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Wie können wir die Erinnerung an den Holocaust wachhalten?

07.12.2020

Erinnerungskultur - eine Zukunftsfrage: Statements von Michael Brenner, Kim Wünschmann und Mirjam Zadoff

Drahtzaun des Konzentrationslagers in Auschwitz - Birkenau

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Symbol der NS-Vernichtungsmaschinerie | © Beata Zawrzel/NurPhoto via Getty Images

Kim Wünschmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der LMU und Koordinatorin LMU/Zentrum für Holocaust-Studien (am IfZ): „Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind in der Erinnerungskultur und in der Bildungsarbeit nicht ersetzbar. Noch gibt es diesen besonderen Moment, mit den Überlebenden zu sprechen, aber irgendwann wird das leider nicht mehr der Fall sein. Wie lassen sich dennoch diese authentischen Stimmen weiterhin hörbar machen und die Wirkungskraft der Zeugnisse auch in vermittelter Form erhalten? Wir haben umfangreiche Sammlungen, Aufzeichnungen, Filme und können heute auch digitale Techniken nutzen, etwa mit interaktiven 3D-Zeugnissen von Überlebenden arbeiten. In meiner eigenen Arbeit – aktuell schreibe ich an einer Graphic History für eine junge Leserschaft – ist zudem besonders wichtig, mit den Kindern und Enkelkindern der Überlebenden darüber zu sprechen, wie sich der Holocaust in den Familien ausgewirkt hat, wie Erinnerung tradiert wird. Durch dieses intergenerationelle Erinnern ergeben sich auch Anknüpfungspunkte zu Familienbiografien auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft.“

Michael Brenner, Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU: „Ob die Erinnerung an den Holocaust eine neue Dringlichkeit erfahren hat? Es hat diese Dringlichkeit immer gegeben, sie hat nicht abgenommen. Lange hat man antisemitische verbale Entgleisungen, ja auch antisemitische Gewaltakte als Relikte der, wie es immer so hieß, ewig Gestrigen abgetan. Rassismus und Antisemitismus sind aber keineswegs verschwunden. Sie haben mit dem Anwachsen eines politischen Rechtsextremismus eine neue Qualität bekommen. Wenn ein AfD-Fraktionsvorsitzender überdeutlich macht, welch geringe Bedeutung er dem Holocaust für die deutsche Geschichte beimisst, werden diese Gedanken gesellschaftlich salonfähiger; sie haben Einzug gefunden in die Parlamente. Denken Sie etwa daran, dass ein Teil der AfD-Fraktion den Saal verließ, während Charlotte Knobloch, Präsidentin der hiesigen Israelitischen Kultusgemeinde, Anfang vergangenen Jahres ihre Rede im Bayerischen Landtag hielt. Solche Tendenzen machen mir Sorgen.“

Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, München: „Wie wird die Erinnerungskultur in zehn oder 20 Jahren aussehen? Wer sind die kulturellen, die sozialen, die politischen Akteure, die das Thema weitertragen – in einer Migrationsgesellschaft wie Deutschland? Wir wollen, dass sich auch diejenigen angesprochen fühlen, die nicht direkt betroffen sind, weil ihre Vorfahren nicht in Deutschland gelebt haben. Wir wollen auch die jungen Leute dafür interessieren, deren Großeltern oder Urgroßeltern sehr wohl hier gelebt haben, für die aber diese biografische Verbindung abbricht und die meinen, all das habe nichts mehr mit ihnen zu tun. Wie schaffen wir da einen gesellschaftlichen Konsens? Wie bringen wir die unterschiedlichen Gruppen zusammen, darunter Menschen, die in ihren Heimatländern selbst Gewalt erlebt haben und die ihre eigene Geschichte mitbringen? Wenn wir als globale Gemeinschaft aus der deutschen Geschichte lernen wollen, müssen wir auch über andere Genozide und die Erinnerung daran sprechen. Dabei geht es nicht um Vergleiche, sondern um Kontexte.“

Lesen Sie im nächsten Heft von EINSICHTEN. Das Forschungsmagazin ein ausführliches Gespräch zur Erinnerungskultur.

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