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„Es ist eine Erschütterung zu spüren“

14.01.2021

Seit einem Jahr ist die Kunst im Krisenmodus. LMU-Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci beschreibt, wie Kunsteinrichtungen und Kunstschaffende in der Corona-Krise bestehen.

Licht- und Videoinstallationen von Künstlerin Betty Mü vor der Pinakothek der Moderne

Lichtinstallation vor der Pinakothek der Moderne

Wenn man schon nicht in die Museen gehen kann, muss man die Kunst nach draußen holen. | © LMU

Seit fast einem Jahr sind die Institutionen der Kunst im Krisenmodus. Hat die Corona-Krise alle Einrichtungen gleichermaßen hart getroffen?

Burcu Dogramaci: Grundsätzlich ja, viele Einrichtungen müssen nun bereits seit Wochen schließen, nicht nur die großen Museen, sondern auch die Galerien. Lediglich der Online-Auktionsmarkt scheint krisenresistent und prosperiert, es wird nach wie vor gekauft, teilweise zu sehr hohen Preisen.

Steuert die Kunstszene in die Depression?
Burcu Dogramaci: Besonders leiden müssen und mussten die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Kunstvermittler vieler Einrichtungen, auch privat geförderte Einrichtungen und Sammlungen – etwa in den USA – ringen mit starken Einbußen. Insgesamt ist die Stimmung wie gelähmt, alle warten ab. Ob sich daraus eine nachhaltige Depression entwickelt, werden die nächsten Monate zeigen. In jedem Fall ist vor allem bei den großen Museen eine Erschütterung zu spüren. Dies erhöht den Druck, sich mit der eigenen Institution zu befassen, kann also auch zu neuen Perspektiven führen. Museen müssen jetzt noch stärker darüber nachdenken, welche Funktion sie im 21. Jahrhundert in einem stark durchdigitalisierten Zeitalter haben können. Die Corona-Krise stellt vieles in Frage.

Große Museen werden oft als schwerfällige Tanker beschrieben. Ausstellungen haben extrem lange Vorlaufzeiten. Werden wir die Auswirkungen von Corona gerade dort noch länger spüren?
Burcu Dogramaci: Vieles wird derzeit verschoben, das führt sicher zu Problemen bei Leihgaben. Doch große Museen haben mit Blick auf ihr Publikum noch andere Probleme. Hier ist die Frage, ob alle Besucher und vor allem ältere Menschen nach der COVID-19-Krise zurückkommen werden. Oder meiden sie erstmal solche Orte? Auch bei Schulklassen wissen wir nicht, ob sie schnell wiederkommen werden.

Wie nie zuvor zog sich die Kunst seit Ausbruch der Pandemie in die Räume des Internets zurück. Gibt es neue Formen des Austauschs mit dem Publikum?
Burcu Dogramaci: Rückzug ist ja ein interessanter Begriff in diesem Zusammenhang. Letztlich lassen sich durch das Internet mehr Menschen erreichen. Wir erleben digitale Angebote aber als Rückzug, weil wir Museen als physisch erlebbare Orte kennen, die sich seit langer Zeit bewährt haben. Durch die Krise ist sichtbar geworden, wie wenig Museen auf diese Veränderungen vorbereitet waren. Die Digitalisierung war nicht auf dem Level, auf dem sie hätte sein können. Dabei geht es nicht nur um die Digitalisierung von Sammlungsbeständen, wie sie einige Museen derzeit vornehmen. Es geht um die Frage, wie sich über Digitalisierung Kunst vermitteln lässt und das Publikum anders erreicht werden kann. An Museen fehlt es bislang an Personal, das über neue Konzepte nachdenken kann, hier ähnelt die Situation der an Schulen, wo man auch nur wenig auf eLearning vorbereitet war. Covid-19 ist in vielen Bereichen wie ein Brennglas, das strukturelle Defizite sichtbarer macht.

Ist damit die Krise auch eine Chance?
Burcu Dogramaci: Das Problem bestand schon vor der Krise. In Museen entscheiden einige wenige, sehr gut ausgebildete Personen darüber, was zu sehen ist, welche Ausstellungen gezeigt werden. Die Situation ist anders als etwa im Theater, wo es eine direkte Resonanz des Publikums gibt. Im Museum ist der Dialog mit den Besuchenden noch zu sehr in die Kunstvermittlung und Museumspädagogik verlagert. Der Kontakt zu Besuchern inklusive der Frage, was das Publikum eigentlich im Museum sehen will und wie dort die Gesellschaft repräsentiert ist, war bislang nicht so stark auf dem Schirm vieler größerer Museen. Auch die Gesellschaft wird zunehmend diverser, das bildet sich oft noch nicht in Ausstellungen und Themen ab, die in Museen verhandelt werden.

Brauchen die Museen künftig andere Expertisen?
Burcu Dogramaci: Ja, es bewegt sich auch schon etwas. Da gibt es etwa das neue Programm „Dive in“ von der Kulturstiftung des Bundes, hier geht es um die digitale Interaktion, um die Entwicklung neuer digitaler Tools. Das Lenbachhaus München etwa hat jüngst eine – allerdings befristete – Stelle für einen „Community Manager“ für die digitale Kunstvermittlung ausgeschrieben, die Person soll einen Open Space kreieren, in dem Publikum und Museum direkt zusammentreffen. Diesen digitalen Raum sollen beide zusammen gestalten. In der Ausschreibung heißt es, dass neue Stimmen der Erzählung hörbar gemacht werden sollen. Das ist ein mutiger Schritt, hier denkt eine Institution über sich selbst nach.

