: Jedes Jahr kommen neue große und kleine Fragmente ans Licht, die unser Wissen entscheidend erweitern.

Die traditionelle Art und Weise, wie neue Fragmente identifiziert werden, ist langsam und ineffizient. Wir machen uns daher in unserer Forschung derzeit KI zunutze, um diesen Prozess zu automatisieren und drastisch zu beschleunigen. KI kann die korrekte Lesung eines Zeichens in seinem Kontext bestimmen oder Zeichen auf Fotos identifizieren, oft mit verblüffenden und sogar beunruhigend genauen Ergebnissen; nicht feststellen kann KI hingegen, welche Aspekte eines bestimmten Textes untersuchungsbedürftig sind. Auch historische Ereignisse vermag sie nicht zu interpretieren. Doch selbst das kann sich zukünftig mit der Weiterentwicklung der Technologie ändern.“

Prof. Dr. Enrique Jiménez ist Professor für altorientalische Literaturen am Institut für Assyriologie und Hethitologie an der Fakultät für Kulturwissenschaften der LMU.

Unersetzlich in der Kosmologie

Porträt von Prof. Dr. Daniel Grün, Inhaber des Lehrstuhls für Astrophysik, Kosmologie und Künstliche Intelligenz an der Fakultät für Physik der LMU und Referent der KI Lectures

Prof. Dr. Daniel Grün

spricht bei den KI Lectures über Künstliche Intelligenz in der Kosmologie. | © LMU

„Kann Künstliche Intelligenz forschen und entdecken? Lernfähige Algorithmen haben entscheidende Vorteile in der Verarbeitung großer Datenmengen, in der Detektion von Mustern und Zusammenhängen, in der Bildung von Modellen dafür, wie die Daten aussehen.

In einer der fundamentalsten naturwissenschaftlichen Disziplinen, der beobachtungsbasierten Kosmologie, sind sie schon heute unersetzliche Werkzeuge. Schwieriger wird es aber mit Kausalitätsbeziehungen und auch sonst mit allem, was über reine Phänomenologie hinausgeht. Die Erkenntnis an sich ist mehr als die Kombination bekannter Möglichkeiten. Noch scheint sie transzendent und dem Menschen vorbehalten. Muss das so sein? Wie sähe es aus, wenn eine Maschine ,Heureka' ruft?“

Prof. Dr. Daniel Grün ist Inhaber des Lehrstuhls für Astrophysik, Kosmologie und Künstliche Intelligenz an der Fakultät für Physik der LMU.

Es kommt auf die Daten an

Porträt von Prof. Frauke Kreuter, Inhaberin des Lehrstuhls für Statistik und Data Science in den Sozial- und Humanwissenschaften und Co-Direktorin der Data Science Center an der University of Maryland und der Universität Mannheim und Referentin der KI Lectures

Prof. Dr. Frauke Kreuter

spricht bei den KI Lectures über: Wer entscheidet, was zählt? KI und Big Data: Anwendungen in wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Forschung. | © LMU

„Hier stecken gleich mehrere interessante philosophische Fragen dahinter: Gibt es eine absolute Grenze für Intelligenz? Und: Wie messen wir Intelligenz?

Von einer praktischen Seite aus der Data Science betrachtet, liegt in meinen Augen die Grenze bei uns Menschen. Es kommt derzeit vor allem darauf an, wie viele Daten wir zur Verfügung stellen und wie gut diese Daten sind. Als Analogie kann man das menschliche Lernen heranziehen: Auch ein Kind lernt anhand seiner Umgebung und auf Basis des Materials, das man ihm zur Verfügung stellt. Ein Kind, das viel Input erhält und viele Möglichkeiten hat, zu lernen, was funktioniert und was nicht, oder zu beobachten, wie andere etwas tun, verfügt über große Lernchancen.

Zurück zur Frage von oben: Kann KI irgendwann alle Aufgaben lösen und sich immer richtig verhalten? Das wäre nur dann der Fall, wenn es absolut richtige Lösungen gäbe und man diese lernen könnte.“

Prof. Dr. Frauke Kreuter ist Inhaberin des Lehrstuhls für Statistik und Data Science in den Sozial- und Humanwissenschaften und Co-Direktorin der Data Science Center an der University of Maryland und der Universität Mannheim.

Eine Frage der Definition

Porträt von Prof. Dr. Nikolaos Koutsouleris, Professor für Neurodiagnostische Verfahren in der Psychiatrie an der LMU und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der LMU und Referent der KI Lectures

Prof. Dr. Nikolaos Koutsouleris

hält bei den KI Lectures den Vortrag: Künstliche Intelligenz in der Medizin: Kurzlebiger Hype oder Beginn einer neuen Ära? | © LMU

„Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie wir Intelligenz definieren. Wenn man Intelligenz als die Fähigkeit des Menschen ansieht, aus Sinneseindrücken komplexe, abstrakte, kreative und sich dynamisch verändernde Konzepte über die Wirklichkeit zu formen und hierüber ein Bewusstsein zu entwickeln, kann die heutige KI bestenfalls einzelne Aspekte dieses Prozesses simulieren.

Wenn man Intelligenz dagegen als Fähigkeit ansieht, Verbindungen zwischen Informationsbestandteilen zu erkennen und die daraus entstehenden Entscheidungsmuster auf neue Situationen anzuwenden, kann man der heutigen ‘schwachen‘ KI bereits eine Form von Intelligenz zuschreiben.“

Prof. Dr. Nikolaos Koutsouleris ist Professor für Präzisionspsychiatrie an der LMU und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der LMU.

Weder klug noch tugendhaft

Porträt des Philosophen Timo Greger, Referent der KI Lectures, in einer Bibliothek

Timo Greger

ist Teilnehmer der Podiumsdiskussion bei den KI Lectures zu den ethischen Herausforderungen von KI. | © LMU

„Künstliche Intelligenz ist weder besonders intelligent noch klug oder tugendhaft. Sie ist aber unfassbar leistungsfähig und effizient. Diese Diagnose macht diese Technologie für die Ethik doppelt interessant. Zum einen handelt eine KI selbst nicht moralisch, sie diskriminiert nicht und hat auch keine eigenen moralischen Intentionen. Vielmehr kommt es darauf an, wie wir Menschen sie konstruiert und trainiert haben. Zum anderen ist Technik aber nie nicht normativ oder neutral, denn sie dient immer bestimmten Zwecken und beeinflusst unsere Lebenspraxis, direkt oder indirekt.

Vor diesem Hintergrund bleibt KI eine der spannendsten Technologien unserer Zeit: Sie kann viele Dinge besser und effizienter als wir Menschen, sodass der Einsatz sogar moralisch geboten sein kann. Gleichzeitig ist sie aber lediglich ein technisches Artefakt, macht Fehler und reflektiert ihre Praxis nicht, sodass für deren Ausgestaltung und Einsatz wir Menschen die Verantwortung tragen.“

Dipl.sc.pol.Univ. Timo Greger, M.A., ist wissenschaftlicher Koordinator und Co-Projektleiter des Projekts „KI und Ethik – ethische Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz“ im Rahmen der Projektplattform KI-Campus.

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