News

Die Systemfrage

02.01.2015

Mehr als 800 Millionen Menschen hungern – jetzt, in diesem Moment. Mit dieser und jeder folgenden Stunde, die vergeht, sterben hunderte Kinder unter fünf Jahren, vor allem in Afrika und Südostasien. Sie sterben an Hunger oder an Krankheiten, die vermeidbar wären. Mit solchen Zahlen dokumentieren die Organisationen der Vereinten Nationen (UN) Not und Armut in der Welt und das steile Gefälle zwischen Nord und Süd. „Der Hunger ist ein paradigmatisches Beispiel dafür, wie notwendig es ist, Solidarität und Gerechtigkeit in einem globalen Maßstab neu zu denken“, sagt Markus Vogt, Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Sozialethik an der LMU. „Wir hätten eigentlich genug Lebensmittel – in der Europäischen Union 30 Prozent Überschuss. Paradoxerweise ist das nicht die Lösung, sondern die Ursache des Problems, weil wir damit die Märkte in den Ländern des globalen Südens und die Anreize zur Eigenproduktion zerstören und so die Menschen abhängig machen. In einigen Ländern Afrikas liegen mehr als 70 Prozent der Anbauflächen brach.“

Markus Vogt erforscht die Folgen der Globalisierung, des technischen Wandels und der Klimaveränderung, analysiert Ressourcenkonflikte und die ungleiche Verteilung von Reichtum und Elend auf der Welt. Die Aufgabe seines Fachs sieht er darin, die Probleme nicht nur zu analysieren, sondern auch Entscheidungshilfen dafür zu geben, wie sie zu lösen wären. Darum beschäftigt sich Vogt, der auch die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Sozialethiker und Sozialethikerinnen leitet, unter anderem mit der Frage, was die Begriffe Gerechtigkeit und Solidarität leisten können und inwiefern sie auf heutige Konfliktlagen anwendbar sind. Vogt spricht von der „moralischen Grammatik“ der Begriffe. „Mit einem Solidaritätskonzept, das Menschen als Objekte des Versorgtwerdens denkt, mache ich die Not nur noch schlimmer.“ Stattdessen ginge es darum, Menschen zu ermöglichen, ihre Nahrung selbst herzustellen und ihre kulturelle Identität zu wahren. „Man darf nicht bei punktueller Solidarität stehen bleiben, die paternalistisch ist, sondern muss sie auf die strukturelle Ebene bringen und an den ungerechten Ursachen von Not etwas ändern.“

Auf der Flucht vor dem Klimawandel Die „gegenwärtigen Gerechtigkeitslücken“ zeigen sich für den Sozialethiker besonders in der Klimafrage. „Der Klimawandel ist eine massive Beeinträchtigung der Lebenschancen von Menschen im globalen Süden sowie von künftigen Generationen und ebenso der Natur, wenn man den Gerechtigkeitsbegriff auch darauf anwenden will“, sagt Vogt. Wie sehr die Natur bereits strapaziert ist und welche Folgen das für den Menschen hat, zeigt der Millenniumsbericht des UN-Umweltprogramms. Ein Viertel des fruchtbaren Bodens auf der Welt und mehr als ein Drittel der Regenwälder sind bereits zerstört. Klaus Töpfer, der ehemalige Direktor des Umweltprogramms, spricht angesichts der immensen Umweltschäden von der „ökologischen Aggression“ des Westens. Zwischen 150 Millionen und einer Milliarde Menschen werden je nach Schätzung in den kommenden Jahrzehnten auf der Flucht sein, weil der Klimawandel die Lebensbedingungen in ihrer Heimat zerstört hat, schreibt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Dazu kommen die Folgen von Verstädterung und ökologischem Kahlschlag. „Die Umweltzerstörung ist heute eine der primären Ursachen von Elend“, sagt Vogt und erklärt, wie sehr Armut und Raubbau einander bedingen. „Die Bekämpfung von Armut ist die wichtigste Voraussetzung für den Schutz des Klimas, der in den Ländern des globalen Südens nur akzeptiert wird, wenn er unter subjektiv als gerecht wahrgenommenen Bedingungen geschieht.“

„Wir nutzen die Atmosphäre als kostenlose Müllhalde“ Dabei lähme die Unterschiedlichkeit der Vorstellungen von Gerechtigkeit derzeit internationale Bemühungen, die Probleme in Angriff zu nehmen. „Der Gerechtigkeitsbegriff ist unverzichtbar. Er impliziert heute die Konsequenz, dass wir eine neue Weltordnungspolitik brauchen, um mit Konflikten angemessen umzugehen. Aber er ist so anspruchsvoll, dass wir uns selbst blockieren. Die Staaten interpretieren ihn durchaus unterschiedlich, oft setzen sie ihn mit Egalitarismus gleich.“

Das zeigt sich bei den Klimaverhandlungen. Die Staatengemeinschaft sucht dort nach einem gerechten Ausgleich, doch sei das „eine sehr unvollständige Rechnung“. Einige Länder haben einen wesentlich niedrigeren Ausstoß an Kohlendioxid (CO2), weil sie industriell weniger entwickelt sind. China dagegen steigert den Ausstoß, produziert jedoch Güter für den Export. „Wir verbessern unsere CO2-Bilanz primär dadurch, dass wir die CO2-intensive Produktion auslagern“, sagt Vogt. Müssten wir sie dann nicht auch uns zurechnen? Mit welchem Recht fordern Länder, die in den vergangenen 150 Jahren die Atmosphäre mit CO2 belastet haben, nun von anderen Staaten, ihre Emissionen zu reduzieren? Positive Faktoren wie Waldflächen oder Bodenbewirtschaftung würden unzureichend eingerechnet. Und was die Folgekosten angeht: „Wir nutzen die Atmosphäre als kostenlose Müllhalde und versuchen jetzt, diese Kosten zu internalisieren, um mit Klimavorsorge noch höhere Folgekosten zu vermeiden. Ich bezweifle aber, wie genau sich das berechnen lässt. Bei uns sind die Kosten sehr hoch, weil hier versicherbare Werte stehen. Aber im globalen Süden geht es schlicht um Menschenleben. Diese Menschen sind nicht zahlungsfähig, in Bezug auf ihren ökonomischen Wert werden sie niedrig taxiert. Aber wie kann man den Wert eines Menschen berechnen?“ Für Markus Vogt ist die Schlussfolgerung klar: „Wir werden die Klimafrage niemals lösen, indem wir versuchen, die knappen Ressourcen nur anders zu verteilen. Wir brauchen eine andere Art des Umgangs mit den Ressourcen. Unser Wohlstandsniveau wird weltweit nachgeahmt, wenn wir uns nicht ändern, werden die Menschen in anderen Ländern Einschränkungen niemals akzeptieren.“ Nicola Holzapfel

Der vollständige Text Die Systemfrage ist Teil des Schwerpunktes „Das Gebot der Gerechtigkeit“ in der neuen Ausgabe der Einsichten. Sie können das LMU-Forschungsmagazin kostenlos abonnieren.