Kampf gegen Deepfakes: LMU-Spin-off schützt digitale Erinnerung
18.05.2026
GAMI bewahrt historische Zeitdokumente mithilfe von Blockchain-Technologie vor Fälschung und gezielter Delegitimierung.
18.05.2026
GAMI bewahrt historische Zeitdokumente mithilfe von Blockchain-Technologie vor Fälschung und gezielter Delegitimierung.
KZ-Häftlinge mit überzeichnet abgemagerten Körpern blicken mit hoffnungslosen Gesichtern in die Kamera. Ein kitschig zur Schau gestelltes Lagerorchester in gestreifter Häftlingskleidung hat vor dem elektrischen Lagerzaun Aufstellung genommen, um zu musizieren. Diese Bilder sind nicht echt, sondern eine neue Kategorie von Deepfakes – KI-gefälschte Bilder oder Videos –, die zur Sorge von Gedenkstätten und Museen mithilfe von Holocaust-Abbildungen im Internet Klicks generieren möchten – mit Erfolg.
Eine viel größere und bisher verkannte Gefahr ist, dass authentische Zeitdokumente künftig von politisch motivierten Akteuren als KI-Fälschungen diskreditiert werden könnten, um seriöse Geschichtsschreibung und -vermittlung zu untergraben.
Um dieser Gefahr etwas entgegenzusetzen, haben die LMU-Studierenden Pablo Toussaint, Florimon Poisson sowie Rosa Bauer die Global Authentic Memory Initiative, kurz GAMI, ins Leben gerufen. Das junge, im November 2025 gegründete Non-Profit-Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, Archive, Dokumentationszentren oder Gedenkstätten dabei zu unterstützen, ihre digitalisierten Dokumente zu schützen, um sie vor solcher Diskreditierung zu bewahren.
Denn: „Zeitzeugen, die von ihren Erlebnissen in der Öffentlichkeit erzählen können, Erlebnisberichte, die Zeitzeugen im Schulunterricht erzählen können, wird es bald nicht mehr geben“, sagt Rosa Bauer. Ihre Erinnerungen, aufgezeichnet als Film oder Audiomitschnitt, „werden dann unser einziges kulturelles Erbe sein, das wir aus dieser Zeit haben, und werden ihr kulturelles Erbe für die zukünftigen Generationen ersetzen müssen.“ Hier kommt GAMI ins Spiel.
Momentan befinden wir uns in einer Zeit, in der jeder die Gefahr erkennt, die von Deepfakes ausgeht, in der wir aber noch zuverlässig zwischen echten und synthetischen Aufnahmen unterscheiden können. In wenigen Jahren wird das nicht mehr der Fall sein.Rosa Bauer
Kern der Idee von GAMI ist, die Authentizität digitaler historischer Materialien über drei technisch nachweisbare Eigenschaften abzusichern – ohne dass die Originaldateien je das Archiv verlassen müssen. Diese Eigenschaften sind die Integrität, die Existenz sowie die institutionelle Zuordnung der Dateien.
Integrität – ist die Datei unverändert?
Um die Integrität sicherzustellen, berechnet das System aus jeder Datei einen kryptografischen „Fingerabdruck“, einen sogenannten Hashwert. Bereits die Veränderung eines einzigen Bits führt zu einem völlig anderen Wert. Wer den ursprünglichen Fingerabdruck kennt, kann damit jederzeit überprüfen, ob eine Datei unverändert geblieben ist, ohne im Besitz des Originals zu sein.
Existenz – seit wann gibt es die Datei?
„Momentan befinden wir uns in einer Zeit, in der jeder die Gefahr erkennt, die von Deepfakes ausgeht — in der wir aber noch zuverlässig zwischen echten und synthetischen Aufnahmen unterscheiden können", so Bauer. „In wenigen Jahren wird das nicht mehr der Fall sein."
Deshalb verankert GAMI die Fingerabdrücke der Dateien in der Bitcoin-Blockchain — einer dezentralen Datenstruktur, die wie ein öffentliches Logbuch weltweit parallel auf unzähligen Rechnern geführt wird. Ist ein Fingerabdruck einmal in diesem Logbuch verankert, ist es rechnerisch praktisch ausgeschlossen, ihn nachträglich zu verändern. Somit lässt sich auch noch in Jahrzehnten belegen, dass eine Datei existierte, bevor es technisch überhaupt möglich war, von echten Aufnahmen ununterscheidbare Deepfakes zu erzeugen.
Institutionelle Zuordnung – von welcher Institution stammt die Datei?
Jede teilnehmende Einrichtung erhält ein eigenes kryptografisches Schlüsselpaar. Mit ihrem privaten Schlüssel signiert die Institution den Fingerabdruck und bestätigt damit, dass die Datei aus ihren Beständen kommt. Über den öffentlich zugänglichen Public Key kann jede und jeder unabhängig überprüfen, von welcher Institution die Datei stammt, ohne dass GAMI oder eine zentrale Zertifizierungsstelle dazwischensteht.
Genau in dieser unabhängigen Nachprüfbarkeit liegt für das Team der entscheidende Unterschied zu zentral organisierten Lösungen: Selbst wenn GAMI als Initiative irgendwann nicht mehr existieren sollte, bleiben die Nachweise für Archive, Forschende und die Öffentlichkeit dauerhaft überprüfbar.
