News

Ehrenamt: „Der eigenen Endlichkeit bewusst, das Leben reflektieren”

06.05.2026

Historikerin Denise Reitzenstein engagiert sich in der ehrenamtlichen Initiative „Das letzte Geleit“. Im Interview berichtet die LMU-Wissenschaftlerin über das Ehrenamt.

Zum Leben gehört das Sterben. Und zum Sterben gehört das Abschiednehmen. Doch was passiert, wenn niemand (mehr) da ist, um Verstorbene bei ihrem letzten Weg zu begleiten? PD Dr. Denise Reitzenstein ist Oberrätin am Historischen Seminar in der Abteilung für Alte Geschichte und Teil der ehrenamtlichen Initiative „Das letzte Geleit“. Ihr Anliegen ist es, Personen einen würdigen Abschied zu ermöglichen, die keine Angehörigen haben. Wie ihr ehrenamtliches Engagement entstanden ist, welche Trauerfeiern im Gedächtnis bleiben und was sie von ihrer Tätigkeit mitnimmt, erzählt Denise Reitzenstein im Interview.

Eine junge Frau sitzt lächelnd vor einer Bücherwand

Denise Reitzenstein

engagiert sich ehrenamtlich. Durch ihr Engagement nimmt sie nicht nur persönlich viel mit, auch der berufliche Blick hat sich geweitet. | © LMU

Wie sind Sie zu Ihrem Ehrenamt gekommen?

Denise Reitzenstein: Familiär bedingt besteht ein guter Kontakt zur Pfarrgemeinde von St. Ludwig. 2016 sind dort zwei ältere Gemeindemitglieder gestorben, die ich persönlich kannte. Das war für mich das erste Mal seit Langem eine intensivere Begegnung mit dem Thema Tod, in einem Fall auch dahingehend, jemanden im Sterbeprozess zu begleiten.

Ein Jahr später starb mein Großvater. Er lebte in Niedersachsen. Wir haben zwar regelmäßig miteinander telefoniert, aber richtig eng war der Kontakt nicht. Als es ihm schlechter ging, habe ich nur deshalb davon erfahren, weil man mich als Mitglied der LMU im Internet über eine Suchmaschine finden kann. Dadurch habe ich erlebt, wie es selbst in der eigenen Familie ganz schnell passieren kann, dass jemand im Alter gebrechlich wird und plötzlich niemand mehr da ist.

2018 ist dann durch die Pastoralreferentin Susanne Bauer in der Gemeinde St. Ludwig die Initiative „Das letzte Geleit" entstanden. Durch meine Erfahrungen war ich sehr offen für das Thema und dafür, zu Trauerfeiern mitzugehen, wenn jemand von Amts wegen bestattet wird und keine Angehörigen mehr da sind.

Keine Trauerfeier gleicht der anderen

Beinhaltet das Ehrenamt noch weitere Aufgaben neben dem letzten Geleit?

Seit Susanne Bauer diese Gruppe gegründet hat, geht es tatsächlich ausschließlich um das letzte Geleit, das heißt Begleitung der Trauerfeier durch das Gebet. Es kommt immer häufiger vor, dass Menschen ohne Angehörige sterben und Seelsorgerinnen und Seelsorger wie sie die Trauerfeiern allein begleiten. Daraus entstand die Idee, einen Kreis von Ehrenamtlichen aufzubauen, die in solchen Momenten zumindest als anwesende Trauergäste dabei sind.

Organisatorisch lief das anfangs übrigens über das Pfarrbüro von St. Ludwig, inzwischen ist der katholische Bestattungsdienst verantwortlich. Wir werden von ihm je nach Verfügbarkeit angefragt und können angeben, wann und auf welchen Friedhöfen wir präsent sein wollen oder können.

Wie erleben Sie diese Abschiede persönlich?

Am Anfang war ich vor allem aufgeregt. Es war eine völlig neue Situation für mich, und als evangelische Christin war ich mit den Abläufen einer katholischen Trauerfeier nicht vertraut. Diese Unsicherheit hat sich aber mit der Zeit gelegt. Mein erstes „letztes Geleit“ habe ich gemeinsam mit zwei erfahrenen Frauen aus der Gemeinde durchgeführt, von denen ich viel lernen konnte.

Inzwischen ist mir bewusst, dass keine Trauerfeier der anderen gleicht. Ich weiß oft bis zuletzt nicht, ob vielleicht doch noch Angehörige erscheinen. Es kommt immer wieder vor, dass überraschend Menschen auftauchen – manchmal Nachbarn oder Freunde, manchmal auch Verwandte, die von weit her anreisen.

Einmal kam beispielsweise eine Schwester der Verstorbenen gemeinsam mit ihrem Sohn aus Kroatien. Sie waren die ganze Nacht unterwegs gewesen und trafen verspätet ein. In dieser Situation habe ich spontan ins Englische übersetzt und versucht zu erklären, was gerade passiert. Das war eine sehr intensive Begegnung. Gerade weil Trauer, Sprachbarrieren und räumliche Distanz zusammenkamen.

Wie läuft ein typisches letztes Geleit ab?

In der Regel bin ich gemeinsam mit einem Zelebranten oder einer Zelebrantin vor Ort, häufig auch mit einer Mesnerin. Dadurch gibt es eine gewisse Struktur im Ablauf, auch wenn jede Feier individuell gestaltet ist. Wir wissen meist nur sehr wenig über die verstorbene Person – oft nur Name, Lebensdaten, manchmal Beruf oder Familienstand. Auf dieser Grundlage wird dann die Trauerfeier gestaltet.

