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Drei neue ERC Advanced Grants an der LMU

26.04.2022

Synchronisation in der Politik, Lautwandel und DNA-Imitate: Der Europäische Forschungsrat vergibt drei prestigeträchtige Advanced Grants an Wissenschaftler der LMU.

Die LMU-Professoren Klaus H. Goetz, Jonathan Harrington und Ivan Huc waren in der jüngsten Vergaberunde der ERC Grants erfolgreich. Sie erhalten jeweils einen Advanced Grant. Jonathan Harrington ist der erste Wissenschaftler der LMU, der bereits mit einem dritten ERC Advanced Grant ausgezeichnet wird. Ivan Huc erhält ihn zum zweiten Mal.

Die Auszeichnung ist mit einer Förderung in Höhe von jeweils maximal 2,5 Millionen Euro (in Ausnahmefällen 3,5 Millionen Euro) verbunden. Die ERC Advanced Grants richten sich an etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Fachbereiche, deren hochinnovative Forschung erheblich über den bisherigen Forschungsstand hinausgeht und neue Forschungsgebiete erschließt.

Die neu geförderten Projekte im Überblick

Prof. Dr. Klaus H. Goetz.

© LMU

Professor Klaus H. Goetz ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Europäische Integration am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft der LMU.

Politische Entscheidungsträger in Europas Mehrebenensystem sehen sich mit vielfältigen Zeitskalen konfrontiert. Die unterschiedlichen Ebenen von Regierungen, Parlamenten und Verwaltungen folgen je eigenen Zeitregeln und -präferenzen und die unterliegen unterschiedlichen Zeitrestriktionen. Synchronisation ist darum eine entscheidende, wenn auch bislang wenig verstandene Politikdimension. Sie soll Zeitpunkte, Geschwindigkeiten, Frequenzen, Zeiträume und Zeithorizonte in der Politik so abstimmen, dass politisches Handeln in komplexen Strukturen möglich wird.

Dabei sehen sich die politisch Handelnden zum Teil widersprüchlichen Forderungen nach „schnellerem Agieren“, „mehr Zeit“ und längeren Zeithorizonten ausgesetzt. Hier setzt das neue ERC-Projekt von Klaus H. Goetz an. SYNCPOL – Synchronized Politics: Multiple Times and Political Power – stellt die Frage nach den Herausforderungen für Synchronisation innerhalb des europäischen politischen Mehrebenensystems. Wie werden politische Entscheidungen synchronisiert? Und was sind die Folgen von Synchronisation für die Verteilung der politischen Macht im europäischen Gefüge? Mit SYNCPOL will Goetz diese Fragen für die Ebenen der EU, der nationalstaatlichen und regionalen Regierungen, Parlamente und Behörden für Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Spanien untersuchen. Er fokussiert sich dabei auf die Felder der Migrations- und Asylpolitik und der Gesundheitspolitik.

Klaus H. Goetz hat in Tübingen, an der University of Massachusetts und an der London School of Economics (LSE) Italianistik und Politikwissenschaften studiert. Nach seiner Promotion am Nuffield College der Universität Oxford lehrte und forschte er am Nuffield College, an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und zwischen 1992 und 2006 als Lecturer, Senior Lecturer und Reader am Department of Government der LSE. Danach leitete er den Lehrstuhl „Politik und Regieren in Deutschland und Europa“ an der Universität Potsdam, bevor er 2013 nach München kam.

Prof. Jonathan Harrington

© LMU

Professor Jonathan Harrington ist Inhaber des Lehrstuhls für Phonetik und digitale Sprachverarbeitung und Direktor des Instituts für Phonetik und Sprachverarbeitung an der LMU. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die experimentelle Phonetik und Laborphonologie, die Entwicklung von Sprachdatenbanken und der Lautwandel. Er ist einer der wenigen Wissenschaftler weltweit, denen es gelungen ist, drei ERC Advanced Grants einzuwerben.

Zu William Shakespeares Zeiten wurden „knee" und „knot" mit einem /k/ ausgesprochen, genau wie heute im Deutschen. Aber warum hat das Englische das /k/ weggelassen und das Deutsche nicht? Diese Frage ist Teil des Rätsels der Lautveränderung, das als eine der größten Herausforderungen in der Linguistik gilt. Dabei geht es darum zu erklären, warum Lautveränderungen stattfinden und warum Sprachen so unterschiedliche Wege der Lautveränderung einschlagen können. Die Auslöser zu identifizieren ist auch deshalb schwierig, weil der Lautwandel so langsam erfolgt, dass er selbst mit modernen Instrumenten nicht nachweisbar ist. Genau hier setzt das Projekt „SoundAct“ (The actuation of sound change) von Jonathan Harrington an. Es will erklären, warum und wie sich Sprachen aufspalten und diversifizieren. Harrington will dabei ermitteln, wie die kognitiven Mechanismen, die die menschliche Sprachverarbeitung steuern, die sozialen Faktoren, die Individuen miteinander verbinden, und die phonetischen Eigenschaften, die den Dialekt einer Gemeinschaft prägen, in Kombination dazu führen können, dass Sprachlaute instabil werden und sich verändern.

