Von 18. bis 20. Juni werden die Abschlussprojekte des Bachelor-Studiengangs „Kunst und Multimedia“ unter dem Titel „Out of Sync“ ausgestellt. Im Fokus: Die Ambivalenz von und gegenüber zunehmender Digitalität.
In postdigitalen Zeiten, in denen wir von KI-Inhalten überflutet werden und es schwer ist, diese von „echten“ zu unterscheiden, muss auch Kunst neu gedacht werden. Schließlich kann jede und jeder mit einem Prompt schnell ein Bild von ChatGPT und Co. erstellen lassen. Welche Urheberrechte dabei verletzt werden, ist intransparent: Werke von Künstlerinnen und Künstlern werden in KI- Tools eingespeist, um auf Zuruf neue Bilder, zum Beispiel in Anime-Optik, zu kreieren – so passiert mit dem charakteristischen Stil von Studio Ghibli. Was bedeutet Kunst noch, wenn sie jeder kopieren und abwandeln kann, ohne dafür irgendetwas Eigenes hervorbringen zu müssen?
Hier kommt der Bachelor-Studiengang „Kunst und Multimedia“ ins Spiel, der Kunst, Gestaltung, digitale Medien und Medieninformatik in sich vereint. „Kreativität heißt nicht, dass ich irgendein Katzenbild generiere und damit Künstlerin bin“, so Dr. Karin Wimmer, Kunsthistorikerin und Leiterin des Studiengangs. „Unsere Studierenden sind in puncto Medienkompetenz mehr als gewappnet.“ Schließlich arbeite man sehr viel mit KI, außerdem setze man sich ständig mit der Frage von Urheberschaft auseinander. Als Künstlerin und Künstler habe man eine große Verantwortung für das eigene Kunstwerk, auch, wenn es mithilfe digitaler Mittel geschaffen wird.
Dieses Bewusstsein spiegelt sich auch in den ausgestellten Kunstprojekten wider. „Conditional Entry“ von Xara Beitinger etwa simuliert mithilfe eines Automaten, der auf Knopfdruck Daten der Besucherinnen und Besucher erfasst und nach intransparenten Kriterien entscheidet, ob eine „Einreise“ gestattet oder verwehrt wird, welcher Kontrollverlust mit Systemen einhergeht, die auf Basis von Algorithmen über Menschenleben bestimmen. Xara selbst habe sich schon früh mit dem Thema Grenzen auseinandergesetzt. „Was ich beängstigend finde: Menschen werden zunehmend auf Daten reduziert und nicht mehr als Menschen, sondern als ‚Expense‘ betrachtet“. Gleichzeitig gebe es aber auch ein solidarisches Umdenken, das Hoffnung mache: „Vielleicht ist meine Arbeit kein reiner Alarm, sondern auch eine Einladung – Schau hin und frag dich dann: Was muss sich verändern?“
Ein anderes, wenngleich nicht weniger relevantes Thema wählt Marlon Schiedeck. Sein Comic „Anxious Encounters“ zeigt die innere Realität neurodivergenter Menschen, indem er Gefühle und Gedanken illustriert, die betroffene Personen in herausfordernden Situationen begleiten können. Im Werk treffen zwei neurodivergente Figuren aufeinander, deren künstlerische Kreationen von einem Unternehmen für algorithmische, künstlich intelligente Neuschaffungen missbraucht werden. Dieser Grenzüberschreitung begegnen sie diametral unterschiedlich: Während eine Figur die Wut nach innen kehrt und sich mit Depression und Selbstzweifel konfrontiert sieht, trägt die andere ihren Zorn nach außen und zieht die Firma öffentlich zur Rechenschaft, was ihren Rauswurf zur Folge hat. Schließlich geben sie sich gegenseitig Halt, tauschen sich über Strategien zur Selbstregulation aus.
Marlon Schiedeck zeigt mithilfe lebendiger Farben eine überstimulierende Welt, die für neurotypische Menschen so nicht erfahrbar ist. Er zeigt Herausforderungen, denen diese sich nicht täglich stellen müssen. „Zuerst hatte ich eher an einen Film gedacht, da ich vor allem Licht und Geräuschsensitivität passend fühlbar machen wollte.“ Die Arbeit mit den Farben habe ihm aber schlussendlich viel Spaß gemacht.
Sich ständig mit digitalen Medien auseinanderzusetzen kann zur Folge haben, dass man sich in der virtuellen Welt verliert. Durch die permanente Beschallung mit sozialen Medien und schlechten Nachrichten aus aller Welt kann es heilsam sein, sich mit den „kleinen“ Dingen zu erden. So ging es Xiangran Zeng: „Meine Mutter hat mich daran erinnert, nicht ständig auf Computer und Handy zu schauen, sondern zu lernen, die reale Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und zu beobachten.“ Hierbei entdeckte sie Details, wie etwa einen feststeckenden Löwenzahnsamen in einem Spinnennetz, die sie zu ihrem Projekt „Common Life“ inspirierten. „Der Löwenzahn ist eine so gewöhnliche und alltägliche Pflanze, die aber eine außergewöhnliche Lebenskraft besitzt.“ Also illustrierte und animierte sie drei unterschiedliche Löwenzahnsamen digital, deren Wege man im interaktiven Kunstwerk verfolgen kann. Daraus zu lesen sind Botschaften über Resilienz, Transformation, Anpassung und schlussendlich die Bedeutung des Lebens, die individuell interpretier- und übertragbar sind.
Etwa die Hälfte der Studienzeit im Bachelor „Kunst und Multimedia“ widmet sich der Entwicklung und Umsetzung eines eigenen Projekts, stilistisch und methodisch sind die Studierenden frei, werden dabei aber eng von den Dozierenden begleitet. Der Fokus liegt, wie im gesamten Studium, auf Interaktivität und hybridem Arbeiten. Darauf folgt die selbstständige Organisation der Abschlussausstellung, von der Suche eines passenden Ausstellungsorts über Werbung und Finanzierung bis hin zur konkreten Aufbereitung und Inszenierung der Kunstwerke. Von 18. bis 20. Juni sind „Conditional Entry“, „Anxious Encounters“, „Common Life“ und viele weitere Projekte der Studierenden im Einstein Kultur ausgestellt. Ein weiteres Highlight: Ein Teil der Studierenden wurde in diesem Jahr zur Ars Electronica eingeladen, darunter auch das Werk von Xara Beitinger.
Out of Sync: Die diesjährige Abschlussausstellung des Bachelorstudiengangs Kunst und Multimedia findet von 18. bis 20. Juni im EinsteinKultur statt.