Ich komme aus Frankreich und bin aufgewachsen mit Erzählungen von meinen Großeltern, die die Landung der Alliierten miterlebt haben. Als ich in Deutschland angefangen habe zu studieren, war die Geschichte des Landes immer ein Thema, über das ich nachgedacht habe.Florimon Poisson
Die Idee, digitale Zeitdokumente auf diese Art und Weise zu schützen, kam den beiden Studierenden Pablo Toussaint und Florimon Poisson bei der Teilnahme an einem Start-up-Event des Innovation and Entrepreneurship Centers der LMU (IEC) im vergangenen November, wo sie sich über die Thematik austauschen konnten. „Ich interessiere mich schon länger für Unternehmertum als Instrument für gesellschaftliche Veränderung. Vor Ort lernte ich Florimon kennen, und wir merkten, dass uns beide der Erhalt von Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter beschäftigt”, meint Pablo Toussaint, der Geophysik im Master an der LMU studiert. Die Familiengeschichte der beiden war ein Ausgangspunkt der Idee von GAMI. Poisson, Master-Student der Informatik an der LMU, erzählt:
„Ich komme aus Frankreich und bin aufgewachsen mit Erzählungen von meinen Großeltern, die die Landung der Alliierten miterlebt haben. Als ich in Deutschland angefangen habe zu studieren, war die Geschichte des Landes immer ein Thema, über das ich nachgedacht habe.”
Mithilfe des 5-Euro-Businessplan-Wettbewerbs, der auch vom LMU Innovation & Entrepreneurship Center (LMU IEC) co-organisiert wird, konnte das Team sein Projekt aufgleisen. Unternehmerisches Know-how konnte Pablo Toussaint zudem im Rahmen des impACTup! Foundational Course des IEC gewinnen. Der Kurs vermittelt wichtige Grundlagen im Bereich gesellschaftliche Innovation und Entrepreneurship und wird in Kooperation mit der Universität Augsburg und dem CDTM durchgeführt.
„GAMI zeigt exemplarisch, was eine Volluniversität wie die LMU einzigartig ermöglicht: das Zusammenspiel von technischer Präzision – hier Kryptografie und Informatik – mit einem tief verankerten gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein. In einem Zeitalter, in dem historische Wahrheit gezielt angreifbar gemacht wird, ist es genau die Aufgabe einer Universität, die Wissenschaft und Wahrheit verpflichtet ist, solche Antworten zu entwickeln“, so Philipp Baaske, Vizepräsident für Entrepreneurship der LMU.
Dass es höchste Zeit für einen digitalen Authentizitätsnachweis historischer Aufnahmen ist, zeigt auch die Reaktion von Experten und Archiven. Obwohl sie erst seit einigen Monaten am Start ist, baut die junge Organisation momentan mit großem Erfolg ein Netzwerk aus Partnern und Unterstützung auf: „Unsere Idee stößt auf großes Interesse. Wir sind mit mehreren Institutionen im Gespräch, die Resonanz ist durchweg positiv“, sagt Rosa Bauer.
Kollaborationen mit dem Bundesarchiv, dem NS-Dokumentationszentrum München sowie mit KZ-Gedenkstätten wie Dachau und Flossenbürg und weiteren Institutionen sind geplant – aber auch internationale Kontakte, wie etwa zu Yad Vashem in Jerusalem, bestehen bereits. „Unser Anspruch ist es, weltweit aktiv zu sein“, betont Rosa Bauer. Dementsprechend hat GAMI ein internationales Team mit regem Zuwachs an Mitarbeitenden und Software-Entwicklern, die neben Deutschland auch von den Niederlanden, Kanada und den USA aus arbeiten. GAMIs akademisches Advisory Board setzt sich aus Professorinnen und Professoren von LMU, TUM und der Princeton University zusammen.
Initiativen wie GAMI leisten einen entscheidenden Beitrag, weil sie die Voraussetzungen dafür schaffen, dass digitale Erinnerungsräume als verlässliche Lernräume bestehen können – gerade in einer Zeit, in der Zweifel an Wahrheit systematisch erzeugt werdenProfessorin Anja Ballis, Mitglied im Advisory Board von GAMI
Auch die digitalen Zeitzeugen des Projekts LediZ gehören zu den geschützten Dokumenten von GAMI. | © LMU/Johanna Weber
Eine davon ist Anja Ballis, die als Professorin für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der LMU forscht und lehrt. Ballis unterstützt GAMI als Expertin für Vermittlung der Holocaust-Geschichte und gehört zu den Koordinatorinnen und Koordinatoren des Projekts „Lernen mit digitalen Zeugnissen", kurz LediZ. Dabei werden Zeitzeugeninterviews gefilmt, gespeichert und als digitale und interaktive Hologramme für den Schulunterricht verfügbar gemacht: „Die Frage nach der Authentizität von Zeitzeugnissen ist keine rein technische, sondern eine zutiefst didaktische und ethische. Wenn wir historische Erfahrungen zugänglich machen wollen, müssen wir nicht nur ihre Inhalte bewahren, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit sichern. Initiativen wie GAMI leisten hier einen entscheidenden Beitrag, weil sie die Voraussetzungen dafür schaffen, dass digitale Erinnerungsräume als verlässliche Lernräume bestehen können – gerade in einer Zeit, in der Zweifel an Wahrheit systematisch erzeugt werden“, so Ballis.
Es ist zu wünschen, dass es dem Team auch gelingt, möglichst viele Archive weltweit mit ihrer einzigartigen, weitblickenden Idee zu bewegen, ihre Daten schützen zu lassen. Damit die Zeugnisse der Erinnerung sicher vor Missbrauch sind.