News

Die kleinen Unterschiede

12.12.2019

Die Entwicklungspsychologin Antonia Misch beschäftigt untersucht, was Gruppen definiert und wie sich Sozialverhalten im Gruppenkontext entwickelt.

Dr. Antonia Misch sitzt in einem Raum mit roten Stühlen

© LMU

Sofort fallen die grünen und orangefarbenen Schals auf. An manchen Wochenenden sieht man Kinder damit im hinteren Teil des Kinderreichs des Deutschen Museums vor einem Computer sitzen. Auf dem Bildschirm sehen sie Fotos oder Videos gleichaltriger Kinder und glauben, sie seien mit ihnen verbunden. Diese Kinder tragen ebenfalls grüne oder orangefarbene Schals, als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Dann sollen die kleinen Probanden per Mausklick entscheiden, ob sie diese sympathisch finden. Das Ergebnis ist verblüffend, erzählt Antonia Misch, Entwicklungspsychologin an der LMU: Kinder mit grünem Schal finden andere Kinder mit grünen Schals netter, Kinder mit orangefarbenen ebenfalls die mit den gleichfarbigen Schals, obwohl diese Schals offenkundig ganz zufällig verteilt wurden. Erzählt man ihnen dann aber, dass sie aufgrund von technischen Schwierigkeiten nur noch mit den Kindern der jeweils anderen Gruppe in Kontakt treten können, verschwinden die Unterschiede in der Sympathiebewertung.

Misch geht es in diesem Versuchsszenario darum, den Einfluss von Erwartungshaltungen auf das Zugehörigkeitsgefühl zu testen. Die Forscherin untersucht in Experimenten mit Kindern und Erwachsenen, wann und warum Menschen beginnen, sich mit Mitgliedern der eigenen Gruppe zu identifizieren. „Gruppendenken beginnt offenbar sofort, dafür genügt schon ein winziges Merkmal wie der grüne Schal, der die eigene Gruppe von einer anderen unterscheidet“, sagt Misch. „Menschen sind unglaublich empfänglich für Signale, die Zusammenarbeit oder Kooperation signalisieren.“

Die jüngsten Kinder sind vier Jahre alt, da kann so ein Versuchsaufbau einige unerwartete Herausforderungen mit sich bringen, erzählt Misch von den Experimenten. „Es sind jedenfalls Kreativität und Einfühlungsvermögen gefragt, um die Kinder bei der Stange zu halten.“ Und es sei schon gar nicht so leicht, immer die nötige Zahl von rund 100 Kindern als Versuchspersonen zu erreichen. Für die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie sind solche leichten Turbulenzen Alltag. Derzeit allerdings kann sich Misch als Junior Researcher in Residence am Center for Advanced Studies (CAS) in Ruhe und intensiver als sonst um die Auswertung ihrer vielfältigen Experimente kümmern, die sie der LMU am Deutschen Museum und zuvor in den USA an der Universität in Yale durchgeführt hat. In dem halben Jahr am CAS kann sie ihre Habilitation voranbringen. Ein Luxus für eine Nachwuchsforscherin, eine Weile mal keine Lehrverpflichtungen zu haben und sogar etwa im Rahmen von Workshops wie nun am CAS durch Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt neue Ideen und Anregungen in ihrem Forschungsfeld zu bekommen.

Misch beschäftigt sich intensiv mit Fragen der Gruppenzugehörigkeit und des Sozialverhaltens im Gruppenkontext. „Bisher standen für mich vor allem die Konsequenzen für unsere Gesellschaft im Mittelpunkt, im Positiven wie im Negativen“, erzählt Misch. Sie untersuchte, ab wann Kinder ein Verständnis von Gruppenloyalität entwickeln, ob sie sich loyal zur Gruppe verhalten und wie Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe sich auf ihr moralisches Verhalten auswirkt. In ihrer Habilitation will sie außerdem erforschen, wie man den negativen Konsequenzen von Gruppenmitgliedschaft entgegenwirken kann. „Wir machen Grundlagenforschung“, sagt Misch. „Wir wollen wissen, was es mit Menschen macht, wenn sie in eine Gruppe eingeteilt werden und welche Erwartungen geweckt werden. Dies können wir implizit erfassen, indem wir die Erwartungshaltung experimentell verändern und dann schauen, wie sich die neue Situation auf das Verhalten der Menschen auswirkt." Immer geht es darum, welche psychologischen Mechanismen menschliches Gruppen-Bewusstsein prägen.