Ich selbst verstehe meinen Dienst als einen stillen. Ich bin im Gebet dabei und halte mich im Hintergrund, besonders wenn Angehörige anwesend sind. Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen es wichtig ist, auf Menschen zuzugehen. Ich erinnere mich an eine junge Frau, die verspätet zur Beisetzung ihrer Patentante kam und völlig aufgelöst war. Nach der Feier sind wir ins Gespräch gekommen, und in diesem Moment ging es einfach darum, da zu sein. Solche Begegnungen sind sehr unmittelbar und gehen einem nahe.

Bleiben Ihnen einzelne Schicksale im Gedächtnis?

Die Namen selbst bleiben oft nicht dauerhaft präsent – ich tue mich ja schon bei den Namen von Lebenden schwer, sie mir einzuprägen. Seit 2018 habe ich schätzungsweise etwa 30 bis 40 Trauerfeiern begleitet. Was eher hängen bleibt, sind einzelne Details, etwa Geburtsjahrgänge oder besondere Umstände.

Besonders eindrücklich ist es, wenn junge Menschen betroffen sind. Ich erinnere mich an eine Verstorbene, die nur wenige Jahre jünger war als ich. In solchen Momenten wird einem die eigene Endlichkeit sehr bewusst. Bei hochbetagten Menschen erscheint es oft nachvollziehbarer, wenn niemand mehr kommt. Wenn aber jüngere Menschen ohne Begleitung beigesetzt werden, fragt man sich unweigerlich, welche Lebensumstände dazu geführt haben.

Haben Sie einen „Lieblingsfriedhof“ in München?

Ich gehe tatsächlich sehr gerne auf den Alten Nordfriedhof, auch weil ich in der Nähe wohne. Es ist ein einladender, friedlicher Ort, fast wie eine grüne Oase mitten in der Stadt.

Diese Orte haben für mich durch das Ehrenamt noch einmal eine andere Bedeutung bekommen. Man setzt sich bewusster damit auseinander, dass wir alle dort landen bzw. irgendwo unsere sterblichen Überreste bleiben werden. Gleichzeitig sind Friedhöfe für mich auch Räume der Ruhe, in denen ich mich gerne aufhalte.

Blick auf historische Schicksale

News
Engagement von LMU-Studierenden: „Damit die Welt nicht aus den Fugen gerät“
Weiterlesen

Gibt es Parallelen zwischen dem Ehrenamt und der Arbeit als Historikerin?

Direkt vielleicht nicht, aber es hat meinen Blick geschärft. In der Alten Geschichte beschäftigt man sich häufig mit Grabmonumenten oder mit Texten über Tod und Trauer, betrachtet diese aber oft sehr nüchtern als Quellen.

Durch das Ehrenamt wird mir stärker bewusst, welche Emotionen und individuellen Schicksale dahinterstehen. In vormodernen Gesellschaften war der Tod viel präsenter im Alltag. Heute ist das deutlich weniger der Fall. Diese Distanz spiegelt sich auch im wissenschaftlichen Arbeiten wider. Ich glaube, man blendet manchmal aus, dass es sich bei den Quellen eben nicht nur um „Material“, sondern um menschliche Erfahrungen handelt.

Wie reagieren Kolleginnen und Kollegen auf Ihr Ehrenamt?

Ich spreche tatsächlich gar nicht so häufig darüber. Wenn es zur Sprache kommt, reagieren die meisten sehr positiv. Es gibt vereinzelt Menschen, die mit dem Thema Tod Schwierigkeiten haben und dem eher ausweichen. Und manchmal spielt auch eine gewisse Distanz zur Kirche eine Rolle.

Für mich persönlich zeigt dieses Ehrenamt aber eine Seite von Kirche, die oft wenig sichtbar ist: sehr stille, sehr zugewandte Arbeit, die mit viel Engagement und Würde geleistet wird.

Gibt es Dinge, die Sie bei Ihrem Ehrenamt überraschen?

Was mich immer wieder überrascht, sind die Begegnungen. Man trifft auf sehr unterschiedliche Menschen, die Trauerfeiern und Beisetzungen organisieren oder ihnen beiwohnen. Viele von ihnen sind mit großer Hingabe dabei.

Ich habe zum Beispiel einmal eine junge Pastoralreferentin in Ausbildung erlebt, die sich im Vorfeld intensiv bemüht hatte, doch noch Kontakte einer verstorbenen Person ausfindig zu machen. Am Ende kamen tatsächlich Nachbarn zur Trauerfeier, und es war eine sehr berührende Situation. Solche Erfahrungen zeigen, wie viel Engagement oft im Hintergrund und unsichtbar geschieht. Das hätte ich vorher so nicht erwartet.

Hat das Ehrenamt Ihren Blick auf Leben und Tod verändert?

Ja, auf jeden Fall. Es führt dazu, dass ich mich regelmäßig mit grundlegenden Fragen auseinandersetze: Was ist eigentlich sinnvoll? Was bleibt am Ende?

Gerade im wissenschaftlichen Betrieb gerät man schnell in einen Modus aus Publikationsdruck, Vortragsreisen und Drittmittelakquise, ohne sich den grundsätzlichen Fragen nach dem Sinn des Lebens noch zu stellen. Das letzte Geleit unterbricht diesen Modus immer wieder. Diese Momente – oft nur 15 oder 20 Minuten – schaffen eine Art Gegenpol. Sie machen die eigene Endlichkeit bewusst und helfen dabei, das eigene Leben zu reflektieren.

Gleichzeitig ist es für mich nicht nur eine persönliche Erfahrung, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenigstens in diesem Punkt sind wir alle gleich: Geburt und Tod vereint uns als Menschen. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir uns als demokratische Gesellschaft um unsere Sterbenden und Toten kümmern sollten – unabhängig davon, ob jemand Angehörige hat oder nicht.

Wonach suchen Sie?