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Migration: Was Fotos (nicht) verraten

06.07.2026

Wie Fotografie den Blick auf Flucht und Migration prägt: Ein Interview mit Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci

Burcu Dogramaci ist Professorin für Kunstgeschichte an der LMU und Direktorin am Käte Hamburger Kolleg global dis:connect. Sie ist eine der Herausgeberinnen des aktuell erschienenen Bands „Nomadic Camera Photography, Displacement and Dis:connectivities“.

Seit Jahrzehnten wird Migration fotografisch festgehalten. Wie hat das den Blick darauf geprägt?

Burcu Dogramaci: Fotografie ist das Medium schlechthin, um Migrationsphänomene, Flucht, Verfolgung, Vertreibung, Exil zu verbildlichen. Das hat auch damit zu tun, dass die Kamera ein mobiles Medium ist, also mitgenommen werden kann. Fotografie transportiert eine Unmittelbarkeit der Erfahrung. Sie hat eine affektive Kraft, kann Emotionen hervorrufen und Solidarisierung erzeugen.

Oft wird bei Fotografie von dem Dokumentarischen gesprochen. Das würde ich aber differenzieren: Fotografie heißt weit mehr, als ein Zeugnis abzulegen. Durch bestimmte Perspektiven und Schwerpunkte, die gesetzt werden, aber auch durch Eingriffe und Manipulationen – das ist zuzeiten der analogen Fotografie schon der Fall gewesen – wird ein bestimmtes Bild von Migration vermittelt.

Eine Gruppe junger Menschen sitzt auf einem Sofa

Das Gruppenfoto ist durch Meerwasser korrodiert. Es gehörte einer Person, die an Bord eines Fischerbootes von Libyen nach Italien unterwegs war, das am 3. Oktober 2013 vor der Insel Lampedusa sank.

© Karim El Maktafi

Heißt das, Fotos von Migration können auch instrumentalisiert werden?

Fotografie kann die Wahrnehmung von Fluchtbewegungen prägen. Es ist zum Beispiel ein sehr großer Unterschied, ob Personen stark anonymisiert sind, etwa wenn der Blick von weit oben eingenommen wird, wie von einer Drohne, und die Personen fast homogen verbildlicht werden. Oder ob Migration am Beispiel des Fotos einer Person, die einen Namen und eine Geschichte hat, veranschaulicht wird, das zeigt, was sie bewegt und erlebt hat.

Anas Modamani macht ein Selfie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel

Selfie mit Angela Merkel:

Anas Modamani macht ein Selfie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer Flüchtlingsunterkunft in der Nähe des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge nach der Registrierung im Berliner Bezirk Spandau am 10. September 2015 | © Merkel: Bildnachweis: picture alliance / REUTERS | FABRIZIO BENSCH

Welche Rolle spielt es, woher die Aufnahmen stammen, wer macht sie?

Das können diejenigen sein, die selbst geflüchtet sind und fotografieren, oder aber auch Blicke von außen auf Flucht und Vertreibung. Wenn wir zum Beispiel an die Berichterstattung denken im Sommer der Migration 2015, sind das die gewaltigen Bilder von Menschenströmen, die in den Zeitungen und Zeitschriften und auf Social Media zu finden waren. Sie haben die Angst befeuert, was passiert, wenn so viele Menschen kommen.

Auf der anderen Seite gab es das Selfie des Geflüchteten Anas Modamani mit Angela Merkel, das zum Bild für die damalige Willkommenskultur geworden ist.

Herrschen diese Bilder vor allem in Europa vor?

Das würde ich so pauschal nicht sagen. Ich erinnere mich auch an Fotos aus den USA, die zeigen, wie viele Menschen über Guatemala und Mexiko versuchten ins Land zu kommen. Vielleicht lässt sich eher von archaischen Bildern sprechen, die immer wieder in bestimmten Kontexten aufgerufen und fotografisch befeuert werden.

In der medialen Öffentlichkeit oder politisch wird polarisierend und zuspitzend über Migration gesprochen. Und da sind es die großen, überwältigenden Bilder, die herangezogen werden, um zu zeigen: „Das ist zu viel. Wir müssen die Grenzen schließen.“

Auf der anderen Seite gibt es, gerade in den letzten zehn, 20 Jahren eine Sensibilisierung – und das wissenschaftliche Interesse wächst. In der Kunstgeschichte zum Beispiel setzt sich eine junge Generation intensiv mit Bildern der Migration auseinander und hat Interesse, sie zu entschlüsseln und kritisch zu dekonstruieren.

Migration in der Kunst

Wie greifen Kunstschaffende das Thema Foto und Migration auf?

Es gibt viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und kritisch damit umgehen. Ihre eigenen Produktionen sind sehr wichtig dafür, diesen medialen Bildern etwas entgegenzusetzen.

