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"Wir erwarten eine deutliche Rezession"

06.04.2020

Corona-Krise, Digitalisierung, Energiewende, demografischer Wandel – eine Menge Themen für die fünf Wirtschaftsweisen, zu denen jetzt auch Monika Schnitzer gehört. Ein Gespräch mit der Innovationsexpertin und LMU-Professorin.

Monika Schnitzer ist zu einer von fünf Wirtschaftsweisen ernannt worden. Die Professorin der LMU München wird damit künftig ihre Erfahrung im Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Verfügung stellen, dem wichtigsten Wirtschafts-Beratergremium der Republik, dem erstmals zwei Frauen angehören. Schnitzer berät die Bundesregierung schon seit vielen Jahren in unterschiedlichen Funktionen, zwischen 2011 und 2019 war sie beispielsweise Beraterin für Forschungs- und Innovationspolitik.

Was sind – jenseits von der Corona-Krise – aus Ihrer Sicht die wichtigsten Themen in nächster Zeit und warum? Schnitzer: Ich halte drei Themen für besonders wichtig: den Klimawandel und die Energiewende, den demografischen Wandel und schließlich das Thema Digitalisierung.

Was ist jeweils Ihr Ansatz dabei? Schnitzer: Die Digitalisierung stellt uns vor große Herausforderungen. Wir dürfen den Anschluss an die großen US-amerikanischen Tech-Unternehmen wie Google, Amazon oder Facebook nicht verpassen. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, in Deutschland Start-ups zu generieren, die tolle Ideen haben und die nächsten Innovationen entwickeln? Es ist auch wichtig, wie der Staat selbst den digitalen Wandel vollzieht. Beim E-Government sind uns Staaten wie Südkorea oder Estland weit voraus. Hier fügt sich nahtlos das Thema Datensicherheit und Schutz der persönlichen Daten an. Was sollen Unternehmen über uns wissen? Nicht zuletzt, weil es da auch Missbrauch gibt, brauchen wir dazu eher heute als morgen eine Antwort.

Durch die Corona-Krise wird dieses Thema einen ungeheuren Schub erfahren und es wird viele Innovationen geben. Gerade an der Universität erleben wir das zur Zeit hautnah: Besprechungen werden online per Videokonferenz abgehalten, Seminare per Zoom durchgeführt, auch die Lehre wird im nächsten Semester überwiegend digital erfolgen. Das zeigt, wie wichtig es ist, schnelle Lösungen zu finden. Gleichzeitig führt uns das Thema Tracing-App zur Verfolgung von Kontakten mit Corona-Infizierten vor Augen, dass der Datenschutz sichergestellt werden muss, sonst werden solche Lösungen keine Akzeptanz in der Bevölkerung finden.

Rentenreform und demografischer Wandel sind ebenfalls eine Mammutaufgabe. Schnitzer: Die Rentenreform ist ein großes Thema. Hier gibt es drei Stellgrößen: das Renteneintrittsalter, die Rentenbezüge und die eingezahlten Beiträge. Aktuell ist die Situation ziemlich festgezurrt, weil man weder die Bezüge verringern noch Beiträge und Renteneintrittsalter erhöhen will. Schon jetzt müssen die Renten aus Bundesmitteln bezuschusst werden. Diese Zuschüsse werden, wenn an den drei genannten Stellschrauben festgehalten wird, in den nächsten Jahren immer stärker steigen müssen. Hier ist ein gesellschaftlicher Konsens nötig, was wir finanzieren wollen und zu wessen Lasten es gehen soll. Das wird sicher ein heißes Thema.

Der CO2-Preis wird auch gerade sehr kontrovers diskutiert. Erwarten Sie gesellschaftliche Spannungen etwa aufgrund höherer Benzinpreise? Schnitzer: Wir müssen für den klimapolitisch notwendigen höheren CO2-Preis sorgen und gleichzeitig einen sozialen Ausgleich schaffen. Hier gibt es erste Überlegungen, wie beispielsweise die Pendlerpauschale zu erhöhen. Der Klimawandel wird auch sonst Auswirkungen auf das Konsumverhalten haben. Durch den Verzehr von Fleisch wird beispielsweise ebenfalls das Klima belastet, ein hoher Prozentsatz der Treibhausgase aus der Landwirtschaft kommt von Nutztieren. Da stellt sich die Frage: Will man regulieren oder eher darauf bauen, dass die Konsumenten ihr Verhalten selbst verändern.

Aktuell ist die Corona-Krise das dominierende Thema. Welchen Auswirkungen auf die Wirtschaft erwarten Sie? Schnitzer: Noch lassen sich die Auswirkungen nicht umfassend einschätzen. Aber es ist jetzt schon offensichtlich, dass wir mit einer deutlichen Rezession rechnen müssen. Man muss hier zwei Faktoren unterscheiden: Zum einen kommt es zu Nachfrageschocks, durch die Schließung von Läden, Restaurants, Kinos wird weniger konsumiert. Das ist in China bereits zu beobachten, dort sind die Autoverkaufszahlen um 95 Prozent eingebrochen. Manches kann man nachholen. Das Auto kauft man ein paar Monate später. Ins Restaurant geht man aber später nicht häufiger, das erzeugt eine Delle in der Nachfrage. Zum anderen gibt es einen Angebotsschock, wegen fehlender Zulieferung und Ausfall von Arbeitskräften. Wenn wichtige Teile aus China oder Italien nicht angeliefert werden können, gerät ab einem gewissen Punkt die Produktion auch bei uns ins Stocken. Wie tief die Rezession werden wird, hängt ganz davon ab, wie lange aus gesundheitspolitischen Gründen die aktuellen Einschränkungen aufrechterhalten werden müssen, bei uns und bei unseren Handelspartnern.

