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Ungleichheit sichtbar machen

23.06.2026

Das Munich International Stone Center for Inequality Research (ISI) der LMU untersucht soziale Ungleichheit – und wird für seine kreative Wissenschaftskommunikation gleich mehrfach ausgezeichnet.

Die Wände sind frisch gestrichen, die Kartons ausgepackt: Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten startet das Munich International Stone Center for Inequality Research (ISI) in neuen Räumen in die nächste Runde. An der Ohmstraße soll künftig nicht nur zum Thema Ungleichheit geforscht werden. Auch ein Event Space entsteht, reserviert für spannende Workshops, Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen und andere im Wissenschaftsbetrieb eher unübliche Formate.

Seit seiner Gründung vor anderthalb Jahren verfolgt das ISI den Anspruch, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen und wissenschaftliche Forschung verständlich zu vermitteln. Gerade beim Thema Vermögensungleichheit sei Wissenschaftskommunikation besonders wichtig, so der Soziologe Professor Fabian Pfeffer, Direktor des ISI, denn: „Vermögensungleichheit betrifft Demokratie, soziale Mobilität und wirtschaftliche Stabilität. Wenn Vermögen stark konzentriert ist, konzentriert sich auch Macht.“

Drei Personen packen Umzugskartons in einem modernen Büro mit Akustikdecken, Deckenventilatoren und Konferenztechnik aus. Büroeinrichtung und Arbeitsplatzgestaltung während eines Firmenumzugs in einem hellen, modernen Unternehmensstandort.

Das Team um Professor Fabian Pfeffer (rechts) beim Einrichten der neuen Büroräume.

© Stella Traub

„Ungleichheit ist auch bei uns ein großes Thema“

Pfeffer hat in den USA promoviert und dort jahrelang zu Fragen sozialer und intergenerationaler Ungleichheit geforscht. Viele Formen der Ungleichheit seien in den Vereinigten Staaten noch offensichtlicher, erklärt er. „Aber Ungleichheit und deren unheilvolle Effekte sind auch ein großes Thema in Deutschland.“

Das noch junge Zentrum ist Teil eines internationalen Netzwerks, das von den US-Philanthropen Cathleen und James M. Stone finanziell unterstützt wird. Es beschäftigt sich mit Vermögen, ungleichen Startbedingungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen.

Zahlen, die man fühlen kann

Um viele Menschen für die Forschung zur Ungleichheit zu interessieren, setzt das ISI in seinen Publikationen ganz besonders auf Klarheit. „Weniger Fachbegriffe, mehr visuelle Übersetzung“, so die Kommunikationsdirektorin des ISI, Michèle Loetzner. „Zahlen müssen fühlbar werden!“

Dieser Fokus auf Verständlichkeit blieb nicht unbemerkt: Der „Inaugural Report“, den das Zentrum im vergangenen Jahr vorlegte, wurde geradezu mit Preisen überhäuft. Ausgezeichnet wurde der Report nicht nur mit dem FOX Award für Effizienz und visuelle Qualität, sondern auch mit dem International Creative Media Award in der Kategorie Custom Media sowie mit dem European Publishing Award für Content Marketing Print 2026.

Ungewöhnlich unterhaltsam

In der Jurybegründung des FOX Award wird der „ungewohnt unterhaltsam-journalistische Ansatz“ des Reports hervorgehoben. „Ein Applaus für den Mut, die Inhalte und nicht zuletzt die Leistung einer kleinen Inhouse-Redaktion, die zudem mit einem äußerst schmalen Budget ausgekommen ist“, heißt es dort.

Ein großes Kompliment für die ambitionierte Arbeit des ISI – und eine Bestätigung der gewählten Kommunikationsstrategie. Gerade der European Newspaper Award, der aus der Welt des Zeitungs- und Magazindesigns kommt, zeigt, so Pfeffer, „dass wissenschaftliche Inhalte auch gestalterisch, erzählerisch und journalistisch anschlussfähig sein können“.

Munipoly – ungleiche Chancen in München

Tatsächlich präsentiert der 34-seitige Report das Thema Ungleichheit ebenso informativ wie kreativ, in verständlicher (wenngleich englischer) Sprache – mit Quiz, Interviews, Geschichten aus dem echten Leben und einer satirischen Monopoly-Version namens „Munipoly“. Die Spielfelder heißen dort etwa „Born in Bogenhausen“, „Parents’ Apartment“, „Gentrification Express Glockenbach“ oder „Schwabing Eigentumsgrenze“. Nicht weiterzukommen, weil man auf dem falschen Feld – respektive im schlechteren Viertel – gelandet ist: Im Spiel wie im Leben sind die Chancen auch in München von Anfang an ungleich verteilt.

Konzentriertes Vermögen, konzentrierte Macht

Spürbar sind die Folgen von Vermögensungleichheit für viele Menschen, erklärt Pfeffer. Und doch bleibe das Thema häufig abstrakt und werde „oft verzerrt oder verkürzt diskutiert“.

Politische Debatten etwa konzentrierten sich häufig auf etwaige – wenn überhaupt – geringe Einsparungen beim Bürgergeld. Große Vermögen und deren Verteilung dagegen würden seltener thematisiert. „Wenn wir uns daran erinnern, dass jährlich rund 400 Milliarden Euro vererbt werden oder dass die untere Hälfte der Bevölkerung nur etwa drei Prozent des Vermögens besitzt, dann verschiebt das die Perspektive“, sagt Pfeffer. „Nicht jede Ungleichheit ist automatisch ungerecht. Aber wenn Ungleichheit dazu führt, dass Lebenschancen systematisch ungleich verteilt sind, dann wird sie aus meiner Sicht problematisch.“

Utopisch? Nicht unbedingt!

Das ISI nimmt in seiner Forschung auch Lösungsansätze in den Fokus, die zunächst utopisch wirken, international aber bereits erprobt werden. Busse und Bahnen kostenlos anzubieten, stärker in den Wohnungsbau der öffentlichen Hand zu investieren oder hohe Vermögen an der Finanzierung öffentlicher Aufgaben zu beteiligen: Das klingt hierzulande wahlweise traumtänzerisch oder provokant, wird aber anderswo durchaus praktiziert. Grund genug, „den Denkraum zu erweitern“, wie die Kommunikationsdirektorin des ISI, Michèle Loetzner, sagt, „und die Vorstellung dessen zu verschieben, was gesellschaftlich möglich ist. Wenn etwas woanders erfolgreich funktioniert, warum soll es bei uns nicht auch funktionieren?“

Zu ihrem innovativen Kommunikationskonzept gehört es, Social-Media-Kanäle mit jeweils unterschiedlicher Sprache und Tonalität zu entwickeln. „Für uns ist das kein Widerspruch zur wissenschaftlichen Genauigkeit“, erklärt Loetzner, „sondern Teil guter Wissenschaftskommunikation: Wir müssen dort verständlich sein, wo Menschen uns begegnen.“

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