In unserem Buch diskutiert ein Beitrag zum Beispiel die Arbeit von Paulo Nazareth, der sich selbst in künstlerischen Selbstinszenierungen mit stereotypen Vorstellungen von Migrantinnen und Migranten auseinandersetzte. Auch Fotobücher schaffen eine andere Erzählung über Bildstrecken. Die Fotografin Tammy Law etwa arbeitet in ihrem künstlerisch-dokumentarischen Fotobuch „Permission to Belong“ mit empathischen Bildern und komplexen Erzählungen.

Der brasilianische Künstler Paulo Nazareth, Foto aus der Serie „Noticias de Amerika“

Der brasilianische Künstler Paulo Nazareth unternahm eine Reise über 15.000 Kilometer, ausgehend von seiner Heimatstadt Santa Luzia, um sich mit Migration auseinanderzusetzen. Das Foto stammt aus der Serie „Noticias de Amerika“, 2012.

© Paulo Nazareth

Kontext beachten

Prof. Burcu Dogramaci

Burcu Dogramaci ist Professorin für Kunstgeschichte an der LMU und Direktorin am Käte Hamburger Kolleg global dis:connect. | © privat

Und wie sollten Mediennutzende mit der Bilderflut zu Migration umgehen?

Mein Plädoyer wäre, sich kritisch mit Fotografien der Migration auseinanderzusetzen, die Entstehungs- und Verbreitungskontexte zu berücksichtigen.

Was wir in der medialen Berichterstattung an Fotografien sehen und was in den sozialen Medien geteilt wird, ist lenkend. Es ist wichtig, eine Sensibilität dafür zu erzeugen und auf die Diversität des fotografischen Materials hinzuweisen. Die Frage ist: War das Bild zuerst da oder das Narrativ? Wenn berichtet wird, dass viele junge Männer oder unbegleitete junge Erwachsene nach Europa kommen, ist es verleitend, ein Foto auszuwählen, das diese These unterstützt.

Das Foto allein reicht also nicht aus, um es verstehen zu können? Man muss auch den Kontext kennen?

Es ist zum Beispiel wichtig zu wissen, ob das Foto nur eines aus einer ganzen Serie ist, und, falls ja, sich zu fragen: Warum ist gerade dieses Foto so bekannt geworden? Auch eine Abwesenheit von Bildern kann zu Erkenntnissen führen.

Anderer Blick auf Migration

Die Kamera und heute Smartphones ermöglichen es Migrantinnen und Migranten, ihre Exilrouten selbst zu dokumentieren. Unterscheiden sich diese von den Bildern, die von Beobachtenden gemacht werden?

Das würde ich grundsätzlich bejahen. Es ist sehr erhellend, in den privaten Bereich zu blicken, weil die Fotografien andere Geschichten erzählen. Es sind persönlichere Fotografien. Wenn wir zurückgehen zu den Fluchtbewegungen der 1930er-, 1940er-Jahre aus NS-Deutschland und den besetzten Staaten, gibt es auch schon Fotografien von Fluchtrouten. Oder diese Aufnahmen fehlen, was auch wieder Rückschlüsse zulässt: War es unter Umständen zu gefährlich, auf den Fluchtwegen zu fotografieren? War das Fotomaterial besonders knapp oder kostbar, sodass jedes Bild wohlbedacht sein musste?

Negativstreifen mit einem hohen Haus (links) und einem Blumenstrauß in einer Vase (rechts)

Hans Günter Flieg musste in NS-Deutschland aus Chemnitz fliehen. Er nahm ein letztes Foto von seinem Zuhause auf. Das nächste Foto wurde mehrere Monate später schon in São Paulo aufgenommen und zeigt eine Vase mit weißen Orchideen. Dazwischen ist nur der schwarze Negativstreifen, der wie sinnbildlich für die Zeit der Flucht und die Entfernung steht, die Flieg mit seiner Familie auf dem Weg ins Exil bewältigen musste.

© Hans Günter Flieg

Die Smartphones heute haben viele verschiedene Funktionen. Sie sind nicht nur eine Kamera, die eine Fluchtroute festhält, sondern sie ermöglichen Kommunikation, Vernetzung und auch Orientierung: Wo gehe ich überhaupt lang? Wo finde ich meine Route? Und sie archivieren Erinnerung, das heißt fotografische Erinnerungen an den Herkunftsort, an zurückgelassene Familienmitglieder, Freunde und Freundinnen. Mitunter enthalten diese Handybilder auch zurückliegende gewaltvolle Erfahrungen, dann kommen die Fluchtwege hinzu, aber auch das Ankommen in neuen Umgebungen.

KI-generierte Bilder erkennen

Was ändert sich durch Künstliche Intelligenz, die durch erfundene Bilder unseren Blick beeinflussen kann?

