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Entscheidung gegen ein mörderisches Regime

30.01.2015

Wer vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Gegenwart: Die LMU erinnert an die Widerstandsgruppe Weiße Rose und an den vor 70 Jahren hingerichteten Studenten Hans Leipelt.

Für private Entscheidungen, so Professor Andreas Wirsching in der diesjährigen Weiße-Rose-Gedächtnisvorlesung, gäbe uns die herrschende Moral eine gute Orientierung. Private Entscheidungen führten in der Umwelt, in der wir leben, nicht zu Entscheidungszwängen und trieben uns nicht in Gewissensnot. Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte betont aber, dass auch im Nationalsozialismus die Entscheidung für oder wider das Regime möglich war. Aber diese Entscheidung hatte Folgen, die den eigenen Lebenslauf irreversibel bestimmten.

In seiner Vorlesung schlägt Wirsching den Bogen von jenen, die sich bewusst für das Regime entschieden und seine verbrecherische Moral verinnerlichten, sogar von ihr profitierten, über solche, die eine bewusste Entscheidung vermieden und sich mit den neuen Verhältnissen arrangierten, ja, die durch ihr „Nicht-Entscheiden“, drohten, mitschuldig zu werden. Wirsching kommt schließlich zu denen, die sich – trotz schlimmster Konsequenzen – entschieden, dem Regime die Stirn zu bieten: Die Mitglieder der Weißen Rose, so der Historiker, hätten klar erkannt, dass Untätigkeit und Zuwarten zur kollektiven Schuldigkeit führen, die Schuld mit jedem Tag wächst. Im zweiten Flugblatt schrieben sie: „Ein jeder will sich von einer solchen Mitschuld freisprechen, ein jeder tut es und schläft dann wieder mit ruhigstem, bestem Gewissen. Aber er kann sich nicht freisprechen, ein jeder ist schuldig, schuldig, schuldig!“

Wirsching sieht in den Flugblättern nicht nur einen moralischen Appell; sie seien zudem gekennzeichnet von einer „glasklaren Analyse“ des Verhältnisses von NS-Diktatur und Gesellschaft und von der Sinnlosigkeit der nationalsozialistischen Kriegsführung, die vor allem die Niederlage bei Stalingrad augenfällig gemacht hatte.

Die moralische Notwendigkeit, sich zu entscheiden um nicht schuldig zu werden, spricht aus den Flugblättern. Die breite Volksmasse wollte die Weiße Rose erreichen, aber vor allem auch die eigenen Kommilitonen, denen sie nach Protesten gegen eine sexistische und diskriminierende Rede des Münchener Gauleiters Giesler an der LMU im Januar 1943 offenbar besonderes Potenzial beim Widerstand gegen das NS-Regime zutrauten.

In ihrem sechsten Flugblatt schrieben sie: „Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes.“ Sie schrieben die Wahrheit und mussten deswegen sterben.

Und ihr Geist lebt weiter…

Zwar gelang es ihnen nicht, die Studierenden in großem Stil zum Aufbegehren zu bewegen, aber bei einigen Kommilitoninnen und Kommilitonen stieß ihre Botschaft auf offene Ohren: „[W]ir hatten das [sechste] Flugblatt, aber die, die es geschrieben hatte, waren deshalb von den Nazis hingerichtet worden. Wer sollte jetzt den Menschen die Augen öffnen, wer sollte ihnen jetzt die Wahrheit über das verbrecherische Regime sagen? Ganz spontan entschlossen wir uns: Wir müssen das weitermachen! An die Gefahr dachten wir dabei nicht. […]“, schreibt Dr. Marie-Luise Schultze-Jahn in ihren Erinnerungen. Sie und ihr Freund Hans Konrad Leipelt, den sie am Chemischen Institut von Professor Heinrich Wieland an der LMU kennengelernt hatte, wollten dem Beispiel der Weiße-Rose-Mitglieder folgen, die sie persönlich nicht kannten: Sie entschieden sich, das sechste Flugblatt zu vervielfältigen und zu verbreiten. Sie entschieden sich dafür, obwohl sie genau wussten, was ihnen passieren konnte: Gerade waren die Geschwister Scholl und ihr Freund Christoph Probst zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet worden.

Leipelt versah das Flugblatt mit der Überschrift „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter“ und beide organisierten die Verteilung des Flugblattes unter anderem an der Universität Hamburg. Mehr noch: Nach der Hinrichtung Professor Kurt Hubers am 13. Juli 1943 initiierten Leipelt und Jahn eine Sammlung für dessen Witwe und seine beiden Kinder, die völlig mittelos waren. Diese Aktion wurde bei der Gestapo denunziert, Leipelt und Jahn wurden verhaftet und verurteilt – Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus, Leipelt zum Tode.

Vor genau 70 Jahren, am 29. Januar 1945, wurde er als letzter politischer Häftling in Stadelheim ermordet. Hieran erinnerte die Fakultät für Chemie und Pharmazie 2015 am Jahrestag mit einer Gedenkveranstaltung im Foyer der Fakultät in Großhadern. Das Foyer wurde dabei nach Hans Leipelt benannt, der als sogenannter „Halbjude“ – seine Mutter war Jüdin – am Chemischen Institut des Nobelpreisträgers Professor Heinrich Wieland studierte. Er war zum Studium nach München gewechselt, nachdem er an der Universität Hamburg zunehmenden Schikanen und Diskriminierungen als „Halbjude“ ausgesetzt war. Seine Herkunft war auch der Grund, warum ihn die Wehrmacht „unehrenhaft“ entließ, in der er bereits den Polen- und Frankreichfeldzug mitgemacht hatte und ausgezeichnet worden war.

Heinrich Wieland hatte in seinem Institut mehrere Studierende mit jüdischen Wurzeln aufgenommen und sie so dem Zugriff durch die Gestapo entzogen. Er sagte bei dessen Prozess sogar für seinen Studenten Hans Leipelt aus – leider ohne Erfolg.

„Der Angeklagte Leipelt hat in den Jahren 1941 bis 1943 in München und Hamburg ständig ausländische Rundfunksendungen abgehört und unter den Studenten der Hochschule eine staatsfeindliche bolschewistische Propaganda entfaltet. Er wird deshalb wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung zum Tode und dauerndem Ehrverlust verurteilt“, so die „Rechtssprechung“ gegen den Studenten. Was hat Leipelt wirklich getan? Die richtige Entscheidung getroffen!

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