Methodisch neu dabei ist, das schwer fassbare Rätsel der Auslöser von Lautveränderungen als empirisch nachvollziehbare Umwandlung eines Inputs (A) in einen Output (B) darzustellen. Dabei sind A und B zwei eng verwandte, geografisch nahe beieinander liegende, heutige Dialekte, untersucht werden dafür Dialektpaare aus indoeuropäischen, japanischen und Bantu-Sprachen. Die Lautmuster unterscheiden sich darin, ob eine oder mehrere gemeinsame Lautveränderungen stattgefunden haben. Experimente zur menschlichen Sprachimitation und computergestützte Modelle helfen dann dabei abzuschätzen, welche Kombination kognitiver, sozialer und phonetischer Faktoren A in B umwandelt. Das Projekt ist auch deshalb wegweisend, weil sich seine Ergebnisse hinsichtlich des Verständnisses komplexer Systeme auch in anderen Disziplinen wie Ökologie, Geowissenschaften oder Ökonomie anwenden lassen.

Jonathan Harrington, 1958 in England geboren, studierte am Downing College der University of Cambridge. Dort wurde er 1986 im Fachgebiet Linguistik promoviert. Nach Stationen an der University of Edinburgh und der Macquarie University in Sydney übernahm er im Jahr 2002 den Lehrstuhl für Phonetik und digitale Sprachverarbeitung an der Universität Kiel. Seit 2006 lehrt und forscht er an der LMU. 2011 und 2017 wurde Harrington bereits mit dem ERC Advanced Investigators Grant ausgezeichnet, an der LMU ist er damit Rekordhalter.

Prof. Ivan Huc

© Jan Greune / LMU

Professor Ivan Huc ist Inhaber des Lehrstuhls Chemical Biology for Drug Research am Department für Pharmazie der LMU. Sein Forschungsschwerpunkt ist es, aus einfachen Bausteinen künstliche Moleküle mit gefalteten Strukturen zu schaffen, sogenannte Foldamere, die natürliche Vorbilder nachahmen und deren Form und Funktion der Chemiker kontrollieren kann.

Viele essenzielle biologische Prozesse beruhen auf der Bindung von Proteinen an die DNA. Um an die DNA anzudocken, müssen die Proteine deren räumliche Struktur – die berühmte Doppelhelix – und Oberflächeneigenschaften erkennen. Diese Bindung mit synthetischen Molekülen zu beeinflussen, könnte neue therapeutische Ansatzpunkte eröffnen und bessere Einblicke in biologische Prozesse ermöglichen. Bisher fehlten allerdings geeignete Moleküle.

Hier will Huc mit seinem neuen Projekt FOLOF (Aromatic Foldamer Mimics of B-DNA: Targeting the Alpha-Helix) ansetzen und auf der Basis sogenannter aromatischer Oligoamid-Foldamere Moleküle entwickeln, die die Oberfläche bestimmter DNA-Doppelstrang-Sequenzen nachbilden. An diese DNA-Imitate können dann spezifische Proteine binden – und so für deren natürlichen Bindungspartner blockiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, will Huc den chemischen Werkzeugkasten erweitern, um spezifische Designs zu ermöglichen. Zudem sollen strukturelle Merkmale identifiziert werden, die dazu beitragen können, dass Proteine bevorzugt an die Imitate binden, sowie Design und Synthese der synthetischen Moleküle optimiert werden. Durch eine strategische Kombination aus chemischer Synthese, computergestützten Vorhersagen, kristallographischer Strukturanalyse, Bindungsstudien und Screening-Tools soll FOLOF die Herstellung abiotischer molekularer Nukleinsäure-Nachahmungen auf ein völlig neues Niveau bringen und das Potenzial und die Einsatzmöglichkeiten der Foldamere weiter ausbauen.

Ivan Huc studierte Chemie an der Ecole Normale Supérieure (ENS) in Paris. Anschließend forschte der gebürtige Franzose an der ENS und am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Cambridge, USA. Aufgrund dieser Arbeiten wurde Huc an der Universität von Paris promoviert. Danach war er an der Université Louis Pasteur in Strasbourg (Frankreich) tätig, bevor er am CNRS am Institut Européen de Chimie et Biologie (IECB) in Bordeaux Leiter einer unabhängigen Forschungsgruppe wurde. Später war er dort Co-Direktor, ebenso am Institut de Chimie & Biologie des Membranes & des Nano-objets, Bordeaux, bevor er 2017 an die LMU wechselte. 2012 zeichnete ihn der ERC bereits mit einem Advanced Investigators Grant aus.

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