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Buchmarkt: Darf KI Literatur verfassen?

29.09.2026

Künstliche Intelligenz verändert das Schreiben. Was bedeutet das für Autorinnen und Autoren von Büchern und ihre Lesenden? Ein Interview mit Literaturwissenschaftler Julian Schröter

Julian Schröter ist Professor für Digitale Literaturwissenschaften an der LMU. Im folgenden Interview spricht der LMU-Professor darüber, was KI im literarischen Bereich bereits kann und welche Folgen der Einsatz von Künstlicher Intelligenz für den Buchmarkt hat.

Können KIs bereits Romane schreiben?

Julian Schröter: Vom Stand Mai, Juni 2026 würde ich sagen, dass Sprachmodelle noch immer erstaunlich schlecht darin sind, Spannung zu erzeugen. Der Grund dürfte sein, dass KIs keine ausreichend komplexe Theory of Mind haben. Das bedeutet, antizipieren zu können, was mein Gegenüber gerade erwartet und denkt, aber auch, was es erwartet, dass ich erwarte, und so weiter. Das ist zunächst überraschend, weil Studien bereits 2023 gezeigt haben, dass Sprachmodelle einfache Täuschungsabsichten erkennen. Aber die komplexe Konstellation, die beim Spannungserzählen auftritt – dass etwas passiert, was man nicht erwartet, das aber im späteren Verlauf fast notwendig und plausibel erscheint –, schaffen sie noch nicht.

Interessant daran ist, dass Spannungserzählen ein populärästhetischer Aspekt von Literatur ist. Seitens der Literaturkritik wurde gedacht, es sei schematisch und einfach. Und das ist mitnichten der Fall. Es zeigt sich jetzt, dass es ausgesprochen komplex ist, spannend zu erzählen.

Wie lässt sich mit KI beim Erstellen literarischer Werke arbeiten?

Eine Frau mit Brille sitzt vor einem Bücherregal

Die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk

sah sich Vorwürfen ausgesetzt, nachdem sie eingeräumt hatte, mit KI zu arbeiten. (Hier bei einer Lesung in Bad Ischl) | © IMGAO / Rudolf Gigler

Könnte es also einfacher sein, mit KI Hochliteratur zu erstellen?

Julian Schröter: Ja und nein. Mit KI lässt sich hier auf jeden Fall arbeiten. Es ist vielleicht nicht nur möglich, Lyrik zu produzieren, sondern auch Erzähltexte. Aber das Feld der Hochliteratur ist ja nicht kontextfrei. Es ist ein komplexes soziales Gefüge aus Zuschreibungen und Bedingungen dafür, dass etwas als hochliterarisch gilt. Im Moment gehört zum Verständnis der Hochliteratur der Mensch als Autor.

Die polnische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk wurde stark kritisiert, als sie zugab, mit KI zu arbeiten. Warum?

Julian Schröter: Olga Tokarczuk hatte im Mai 2026 eingeräumt, dass sie den Chatbot fragt: „Liebling, wie könnten wir den Plot besser entwickeln?“ Daraufhin gab es einen Feuilleton-getriebenen Eklat, dass das nicht akzeptabel sei. Tokarczuk hat ihre Aussage dann revidiert und meinte, sie verwende KI nur zu Recherchezwecken. Sie schätzt wohl den Buchmarkt so ein, dass der kreative Prozess des geistig Eigenständigen und der sprachlichen Verfertigung im Moment noch etwas Menschliches sein soll.

Könnte KI denn kreativ sein?

Julian Schröter: Bei dieser Frage heißt es meist entweder, ein Sprachmodell, das Texte generiert, sei – per se – kreativ, weil es Wort- und Satzfolgen hervorbringt, die es in dieser Kombination noch nicht gab. Oder es wird behauptet, Kreativität bedürfe der Originalität und eines menschlichen Geists.

Der entscheidende Punkt ist für mich weniger, ob KI irgendwann kreativ sein wird, sondern die Art und Weise, wie KI unsere Auffassungen von Kreativität und Originalität herausfordert und sozusagen ständig „verschiebt“.

Welche urheberrechtliche Fragen wirft der Einsatz von KI in der Literatur auf?

KI fällt es offenbar sehr leicht, Fortsetzungen zu schreiben. Zum Beispiel klagt gerade der Verlag Penguin Random House gegen OpenAI, weil deren KI mit wenig Vorgaben eine neue Folge vom Kinderbuch „Drache Kokusnuss“ generiert hat. Was bedeutet das für den Buchmarkt?

Julian Schröter: Es ist kein Zufall, dass dieses Problem bei illustrierten Büchern besonders stark auftritt, weil Bild-KI noch mehr als Sprach-KI dazu tendiert, sehr nah an bestehenden Stilen und Mustern zu operieren. Im Fall dieses Kinderbuchs wird mit KI etwas neu generiert, das sich aber allem Anschein nach der schöpferischen Leistung eines Menschen verdankt. Ich glaube, dass letztlich regulatorische Lösungen dafür nötig sind, wie wir als Gesellschaft schöpferische Leistungen weiterhin schützen können.

