Science Slams: Damit sich der Blick auf die Welt ein Stück weiter öffnet
15.06.2026
LMU-Forschende vermitteln bei Science Slams auf unterhaltsame Art wissenschaftliche Expertise und geben ungewohnte Einblicke in spannende Forschungsgebiete.
15.06.2026
LMU-Forschende vermitteln bei Science Slams auf unterhaltsame Art wissenschaftliche Expertise und geben ungewohnte Einblicke in spannende Forschungsgebiete.
Das Foto zeigt eine Teilnehmerin beim Slam im Jahr 2025.
Carly Russel weiß noch, was sie letztes Jahr dachte, als sie den CAS Science Slam mit einem Vortrag über die Flechte gewann. „Schön zu wissen, dass ich es immer noch drauf habe.” Denn streng genommen trainiert die Biologin schon ziemlich lange dafür, Wissenschaft für alle verständlich zu machen. Als sie noch in ihrem Heimatland, den USA, lebte, arbeitete Russel in einem Aquarium in Utah und erklärte Menschen jeglichen Alters, wie Korallenriffe funktionieren oder was passiert, wenn invasive Arten in ein Ökosystem eingeschleppt werden. „Das war eine gute Übung“, sagt sie.
Mittlerweile promoviert Russel am Lehrstuhl für Biologie der LMU zur Systematik und Ökologie von Pilzen und Algen. Ihr Lieblingsthema: die Flechte. Die Doktorandin könnte stundenlang über diese Lebensgemeinschaften aus Pilz und Alge reden: Wie sie aussehen, wie sie sich anfühlen, darüber, wie wenig wir eigentlich über sie wissen, obwohl sie sich auf dem ganzen Planeten ausbreiten. Egal ob arktische Tundra, tropischer Regenwald oder bayerische Pflastersteine: Die Flechte ist überall. Sogar im Hauptgebäude der LMU, wenn dort am 17. Juni der CAS Science Slam unter dem Motto „One Planet – Many Questions” stattfindet, bei dem Carly mitmacht.
Knapp eine Woche später geht es dann mit dem Science Slam der Münchener Universitätsgesellschaft weiter, für den LMU-Vizepräsidentin Beatrice Lugger die Schirmherrschaft übernommen hat. In den drei Kategorien Science Talk, Freestyle und Poetry Slam werden sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Bühne wagen.
Unsere Forschenden leisten nicht nur hervorragende wissenschaftliche Arbeit – sie verstehen es auch, Menschen für ihre Themen zu begeistern. Slams bieten dafür eine wunderbare Bühne.Beatrice Lugger, Vizepräsidentin für Kommunikation
„Unsere Forschenden leisten nicht nur hervorragende wissenschaftliche Arbeit – sie verstehen es auch, Menschen für ihre Themen zu begeistern. Slams bieten dafür eine wunderbare Bühne, und ich wünsche allen Teilnehmenden frenetischen Applaus. Indem sie Neugier wecken, Menschen zum Lachen oder Nachdenken bringen und zugleich Einblicke in ihre Forschung und ihren Arbeitsalltag geben, machen sie Wissenschaft persönlich erlebbar und schaffen Nähe zu ihrem Publikum“, sagt Beatrice Lugger.
Die Münchener Universitätsgesellschaft lädt für ihren Science Slam in den Walther-Straub-Hörsaal ein – und das schon zum fünften Mal in Folge. Ganz frisch mit dabei: Dr. Richard Paktiaval. Der promovierte Arzt hat ein bestimmtes Ziel: „Ich möchte die Leute zum Lachen bringen.”
wird beim Science Slam der MUG über Schönheitsmedizin aufklären. | © privat
Als Stand-Up-Comedian probierte er sich dieses Jahr schon auf diversen Münchner Bühnen aus, jetzt will er Humor mit Wissenschaft verbinden. Für ihn, erzählt Paktiaval, ist der Science Slam eine klassische Form von Edutainment.
„Das Publikum wird unterhalten und kann gleichzeitig etwas dazulernen.” Und er selbst profitiere ebenfalls. Bei Auftritten könne er seine kreative Seite ausleben: „Manche spielen ein Instrument, andere malen, ich mache gerne etwas mit Kommunikation und Sprache.”
Beim MUG Science Slam entscheidet am Ende das Dezibel-Messgerät, denn der lauteste Applaus gewinnt. Für seinen Auftritt hat Paktiaval eine Präsentation über das Thema Schönheitsmedizin vorbereitet: über Botox, Doppeldeutigkeiten und den Zeitgeist. „Der menschliche Körper betrifft uns alle, ich glaube also, dass das gut ankommen wird”, sagt Paktiaval.
