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Unterhaltung mit: Erik Schilling über Authentizität

07.12.2020

Echt und ehrlich, so hätten wir die Welt und die Menschen gern. Doch machen wir uns nicht etwas vor, wenn wir an das Unverstellte und Widerspruchsfreie glauben?

Erik Schilling

© LMU

„Echt ist das neue Schön“: Vielleicht geht es hier nur um Naturkosmetik oder einen neuen Achtsamkeits-Flow, solche Claims aber treffen offenbar einen Nerv, einen Zeitgeist, so flächendeckend, wie sie auftauchen. Wo überall ist denn alles schön, was echt ist, alles gut, was authentisch ist?

Schilling: Authentizität ist die zentrale Sehnsucht unserer Gegenwart. Authentisch zu sein gilt fast überall als erstrebenswerte Verhaltensweise. Und Politik, Gesellschaft, Kunst und das Marketing sowieso – alle reagieren auf diesen Boom. Denn egal ob Partnerschaft, Parteilinie oder Popkultur – Schein und Sein sollen möglichst eins sein, jeder soll sein wahres Selbst präsentieren und uns nicht etwas vorgaukeln. Das betrifft auch materielle Dinge, wir konsumieren gerne authentisch, wir wollen nicht den Abklatsch, sondern das Original.

Woher kommt dieses Bedürfnis?

Schilling: Kurz gesagt: Ich sehe es als eine Gegenreaktion auf Digitalisierung und Globalisierung. Wir leben in einer Welt, in der so vieles virtuell und wenig greifbar ist, in der selbst der Nahraum in der großen Unübersichtlichkeit zu verschwinden droht. In einer solchen Welt verspricht Authentizität ein Gegenmodell. Sie richtet den Fokus auf etwas, was scheinbar wirklich da ist. Im Prinzip ist Authentizität eine metaphysische Sehnsucht: die Essenz der Dinge so zu spären, wie es sie angeblich tatsächlich gibt.

Scheinbar? Gibt es Authentizität überhaupt?

Schilling: Authentizität ist ein Phänomen der Zuschreibung: Man macht sich ein bestimmtes Bild von einer Person oder Sache. Und wenn sich dieses Bild dann mit einer Eigenschaft oder Handlung deckt, die man beobachtet, dann hält man sie für authentisch. Das sagt etwas aus über Erwartungen und Perspektiven der Menschen, die nach Authentizität suchen, jedoch kaum etwas über die Menschen oder Objekte, die das Etikett „authentisch“ bekommen. Um etwas anderes anzunehmen, müsste man schon ein sehr essentialistisches Weltbild haben, glauben, dass es ein wirkliches Wesen gibt, dass man erkennen könne, wenn man nur genau genug hinschaut.

Tag für Tag entstehen Abermillionen von Selfies und kommen ins Netz. Was zeigt sich darin: das vorgeblich wahre Ich oder doch eher der Hang zur Selbstinszenierung, der Wunsch, das eigene Leben zu kuratieren?

Schilling: Das Selfie bedient die Sehnsucht nach Authentizität da, wo es behauptet, einen Moment unverstellt abzubilden. Man kann die Kamera nicht richtig halten, guckt schief da rein, ist vielleicht auch unvorteilhaft getroffen. Es wird also kein künstlich geschöntes, aufgehübschtes Bild, sondern nur eines, das angeblich wirklich so ist, wie es ist. Gleichzeitig ist das Selfie inzwischen zu einer Art Kunstform geworden, von der kein Mensch, der ein paar Sekunden darüber nachdenkt, noch glaubt, dass es tatsächlich authentisch ist. Wenn ich vor der Mona Lisa im Louvre stehe und mit 100 anderen Menschen darum kämpfe, den Winkel meines Handys so hinzubekommen, dass nur ich und die Mona Lisa und sonst nichts auf dem Bild sind, dann weiß jeder, der einmal im Louvre war, dass es nur die Illusion authentischer Zweisamkeit mit der Mona Lisa ist. Trotzdem funktioniert es, für viele transportiert das Selfie Nähe und Unmittelbarkeit.

Unmittelbarkeit – das suchen viele auch in der Literatur. Radikal authentisch, so gibt sich der Norweger Karl Ove Knausgard in seiner Innenschau in sechs Bänden. Auf ein paar tausend Seiten hat er seinen „Kampf“ als Mann, Familienvater und Autor aufgeschrieben. Was macht das zum Bestseller?

Schilling: All das, was Knausgard schreibt, wirkt vordergründig greifbar und überschaubar. Kein vielschichtiger Roman, ein extrem überschaubares Setting, ein alltägliches Leben und Scheitern. Und viele suchen genau das, dass dieses Ich möglichst unverstellt, aufrichtig und ehrlich vor ihnen stehen soll.

… und dass es sich entblößt?

Schilling: Zugespitzt formuliert bedient Knausgard ein voyeuristisches Interesse. Man kann es mit dem Reiz vergleichen, auf RTL das Dschungelcamp zu schauen.

Erfolgreich waren in den vergangenen Jahren ja überhaupt erstaunlich viele Bücher, die mit dem Autobiografischen arbeiten.

Schilling: Ja, nehmen wir Das Ende von Eddy, in dem Edouard Louis das Coming Out eines jungen Schwulen in der französischen Provinz beschreibt. Die Zeit hat das in ihrer Besprechung als „unverstellten soziologischen Blick“ beschrieben. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Das Buch bedient das Bedürfnis nach dem unverstellten Blick hinter die Kulissen, danach, einmal erzählt zu bekommen, wie das Leben als junger Homosexueller in der homophoben Provinz wirklich ist. Doch mir gefällt Literatur eher, wenn sie mehr leistet, als nur die angebliche Essenz einer Person zu extrahieren.