Diese und ähnliche Klagen machen deutlich, dass die Auffassung, KI produziere ja lediglich Rekombinationen von Vorhandenem und könne daher prinzipiell nicht plagiieren, unbefriedigend ist. Es ist eher so, dass Sprach- und Bildmodelle dazu neigen, bestehende schöpferische Leistungen in nur marginal maskierter und veränderter Form zu reproduzieren und mit dem Anschein auszustatten, als handle es sich um etwas „Neues“. So gesehen dient KI als Maschine zur Umgehung von Urheber- und bestehenden Nutzungsrechten. Entscheidend wird eine konsequente Umsetzung transnationaler Regelungen sein. Der European AI Act adressiert das Problem immerhin.

Schreibt KI anders als ein Mensch?

Prof. Dr. Julian Schröter

Professor Julian Schröter

© LMU / Manu Theobald

Was bedeutet es für die Lesenden, wenn Bücher von KI geschrieben werden? Macht es einen Unterschied?

Julian Schröter: Es gibt zwei Grundauffassungen darüber, wie Kunst und Literatur funktionieren. Eine sagt, dass Literatur eher ein Unterhaltungswerkzeug ist, von dem man sich ästhetisch Vergnügen bereiten lassen kann mit einigem kognitiven und emotionalen Aufwand, den man selbst mit einbringt. Wer dieser Auffassung anhängt, wird offen sein für die Möglichkeit, von einer KI generierte Bücher zu lesen.

Die andere Auffassung besagt, dass Literatur eine Kommunikation ist zwischen dem Autor, der Autorin und ihren Lesern. Diese ist im 20. Jahrhundert in Verruf geraten, weil sie den Autor oder die Autorin in eine gottähnlich transzendente Position gerückt hat, der wir als Lesende folgen müssen. Aber dieser Gedanke steht dahinter, wenn man heute sagt: Es geht mir beim Lesen darum, die Obsession eines Autors, einer Autorin zu spüren. Das ist es, was das ästhetische Erlebnis ausmacht, und daran will ich teilhaben. Die Unterstellung und Erwartung, dass im Bereich der Kunst ein Mensch zu Menschen „sprechen“ sollte, scheint mir in Zeiten von Künstlicher Intelligenz eine Konjunktur zu erleben, die man noch vor fünf Jahren nicht erwartet hätte.

Ich gehe davon aus, dass auch KI-generierte Literatur so funktionieren und lesbar werden kann, als wäre sie der individuelle Ausdruck eines oder einer von einem Problem getriebenen Autors oder Autorin mit ganz individuellen persönlichen Eindrücken. Gerade weil es so mühsam oder sogar unmöglich sein wird, selbst zu prüfen, ob eine Künstliche Intelligenz zu mir als Leser spricht, erwarte ich, dass in der Hochliteratur die Vermarktung durch Qualitätssiegel wie „garantiert KI-frei“ an Bedeutung gewinnen.

Es gibt Stimmen, die davor warnen, dass KI-generierte Texte mittelfristig zu einer Vereinheitlichung des Denkens führen könnten. Wie sehen Sie das?

Julia Schröter: Dem würde ich sogar zustimmen. Die Gefahr ist groß. Wenn wir vom gegenwärtigen Zustand ausgehen und zum Beispiel mit KI generierte Haus- und Abschlussarbeiten ansehen, reproduzieren sie Sprache so, wie sie im Durchschnitt und normalerweise genutzt wird und im Trainingsprozess der KI als akzeptabel beigebacht wurde. Mit der KI zu arbeiten, heißt auf jeden Fall, sich Standardlösungen geben zu lassen. KI bietet das Erwartbare und das regelmäßig aus anderen Quellen Extrahierbare und wird dadurch auch die Schlussfolgerungen ähnlich machen.

Was bedeutet der Einsatz von KI für Autorinnen und Autoren?

Was ändert sich also durch KI für den Buchmarkt?

Julian Schröter: Ich glaube, dass die Bereiche Drehbuch und Trivialliteratur unter enormen Druck geraten, was die Möglichkeit betrifft, Texte selbst schreiben zu wollen. Der Bereich des Self-Publishing hat sich bereits stark gewandelt. Es wird mehr um die Kontrolle von KI-generierten Texten gehen, wie es im Bereich Übersetzung schon heute der Fall ist.

Für Autorinnen und Autoren ist die Frage, ob sie überhaupt noch einen Platz haben in der Gesellschaft. Bekommen sie weiterhin Anerkennung dafür, sich auszudrücken, wird ihr Werk als Buch gedruckt und als Literatur anerkannt?

Die Frage ist, ob in Zeiten von KI und Sozialen Medien nicht das Lesen an sich zu einem Randphänomen wird. Das halte ich angesichts stark schrumpfender Leserschichten nicht für unwahrscheinlich. Andererseits scheint mir aktuell die Abwehr von KI gerade durch junge Menschen zuzunehmen. Vielleicht führt es auch dazu, dass – wie aktuell beim Handwerk – das Interesse am für sich selbst Denken und Lesen wieder zunimmt. Das ist zumindest meine Hoffnung.

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