Antonia Misch stellt dabei grundlegende Fragen nach Herkunft und Identität, wie sie auch Anthropologen oft beschäftigen: Zu wem gehören wir? Wie hat uns unser soziales Umfeld geprägt? Und schließlich die zentrale Frage: Was macht den Menschen menschlich? Ihre Zeit am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig habe sie geprägt, sagt Misch: „Der evolutionspsychologische Ansatz und die Theorien von Forschern wie Michael Tomasello haben meine wissenschaftliche Arbeit sehr geprägt.“

Ihre Forschung ist auch eine Reise zurück zu den menschlichen Wurzeln. Misch erinnert an die frühen Clans in der Steinzeit, an die harten Umweltbedingungen während der Eiszeit und an Menschen, die umherzogen und immer neue Allianzen mit anderen Gruppen eingehen mussten. „Es war wichtig für die frühen Menschen, schnell zu erkennen, wer Freund und Feind ist, oft vermutlich sogar eine Frage über Leben und Tod. Als Erkennungszeichen für eine Gruppenmitgliedschaft konnten allerlei Merkmale dienen: Sprache, Aussehen oder Kleidung“, sagt Misch. „Sehr wahrscheinlich waren diese Erfahrungen prägend. Wir Menschen von heute sind jedenfalls immer noch sehr sensibel für minimale Anzeichen, die auf eine Gruppenmitgliedschaft hindeuten können.“

Für Misch stellten sich in Leipzig die Weichen ihrer Forscherkarriere. Dort habe sie gespürt, dass es sie sehr interessierte, wie solche evolutionspsychologischen sich auf die menschliche soziale Entwicklung heute noch ausprägen. „Das war so ein Bauchgefühl“, sagt Misch. „Als studentische Mitarbeiterin hatte ich die Gelegenheit, für Harriet Over, mittlerweile Professorin an der Universität von York, einige Studien zum Thema Gruppenpsychologie im Kindesalter durchzuführen, was ich unglaublich spannend fand. Als sich dann die Möglichkeit zu einer Promotion zu diesem Thema ergab, war mir sofort klar, dass ich daran längerfristig arbeiten wollte.“

Seit dieser Zeit entwickelt die Forscherin kontinuierlich ihr wissenschaftliches Profil. Sie wechselte nach Yale, forschte dort zwei Jahre, kam dann im Jahr 2017 an die LMU an den Lehrstuhl von Professor Markus Paulus. Die Netzwerke, in die man hineinwächst, und die Wissenschaftler, die man kennenlernt, seien gerade für junge Forscher entscheidend, sagt Misch. „In den USA sind die Leute stark vernetzt, da herrscht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.“ Die Ausbildung an renommierten Ausbildungsstätten wie Yale gebe einem als junge Wissenschaftlerin auch Selbstbewusstsein und eine gewisse Grundhaltung mit. „Ich möchte Forschung machen, die einen Effekt haben kann“, sagt Misch.

So will sie künftig auch verstärkt anwendungsbezogene Experimente machen. Relevante aktuelle Fragestellungen, die auf das Sozialverhalten im Gruppenkontext zielen, gibt es viele. Sprache, Ethnien, Geschlechtszugehörigkeit, all das definiert mögliche Gruppen. Wenn man bedenkt, dass Eigengruppe und Fremdgruppe bereits im frühen Kindesalter Koordinaten der sozialen Orientierung bilden und dass diese Unterscheidung sowohl die Wurzel späterer sozialer Konflikte als auch positiver kollektiver Handlungsformen darstellen kann, wird schnell klar, wie zentral Mischs Forschung ist. Die Themen liegen oft buchstäblich auf der Straße. So ließen sich beispielsweise Fridays for Future-Demonstrationen hinsichtlich des Gruppengefühls untersuchen, sagt Misch. Sogar Fußballfans wären als Gruppe interessant. „Da hätten wir sogar wieder Schals als minimales, definierendes Element“, sagt sie und lacht.

Antonia Misch ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie II (Professor Markus Paulus), wo sie ihre Habilitation vorbereitet. Derzeit arbeitet die Psychologin als Junior Researcher in Residence am Center for Advanced Studies (CAS) der LMU. Am 12. und 13. Dezember leitete Misch dort den Workshop „From Ingroup Bias to Collective Action“.