Zum Beispiel?

Schilling: Ich denke da an Die Jahre von Annie Ernaux. Das ist ein Text, der ganz ähnlich funktioniert und ebenfalls von Befreiung und Bildungsaufstieg erzählt. Aber er entwirft dabei, obwohl sicher in hohem Maße autobiografisch, das Porträt einer Generation. Es ist eine Art Kollektivbiografie – in der im übrigen an keiner Stelle das Wort „ich“ vorkommt.

In den letzten Jahren macht sich ein neuer Rigorismus breit, der Schriftsteller, Schauspieler oder Musiker mit dem Vorwurf der sogenannten kulturellen Aneignung konfrontiert. Sind das Auswüchse einer Authentizitätssucht?

Schilling: Die Forderungen, die sich damit verbinden, sehe ich tatsächlich in Zusammenhang mit einer Sehnsucht nach Authentizität. Was sie deutlich machen, ist ja wieder die Vorstellung, es könnte für bestimmte Eigenschaften einer Person einen wahren Kern geben, der nur bestimmten Personen zugänglich ist. Die Schauspielerin Scarlett Johansson beispielsweise wurde massiv dafür angegriffen, dass sie die Rolle einer Transgender-Person übernehmen wollte. Erst vor Kurzem wurde die weiße US-Autorin Jeanine Cummins dafür verurteilt, dass sie die Flucht einer mexikanischen Familie vor den Drogenkartellen in die USA zu einem Thriller verarbeitet hatte. Indiskutabel, hieß es. Da mündet dann die Vorstellung von Authentizität in Normativität.

Über die Flucht in die Vereinigten Staaten dürfen danach nur Mexikaner schreiben, die dasselbe Schicksal trifft?

Schilling: So ungefähr. Man könnte ja erst einmal fragen, ob man eine Geschichte wie in American Dirt überhaupt schreiben darf, weil die Erlebnisse dieser Familie zu traumatisierend, zu schrecklich seien, als dass man das zum Stoff eines Thrillers machen sollte. So etwas ist für die Shoah vielfach diskutiert worden: Darf man Romane über den Holocaust schreiben, Spielfilme darüber drehen? Wenn man das bejaht, dann ist die zweite Frage, die ich persönlich interessanter finde: Darf jeder, der halbwegs vernünftig recherchiert hat, eine solche Geschichte schreiben oder nur jemand, der es selbst erlebt hat? Kann man als männlicher Autor aus der Perspektive einer Frau schreiben? Kann man über Migration schreiben, auch wenn man selbst immer an einem Ort gelebt hat? Nein? Da würde ich sehr entschieden dagegenhalten: Einzig die Tatsache, dass man etwas erlebt hat, prädestiniert einen nicht automatisch dafür, auch darüber zu schreiben. Denn wenn Sie die Forderung nach eigenem Erleben zu Ende denken, dann dürfte es beispielsweise Journalismus oder Wissenschaft nicht geben.

Warum?

Schilling: Sie basieren ja darauf, dass man über etwas schreibt, etwas von außen beobachtet, was man nicht selbst erlebt hat. Ich behaupte aber, dass gerade das Beobachten von außen zu interessanteren und valideren Ergebnissen führen kann, weil es sich bestimmter Möglichkeiten bedient, die jemandem, der selbst davon betroffen ist, nicht unbedingt zu Gebote stehen, zum Beispiel eine besonders geschulte Beobachtungsgabe, eine besonders ausgefeilte Methodik oder eben eine gewisse Distanz zum Sachverhalt, die oft nötig sind, um sinnvoll Stellung zu beziehen.

Kleiner Schwenk zurück zum Stichwort Aufrichtigkeit: Auch Politiker werben mit ihrer Authentizität um Wählerstimmen. Was ist da das Identifikationsangebot?

Schilling: Es gibt offenbar ein großes Bedürfnis, etwa Angela Merkel nicht nur als Bundeskanzlerin zu sehen, sondern auch als Ehefrau, als Köchin von Kartoffelsuppe, als Opernbesucherin in Bayreuth, kurz: die nicht-professionelle, private Angela Merkel zu finden. Doch die sollte nicht relevant sein, solange die öffentliche Angela Merkel integre und sinnvolle Politik macht. Trotzdem, die Suche nach dem Authentischen drängt noch weiter: Angela Merkel nicht nur privat zu erleben, sondern sie auch nach ihrem privaten Verhalten zu beurteilen.

Warum diese unbedingte Trennung der Rollen? Was ist falsch an dem Bedürfnis, immer man selbst zu sein?

Schilling: Privat mögen Aufrichtigkeit und konsistentes Verhalten sinnvolle Ziele sein. Aber überall Authentizität zu suchen, geht zu weit. Für die meisten Interaktionen im Alltag wünsche ich mir eine professionelle Basis, keine authentische. Ich muss nichts über die politischen Ansichten der Chirurgin wissen, die mir eine neue Hüfte einsetzen soll. Private und gesellschaftliche Rolle müssen eben nicht immer in eins fallen. Ich kann durchaus im Reinen mit mir sein, wenn ich mich meinen Fußballfreunden gegenüber anders verhalte als meiner Chefin. Man sollte die plurale Welt gelten lassen und Widersprüchlichkeiten aushalten – auch die eigenen.

Interview: Martin Thurau

Dr. Erik Schilling ist Privatdozent für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der LMU. Vor Kurzem hat ihm die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Heinz Maier-Leibnitz-Preis verliehen, ihre renommierte Auszeichnung für Nachwuchswissenschaftler. Im September erscheint Erik Schillings Essay Authentizität. Karriere einer Sehnsucht im Verlag C.H.Beck.