Sie erwarten also massive Auswirkungen. Wie schätzen Sie die bisherigen staatlichen Hilfsmaßnahmen ein? Schnitzer: Die Regierung hat sehr schnell gehandelt und ein umfassendes Hilfspaket auf den Weg gebracht. Das ist gut und richtig. Denn die gesundheitspolitisch notwendigen Maßnahmen haben massiven Einfluss auf die Unternehmen. Die Ausweitung des Kurzarbeitergelds ist genau die richtige Maßnahme, um die Unternehmen zu entlasten und so die Arbeitsplätze zu sichern. Das hat in der Finanzkrise sehr gut funktioniert in Deutschland. Wichtig war auch die schnelle finanzielle Hilfestellung für Selbständige und kleine Unternehmen, deren Einkünfte jetzt wegbrechen, sowie die Kreditinstrumente für größere Unternehmen. Das Wichtigste ist jetzt, dass der Staat dafür sorgt, dass grundsätzlich gesunde Unternehmen aufgrund der Probleme nicht insolvent gehen.

Corona-Krise, Euro-Bonds, CO2-Steuer: Es gibt derzeit viel wirtschaftlichen Konfliktstoff. Können gerade die Wirtschaftsweisen in aufgeheizten Diskussionen wichtige Impulse geben? Schnitzer: Der Rat kann es umso besser, solange er als neutrales, unideologisches Gremium wahrgenommen wird. Seine Aufgabe ist, zu den verschiedenen Themenstellungen die unterschiedlichen Argumente darzustellen und so weit wie möglich mit Fakten zu unterfüttern. Auf dieser Basis kann man die unterschiedlichen Optionen zur Auswahl stellen. Am Ende ist es Aufgabe der Politik, zwischen diesen Optionen eine Entscheidung zu fällen.

Lange galten die Wirtschaftsweisen als marktliberal, zuletzt gab es aber auch Entscheidungen mit knapper Mehrheit. Spiegelt das die Pluralität in Gesellschaft und Wissenschaft wider? Schnitzer: Ich denke, es gibt in der Politikberatung einen starken Trend hin zur Evidenzbasierung, wir nutzen möglichst viele empirische Studien aus unterschiedlichen Kontexten. Früher gab es weit weniger empirische Untersuchungen, man argumentierte eher auf Basis theoretischer Überlegungen. Da spielte die Diskussion anhand ordnungspolitischer Grundsätze eine wichtige Rolle. Heute wird eher empirisch argumentiert, welcher institutionelle Rahmen wichtig ist, damit die Marktwirtschaft tatsächlich zu guten Ergebnissen für alle führt.Mit Ihnen zusammen ist die Nürnberger Professorin Veronika Grimm in den fünfköpfigen Rat berufen worden. Erstmals sind zwei der Wirtschaftsweisen Frauen. In öffentlichen Kommentaren hört man immer wieder Stimmen, die sich davon eine weniger hitzige Diskussionskultur versprechen. Wie sehen Sie das? Schnitzer: Ich denke nicht, dass Frauen weniger engagiert diskutieren. Meine Erfahrung ist aber, dass Frauen in der Regel fokussiert und ergebnisorientiert diskutieren. Frauen in solchen Gremien haben viel zu viel zu tun, um Zeit für ausufernde Diskussion zu haben. Ich kenne wenige Frauen, die mit einem Hausmann verheiratet sind, der „ihnen den Rücken freihält“. Typischerweise sind beruflich sehr engagierte Frauen auch mit sehr engagierten Männern verheiratet und teilen sich die Hausarbeit und die Erziehungsarbeit. Viele Kollegen können sich hingegen ganz auf ihre Karriere konzentrieren. Meine Erfahrung ist, dass die sich mehr Zeit nehmen, um lange zu diskutieren.Sie beschäftigen sich als Forscherin stark mit dem Thema Innovation. Welche Akzente wollen Sie setzen? Schnitzer: Ich habe zum Beispiel dazu geforscht, wie Grundlagenforschung Eingang in die Innovation von Unternehmen findet. Das Ergebnis war: Gerade Patente und Erfindungen von Unternehmen, die unmittelbar auf Grundlagenforschung aufbauen, sind besonders wertvoll und erfolgreich. Sie haben einen hohen Marktwert. Auch wenn der Transfer von der akademischen Forschung in die private Anwendung manchmal schneller gehen könnte, ist der Nutzen von Grundlagenforschung enorm.

Wird das ein Thema sein, das Sie im Rat aufgreifen wollen? Schnitzer: Absolut. Hier kann noch mehr getan werden. Es ist die vornehmste Aufgabe des Staats, diese Art von Forschung zu fördern und zu finanzieren, weil sie so breite Auswirkungen hat. Es ist die beste Möglichkeit, den Standort Deutschland voranzubringen.Interview: Hubert Filser

Prof. Dr. Monika Schnitzer ist Professorin für Wirtschaftswissenschaften und hat den Lehrstuhl für Komparative Wirtschaftsforschung an der LMU inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Innovation, Wettbewerbspolitik und multinationale Unternehmen. Schnitzer studierte Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Köln und Bonn sowie an der London School of Economics, promovierte 1991 an der Universität Bonn. Sie war Gastprofessorin am MIT, der Stanford University, Yale, der University of California in Berkeley und der Harvard University.