Viele Menschen haben nach wie vor das Gefühl, dass Jura trocken und langweilig ist. Ich will das Gegenteil beweisen. Slams sollen unterhalten, dafür sind sie da.Isabelle Rödel, Jurastudentin und Slammerin
ist schon beim MUG-Slam 2024 angetreten. | © LMU
Mit einem ganz anderen Thema beschäftigt sich die Jurastudentin Isabelle Rödel in diesem Jahr. Im Februar nahm sie an einem Prozessrollenspiel des Lehrstuhls für Strafrecht und Kriminologie teil. Dafür hörte sie sich mehrere Prozesse im Münchner Strafjustizzentrum an und hatte auch selbst einen Auftritt in Robe: als Strafverteidigerin mit eigenem Plädoyer. „Vor Gericht mit einem Gedicht aufzutreten, geht leider nicht“, sagt Rödel. Beim MUG Science Slam ist das hingegen gerne gesehen. Rödel schrieb ihr Plädoyer deshalb kurzerhand zum Poetry Slam um. „Viele Menschen haben nach wie vor das Gefühl, dass Jura trocken und langweilig ist. Ich will das Gegenteil beweisen. Slams sollen unterhalten, dafür sind sie da.“
Rödel tritt generell gerne bei Poetry Slams auf, unter anderem im Bahnwärter Thiel, einige ihrer Texte hat sie auch schon in Buchform veröffentlicht. Das Schreiben helfe ihr, sich selbst und komplexe Themen besser zu verstehen, erzählt sie. Zum MUG Science Slam kehrt sie gerne zurück, vor zwei Jahren stand sie schon einmal auf der Bühne, performte einen Text über Gerechtigkeit und Rechtsphilosophie und spürte die Energie des Publikums: „Es ist immer ein netter Abend und wer möchte, kann sich für sein Leben und seine Kunst inspirieren lassen.“
Wenn wir mehr Menschen haben, die sich für die Wissenschaft und den Planeten interessieren, können wir gemeinsam dazu beitragen, dass die Welt ein schöner Ort bleibt.Carly Russel, Doktorandin und Slammerin
begeistert ihr Publikum für Flechten.
Carly Russel wird beim Science Slam des CAS, der in Kooperation mit dem Graduate Center der LMU stattfindet, auch dieses Jahr von der Flechte erzählen. „Ich will eine Brücke zwischen der Natur und den Menschen bauen, die sich von ihr entfremdet fühlen“, sagt sie. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, so Russel, sollten ganz allgemein besser darin werden, ihre Forschung auf eine zugänglichere Art und Weise zu vermitteln. Sie selbst sei mit großartigen Wissensvermittlern aufgewachsen, mit Steve Irwin und David Attenborough, mit wissenschaftlichen Fernsehsendungen, die ganz viel Neugier in ihr weckten. „Wenn wir mehr Menschen haben, die sich für die Wissenschaft und den Planeten interessieren, können wir gemeinsam dazu beitragen, dass die Welt ein schöner Ort bleibt.”
Nach dem letzten Science Slam, berichtet Russel, ist eine Zuschauerin auf sie zugekommen, hat sich für den Vortrag bedankt und erzählt, dass sie die Flechten an ihrem Haus bisher immer weggeputzt habe. Bis zu diesem Zeitpunkt habe sie nicht gewusst, dass es sich bei Flechten um lebende Organismen handelt. „Für sie hat sich durch den Science Slam ein kleines Stück Welt geöffnet”, sagt Russel. „Das ist doch das beste Gefühl überhaupt.”
Es ist wichtig, dass wir unsere Forschung in eine zugängliche Sprache packen. Nur so hat sie eine Chance, von allen gehört zu werden.Joanna Hunsmann, Doktorandin am Department Psychologie und Slammerin
Joanna Joy Hunsmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Department Psychologie, stellt sich dieses Jahr zum ersten Mal der „Challenge“ CAS Science Slam, wie sie es formuliert. Vor vielen Leuten zu sprechen sei ein wichtiger Teil von Forschung, so Hunsmann. Die Ergebnisse sollen schließlich nicht nur in Lehrbücher Einzug halten, sondern auch ins Leben der Menschen – und zwar in korrekter Form. Denn vor allem beim Thema Psychologie schwirren auf Social Media auch viele Mythen herum, so Hunsmann. „Wir sind diejenigen, die das Wissen ansammeln und haben. Also sollten wir es auch auf verständliche Art und Weise verbreiten.“ Ihr Thema: Overthinking und Post-Event Processing, also negative Gedankenspiralen, zum Beispiel nach sozialen Interaktionen.
Diese Gedanken, so Hunsmann, seien bis zu einem gewissen Grad ganz normal. „Wenn es aber rigide und exzessiv wird, können sie auch ein ernstes Risiko für die mentale Gesundheit darstellen.“ Den Science Slam möchte Psychologin Hunsmann dafür nutzen, das Thema greifbarer zu machen und Hilfe anzubieten. „Es ist wichtig, dass wir unsere Forschung in eine zugängliche Sprache packen. Nur so hat sie eine Chance, von allen gehört zu werden.“
An der LMU stehen im Juni gleich zwei Science Slams an:
Am 17. Juni 2026 startet um 19 Uhr der CAS Science Slam unter dem Titel „One Planet – Many Questions“ im LMU-Hauptgebäude.
Mehr Infos: CAS Science Slam
Am 25. Juni 2026 um 18 Uhr findet im Walther-Straub-Hörsaal am Institut für Rechtsmedizin der LMU der Science Slam der MUG statt.
Mehr Infos: MUG Science Slam