Und diese Ideen gehen über die doch eher braven Ansätze zu Beginn der Pandemie hinaus, einfach nur die sonst ausfallende Vernissage online zu streamen.
Burcu Dogramaci: Ja, aber ich möchte das Thema jetzt nicht schönreden. Das Grundproblem ist, dass die Museen und Institutionen das originale Objekt bewahren und zeigen sollen. Diese Teilhabe findet vor Ort statt, wir wollen einem Objekt auch physisch sehr nahekommen. Diese Herausforderung wird sich nicht so einfach durch Digitalisierung lösen lassen. Aber wir können zusätzliche Formen des Erlebens anbieten. Digitale Vernissagen sind sicher keine Lösung: Eröffnungen leben vom Austausch und Gespräch, virtuell werden wir zu passiven Zuschauern.

Welche neuen Formate haben Museen entwickelt? In ihrem Aufsatz auf der CAS-Webseite schreiben Sie vom Do-it-yourself-Aufruf des J. Paul Getty-Museums.
Burcu Dogramaci: Das fand ich ganz großartig. Das ist in einer Situation entwickelt worden, in der viele Menschen im Lockdown zuhause waren. Die Menschen sollten Werke des Museums selbst mit alltäglichen Objekten nachstellen. Die Bilder davon wurden hochgeladen, andere Menschen konnten das kommentieren und bewerten. Das war sehr unterhaltsam. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen beflügelt von dieser Möglichkeit waren, sie haben das als Raum des Austauschs in unsicheren und tristen Zeiten wahrgenommen.

Das geht Ihrer Meinung nach also stark über das passive Zugucken wie bei digitalen Live-Events sonst hinaus, etwa bei Diskussionsrunden oder digitalen Festivals?
Burcu Dogramaci: Ja, dieses Modell der Teilhabe ist zukunftsweisend. Es kann sogar zu einer Art von Krisenbewältigung beitragen und gerade in der aktuellen Situation eine mentale Unterstützung sein, zu erleben, dass Kunst in Krisenzeiten wichtig ist und helfen kann, weil wir in Austausch kommen.

Wollen wir den Blick auf die Künstler selbst richten. Künstler brauchen Öffentlichkeit. Was hat Corona verändert?
Burcu Dogramaci: Für viele Künstler ist die Situation sehr schwierig. Es ist nicht leicht für sie, sichtbar zu bleiben. Das hat auch etwas mit den verhärteten Strukturen des Kunstmarkts zu tun, die über bestimmte, festgelegte Institutionen verläuft. Kunstschaffende haben sich sehr daran gewöhnt, dass es Galerien gibt, die sie vertreten. Sich selbst zu organisieren, ihre Kunst unmittelbar sichtbar zu machen und über das Netz zu kommunizieren, ist für viele eine Herausforderung. Zudem müssen Künstler in der digitalen Welt mit vielen anderen Angeboten konkurrieren, um sichtbar zu bleiben.

Es wirkt, als seien viele Künstler in eine Art inneres Exil gegangen. Warum finden sich so wenige Künstler im öffentlichen Raum?
Burcu Dogramaci: Es stimmt, in Theatern wurde tatsächlich viel schneller auf die neue Situation reagiert. Die bildende Kunst jenseits der Performance Art hat es da auch schwerer. Was sollen sie zeigen? Ihren Schaffensprozess, einen Blick in ihr Atelier oder ihre Objekte? Die Frage ist, was sich wie vermitteln lässt, das ist eine größere Herausforderung. Es gibt zwar erste Ansätze, aber noch reagiert die Kunstszene bedächtig.

Wollen wir einen Blick in die Zukunft werfen. Wie ist Ihre Prognose für die institutionalisierte Kunst?
Burcu Dogramaci: Viele große Einrichtungen hoffen, bald wieder zu ihrem alten Ansatz zurückkehren und ihre Ausstellungen zeigen zu können. Aber meine Prognose wäre, dass künftig digitale Maßnahmen hinzukommen. Es gibt etwa auch in der internationalen Vernetzung und Zusammenarbeit neue Möglichkeiten. In alternativen, digitalen Museen mit virtuellen Räumen ließe sich auch ganz anders global kooperieren. Auch der Kontakt zum Publikum wäre direkter, etwa mit digitalen Sprechstunden und der Möglichkeit, ein Lieblingsobjekt zu wählen, ausgewählte Kunstwerke zu kommentieren oder Ausstellungsthemen vorzuschlagen. So kämen auch die Bedürfnisse der Besucher wieder mehr zum Tragen.

Interview: Hubert Filser

Prof. Dr. Burcu Dogramaci ist am LMU-Institut für Kunstgeschichte Professorin mit Schwerpunkt Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, sie forscht und lehrt insbesondere zu Themen wie Exil und Migration. In ihrem Beitrag „Was uns Corona lehrt“ auf dem CAS Blog schreibt Dogramaci in der Rubrik „Reset. Corona and its Aftermath“ ausführlich über Kunst und Kunstgeschichte im Krisenmodus. Die Rubrik fragt aus der Sicht unterschiedlicher Disziplinen nach den Nachwirkungen der Pandemie. Bedeutet sie einen Umkehrpunkt in Wissenschaft und Gesellschaft? Was wird nach der Krise anders sein?"