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Deutschlands berühmtester Pförtner

04.11.2020

Nach einem Bericht in der „ZEIT" ist Pförtner Ehsan Ghafoory vom Geschwister-Scholl-Institut bundesweit bekannt. Wer ihn noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen.

Immer wieder bleiben Studierende bei Ehsan Ghafoory stehen. Der 54-Jährige sitzt in der Pforte des Geschwister-Scholl- Instituts (GSI) am Englischen Garten. Viele sind auf der Suche nach Räumen. Ohne nachdenken zu müssen weist er jedem sofort den richtigen Weg. Die meisten aber wollen Ghafoory einfach begrüßen oder verabschieden – kleiner Smalltalk inklusive. Er kennt natürlich alle mit Namen. Ghafoory ist der Typ Mensch, bei dem man nach fünf Minuten das Gefühl hat, schon das ganze Leben mit ihm befreundet zu sein, Shake hands hier, High five da. „Er ist der Beste, schreiben Sie das“, ruft einer. Unbestritten ist er einer der bekanntesten Pförtner Deutschlands, nachdem kürzlich ein Text in der ZEIT über ihn erschien.

„Das GSI hat nicht nur den besten, sondern auch berühmtesten Pförtner der Republik“, twitterte das GSI nach dem Bericht stolz. Darauf angesprochen lacht Ghafoory nur bescheiden. Er lacht eigentlich die ganze Zeit. Dabei ist sein Leben von Schicksalsschlägen geprägt. Ghafoory wurde 1965 in Afghanistan geboren – „ein wunderschönes Land“, wie er sagt. Seine Kindheitserinnerungen sind noch durchweg positiv geprägt. Er ging zur Schule, absolvierte sein Abitur und studierte. Dann begann der Bürgerkrieg. Zunächst arbeitete Ghafoory als Russisch-Übersetzer für die NATO. Mehr dazu darf er nicht verraten – „alles geheim“. Dann kam das Schicksalsjahr 1991. Eine Landmine war tief im Boden vergraben. Obwohl schon etliche Autos über dieselbe Stelle gefahren waren, war der Druck erst bei Ghafoorys Wagen groß genug. Die Mine explodierte. In Ghafoorys Kopf war es totenstill. Er schwebte in akuter Lebensgefahr. Doch Ghafoory überlebte knapp. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. „Ich weiß jetzt, was Tod bedeutet“, sagt er leise. Ziel war es, mit den Druckluftbomben die Regierungsstruktur lahmzulegen – ohne Rücksicht auf das Leben von Zivilisten. „Der Krieg kennt keine Gnade.“

„Ich musste einfach raus“

Ghafoory wollte seine Heimat trotzdem nicht verlassen. Doch 1998 kamen die Taliban an die Macht, plötzlich schwebte er aufgrund seiner Arbeit für die NATO erneut in Lebensgefahr. Außerdem hielt er das ganze Leid nicht mehr aus. „Ich musste einfach raus“, sagt er. Es klingt fast wie eine Entschuldigung. Da zu dieser Zeit nur noch die deutsche Botschaft in dem Land aktiv war, führte ihn sein Weg nach Deutschland. Allein. Seine wenigen Ersparnisse gab er dafür aus, einen Deutschkurs an der Volkshochschule zu belegen. Damals mussten Asylbewerber den noch selbst bezahlen. Obwohl die Arbeitslosigkeit in Deutschland Mitte der 2000er-Jahre einen Höchststand erreichte, wurde Ghafoory nach seinem vom Arbeitsamt eingefädelten Praktikum an der LMU übernommen. Pförtner war nach seiner Berufserfahrung in Afghanistan nicht sein Traumberuf, gibt der Akademiker offen zu. Ghafoory sorgt für offene und verschlossene Türen, ist Ansprechpartner für alle Probleme im Haus, sortiert die Post und kümmert sich um frische Luft vor Seminarbeginn. „Inzwischen bin ich aber sehr froh, mit so vielen jungen Leuten arbeiten zu dürfen.“

Was ihm an seinem Beruf besonders gefällt: Studierende bei ihrem Werdegang zu begleiten. „Das ist wie einer schönen Blume beim Wachsen zuzuschauen“, sagt er poetisch. Viele habe er als Erstsemestler kennengelernt, jetzt seien sie Doktoranden, Professoren oder berühmte Politiker. Deswegen findet Ghafoory es schade, dass sein Beruf ausstirbt. Er ist einer der letzten klassischen Pförtner an deutschen Unis. Viele Aufgaben werden auf Sicherheitsdienste übertragen oder durch die Digitalisierung überflüssig. „Eine Maschine kann einem Professor aber nie sagen: ‚Heute ist der Brief gekommen, auf den Sie so dringend gewartet haben‘“, erläutert Ghafoory. Und wie hat sich das Campusleben in den letzten 15 Jahren verändert? „Die Studierenden und Professoren werden immer jünger“, sagt Ghafoory und lacht. Früher habe es keinen Professor unter 50 Jahren gegeben. Und es waren Typen wie Professor Werner Weidenfeld, die vor Ghafoory bis heute immer höflich den Hut ziehen. „Die Professoren heutzutage sind lockerer“, sagt er. „Sie sagen einfach Servus." Trotzdem werde weniger gefeiert. Früher hätten Fachschaften regelmäßig Partys veranstaltet. Positiv bewertet Ghafoory die Entwicklung der Barrierefreiheit. Früher gab es zum Beispiel am GSI nur eine Behindertentoilette, jetzt sind es vier. Für Rollstuhlfahrer hat er natürlich immer Tipps parat.

Ein wenig neidisch ist Ghafoory dann allerdings. Er hätte auch gern studiert. „Germanistik wäre ein Traum“, sagt er und strahlt. Doch als er nach Deutschland kam, hätte er schnell Geld verdienen müssen. Warum er das Studium nicht nachholt? „Dafür bin ich doch viel zu alt“, winkt er ab. Ab und zu setzt er sich aber in Vorlesungen, wenn es um sein Heimatland geht. Obwohl seine Verwandtschaft noch in Afghanistan lebt, hat er das Land seit über 20 Jahren nicht mehr betreten. Zu gefährlich. „Und solange Krieg ist, kommt die Vergangenheit jedes Mal wieder hoch“, sagt er traurig. Auch durch die Flüchtlingsbewegung 2015 sind viele Erinnerungen an seine Flucht und sein Land wieder wach geworden. „Das hat mich sehr bewegt“, erinnert er sich. So viele junge Menschen aus Not auf der Flucht – keiner mache das freiwillig. Ghafoory ist daher sehr dankbar, dass Kanzlerin Angela Merkel die Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen hat. „Schade, dass das von manchen Menschen für Rassismus genutzt wurde“, sagt er traurig. Kurz lässt er seinen Blick gedankenversunken schweifen. Er selber hat zum Glück noch keine Diskriminierung erlebt. Und dann blitzt sie wieder auf, Ghafoorys Lebensfreude. Er liebe Münchens internationales Flair und das universitäre Umfeld. „Hier ist es völlig egal, wo man herkommt oder welche Sprache man spricht“, sagt er, fast stolz. „Hier geht es nur um Wissen.“