Der Dolmetscher: Mirko Wiederholt über „Konjunkturzyklus“

LMU-Forscherinnen und -Forscher erklären wissenschaftliche Begriffe allgemein verständlich.

Es gibt wissenschaftliche Begriffe, die es in die Alltagswelt geschafft haben. LMU-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären an dieser Stelle solche Ausdrücke – nicht nur mit einer reinen Definition, sondern auch mit einer kurzen Geschichte ihrer Popularität.

Mirko Wiederholt über „Konjunkturzyklus“
© Lisa Stanzel

Mirko Wiederholt: „Seit Wochen beobachtet die Welt angespannt nicht nur das Kampfgeschehen des Irankrieges, sondern auch dessen ökonomische Folgen. Wie sehr drücken sie die Konjunktur? Treiben sie die Wirtschaft in den Abschwung?

Der Konjunkturzyklus beschreibt das wiederkehrende Auf und Ab einer Volkswirtschaft: Zeiten, in denen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst, bezeichnet man als Expansion. Fällt das BIP, spricht man von Rezession, genauer gesagt, wenn die Talfahrt länger als zwei Quartale dauert. Um gleich damit aufzuräumen: Früher hat man gedacht, Konjunkturzyklen hätten etwas sehr Regelmäßiges wie eine Sinuskurve. Aber dieses Bild ist hoffnungslos veraltet. Heute geht man von Schocks aus, die die Ökonomie treffen, und in unregelmäßigen Abständen das BIP nach oben oder unten treiben. Positive Schocks lassen das Bruttoinlandsprodukt wachsen, negative lassen es fallen. Sind diese Einbrüche besonders stark oder ist das Wachstum wie derzeit in Deutschland ohnehin gerade schwach, kann die Wirtschaft in die Rezession rutschen. Steigt das BIP wieder, ist die Rezession beendet.



Benzinpreisschock

Explodierende Treibstoffpreise: Prof. Mirko Wiederholt an einer Münchner Tankstelle

Die Schocks sind mal groß, mal klein. Es gibt Zeiträume, in denen mehrere Schocks zusammenkommen und sich in ihren Auswirkungen überlagern. Die Zeit seit der globalen Finanzkrise 2007 - 2008 ist dafür ein gutes Beispiel. In diesem relativ kurzen Zeitraum haben uns viele dieser Schocks getroffen: die globale Finanzkrise, die Eurokrise, die Pandemie, der Krieg in der Ukraine – jetzt der Irankrieg. Daran erkennt man schon ganz gut, dass die Konjunkturzyklen, die aus Schocks entstehen, nicht sehr regelmäßig sind.

Der Irankrieg ist ein klassischer negativer Angebotsschock. Das ist eine Situation, in der Inputpreise, die Unternehmen für Rohstoffe etwa oder für Energie zahlen müssen, steigen. Wegen der steigenden Kosten erhöhen Unternehmen die Preise. Haushalte, also die Verbraucher, konsumieren dann weniger, da sie bei gleichem nominalen weniger reales Einkommen haben. Wie stark und anhaltend sich der Schock auswirkt, hängt entscheidend von möglichen Zweitrundeneffekten ab, etwa wenn sich Kosten und Preise und in der weiteren Folge auch Löhne und Preise gegenseitig hochschaukeln.

Als Antwort erhöhen die Zentralbanken typischerweise den Leitzins, um die Inflation zu bekämpfen. Auch das führt zu einer Reduktion von Konsum und Investition. Deshalb ist es für Zentralbanken – wie im Moment mit Blick auf den Irankrieg – die entscheidende Frage, ob und wann sie den Leitzins erhöhen müssen.

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In herausfordernden Zeiten wie aktuell entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung eine gewisse Fixierung auf Zeichen von negativem Wachstum, von Einbrüchen im Konjunkturzyklus. Überhaupt sind Haushalte stärker am Zustand der Wirtschaft interessiert und auch besser darüber informiert, wenn sie nicht so rund läuft, wenn etwa die Inflationsrate stark steigt. Das beobachten wir in unserer Forschung. Ähnliches gilt danach bei einer drohenden Rezession. Das hat dann sowohl mit der Präsenz des Themas in den Medien als auch mit der Aufmerksamkeit der Verbraucherinnen und Verbraucher zu tun. Doch mit diesem Negativ-Bias gerät leicht das eigentlich Wichtige aus dem Blick: dass zwar Schocks die Konjunktur immer wieder auf Berg- und Talfahrt schicken, aber doch im Hintergrund ein auf mittlere und lange Sicht stabiles Wirtschaftswachstum stattfindet.“

Mirko Wiederholt ist Professor für Makroökonomie an der LMU.

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