Das ist eine große Herausforderung, weil damit auch Kontrafaktisches produziert wird. Es wird auch zukünftig wichtig sein, die Fotografie anzuerkennen als etwas, das Bilder schafft, die prägend sind für die Wahrnehmung von Fluchtprozessen und Migrationsphänomenen. Aber die neuen Bilder, die durch KI entstehen, fügen dem Ganzen noch etwas anders hinzu: die Herausforderung, zu unterscheiden zwischen tatsächlichen Fluchtbildern und KI-generierten, die affektiv arbeiten und die Betrachtenden in ihren Ängsten und Vorbehalten packen können.

Ich denke, wir müssen noch intensiver kritisch an der Dekonstruktion von Bildern arbeiten und notwendige Kompetenzen vermitteln: Was ist da eigentlich zu sehen? Und wie wird Bedeutung generiert? Wie antwortet das KI-Bild auf Sehnsüchte und Vorstellungen, etwas auf bestimmte Weise sehen zu wollen?

  1. Ein junger Mann blickt in die Kamera
  2. Ausschnitt aus dem Fotoalbum der Familie Zweig: Haus im Asternweg
  3. Der Screenshot aus dem Trailer Fati’s Choice zeigt eine Gruppe von Menschen von hinten, die einen Feldweg entlanggehen.

Der Film „Fire at Sea“ von Gianfranco Rosi handelt von der Fluchtbewegung nach Lampedusa. „Der Regisseur hat sich sowohl mit den Geflüchteten als auch den Bewohnerinnen und Bewohnern vor Ort auseinandergesetzt. Der Film thematisiert, was es für sie bedeutet, am Rande Europas situiert zu sein und die Menschlichkeit und Empathie im Umgang mit den auf der Insel Gestrandeten nicht zu verlieren. Dieser Film zeigt, wie differenziert der Blick auf Flucht sein kann“, sagt Burcu Dogramaci.

© Rai Cinema

Die Schriftstellerin Stefanie Zweig beschäftigt sich in einem Familienbuch mit der Exilgeschichte ihrer Familie. Sie emigrierte 1938 auf der Flucht vor dem NS-Regime nach Kenia, zu dieser Zeit war die Autorin fünf Jahre alt.

© Familie Zweig

Der Film „Fati‘s Choice“ ist in Ghana entstanden und entwickelt eine besondere Perspektive auf Migration: Der Protagonistin Fatimah M. Dadzie war die Flucht nach Europa gelungen. Sie entschied sich aber dafür, nach Ghana zurückzukommen. Dort erlebt sie jedoch starke Konflikte, weil sie es nicht geschafft hat, in Europa zu bleiben.

© Fatimah M. Dadzie

Publikation

Cover des Sammelbands Nomadic Camera: Photography, Displacement and Dis:connectivities

Cover des Sammelbands Nomadic Camera: Photography, Displacement and Dis:connectivities

Der Sammelband Nomadic Camera: Photography, Displacement and Dis:connectivities ist entstanden aus dem Workshop „Nomadic Camera“, der 2023 am Käte Hamburger Kolleg global dis:connect an der Ludwig-Maximilians-Universität München stattfand, und vereint Beiträge aus Geschichte, Medienwissenschaft, Kunst, Kunstgeschichte und Ethnologie.

Unter der Herausgeberschaft von Burcu Dogramaci, Winfried Gerling, Jens Jäger und Birgit Mersmann und unter Beteiligung von global-dis:connect-Fellows untersucht das Buch die „nomadische Kamera“ als mobiles Medium im Kontext von Migration, Flucht und Vertreibung. Die Beiträge behandeln technische, mediale und ästhetische Praktiken, Narrative von Bewegung sowie Fragen von Archivierung, Zirkulation und Erinnerung – und öffnen so neue Perspektiven auf Fotografie als Medium der Migration.

Burcu Dogramaci (Editor), Winfried Gerling (Editor), Jens Jäger (Editor), Birgit Mersmann (Editor): Nomadic Camera: Photography, Displacement and Dis:connectivities. Leuven University Press 2026 DOI: 10.11116/9789461667151

KOLLEG global dis:connect

Das Käte Hamburger Kolleg forscht zu Globalisierung unter dem Begriff global dis:connect. „Wir wollen mit dem Doppelpunkt die Spannung zwischen Verflochten- und Verbundenheit in Globalisierungsprozessen betonen, Konnektivität geht auch mit Disruption und Zäsuren einher“, erläutert Burcu Dogramaci.

2026 wird am Käte Hamburger Kolleg dis:connect in Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln ein Workshop zu „Infrastrukturen und Gemeinschaftsformen informeller Kunsträume im globalen Kontext“ stattfinden, der auch das Thema Post-/Migration berücksichtigt.

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