„Es geht um Menschenwürde“
08.05.2026
Von Studierenden für Studierende: Der unabhängige Verein Students remember stärkt die Erinnerungskultur an der LMU – und bald auch anderswo.
08.05.2026
Von Studierenden für Studierende: Der unabhängige Verein Students remember stärkt die Erinnerungskultur an der LMU – und bald auch anderswo.
„Hier lernt man Zivilcourage“, sagt der Jurastudent Simon Theodor Fetscher. Zusammen mit der Kunstgeschichtestudentin Victoria Lobato steht er im Hauptgebäude der LMU, oben, an der Balustrade.
Eine Tafel erinnert daran, dass Sophie und Hans Scholl von hier aus Flugblätter der Weißen Rose in den Lichthof flattern ließen. Am 18. Februar 1943 war das, kurz vor elf Uhr.
Das Gedenken an die Nazizeit ist allgegenwärtig. Der Hinweis auf den Hörsaaldiener Jakob Schmid, der die Geschwister Scholl entdeckte und festnahm; das Bodendenkmal vor dem Haupteingang; eine Namenstafel im Lichthof; die Gedenkstelle selbst: Alles atmet Geschichte. An der Backsteinwand der Universitätsbibliothek in der Schellingstraße markiert eine Glasscheibe mit der Aufschrift „Wunden der Erinnerung“ die Einschuss- und Einschlaglöcher, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat. Geschichte lässt sich kaum ignorieren.
Und doch hat Simon Fetscher vor zweieinhalb Jahren den Verein „Students remember“ gegründet. Gegen Gleichgültigkeit und Ignoranz. Für Erinnern und Engagement. Ein Versuch, Wissen zu kommunizieren, von Studierenden für Studierende. Und in der gemeinsamen, ergebnisoffenen Auseinandersetzung Orientierung zu finden.
„Es gibt ganz viele tolle Initiativen und Menschen, die sich mit Erinnerungskultur beschäftigen“, sagt Fetscher, „aber was wir machen: Das gab es einfach noch nicht.
„Viele Studierende lehnen es nur ab, sich mit Geschichte zu beschäftigen“, erklärt er, „weil sie das Gefühl haben: Es wird ihnen vorgesetzt.“ Eine aus der Schule bekannte Pflichtübung, ohne besonderen Neuigkeitswert.
Fetschers Anspruch dagegen ist klar: „Ich glaube fest daran, dass man an einer deutschen Universität nicht studiert haben sollte, ohne sich mit bestimmten historischen Fragen beschäftigt zu haben – egal, ob man Ingenieur wird, Chemikerin oder Jurist.“
Er will der Erinnerungskultur einen festen Platz im studentischen Leben einräumen. Denn gerade heute, so heißt es im Leitbild des Vereins, sei es notwendig, an die Geschichte zu erinnern, um die Gegenwart zu verstehen und unsere Zukunft zu gestalten.
Es gibt ganz viele tolle Initiativen und Menschen, die sich mit Erinnerungskultur beschäftigen, aber was wir machen: Das gab es einfach noch nicht.Simon Theodor Fetscher
Fetschers Idee zündete: Rund 70 Studierende unterschiedlichster Fachrichtungen engagieren sich inzwischen gegen das Vergessen. Monatliche Member Events, Stammtische, Workshops und Impulsvorträge sind Teil des studentischen Projekts, aber auch öffentliche Vorträge, FIlmabende und Disskussionsveranstaltungen.
Dabei legt der Verein großen Wert auf seine Unabhängigkeit. Die regelmäßigen, teils hochkarätig besetzten Veranstaltungen finanziert man durch Spenden. Vertreten sei unter den Vereinsmitgliedern, so Fetscher, „die ganze Breite des demokratischen Spektrums“.
Man wolle gegen Gleichgültigkeit ankämpfen und Raum für fundierte Diskussion schaffen. „Es ist nicht unsere Aufgabe, extreme Positionen zu überzeugen.“ Die erfolgreiche Vermittlung von historischem Wissen ist für Fetscher auch eine Frage des richtigen Framings. „Wenn man den Bogen zur Gegenwart schlägt, sind plötzlich alle wieder an Bord“, sagt er.
Der Verein widmet sich darum nicht allein den Ereignissen jüngster Geschichte. Ihm geht um Wissensgewinn und die lebendige Diskussion aktueller Fragen. Warum gibt es Antisemitismus? Was lässt sich aus historischen Erfahrungen lernen? Und: Welche Verantwortung ergibt sich daraus für die Gegenwart?
Darüber hinaus setzt sich „students remember“ dafür ein, die Geschichte des ehemaligen „Haus des Deutschen Rechts“ in der Ludwigstraße 28 aufzuarbeiten. Im Nationalsozialismus wurde dort Recht ausgelegt, heute beherbergt das Haus gegenüber dem Hauptgebäude der LMU eine Bibliothek und die volkswirtschaftliche Fakultät.
Eine Plakette, die über die Vergangenheit informiert, fehlt. Bei Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern der Universität rannte er offene Türen ein. Klar ist: Die Plakette kommt. Aber die Entscheidungsfindung braucht Zeit. Wann sie befestigt und was auf ihr stehen wird, ist noch nicht entschieden.
Im Studium hat mir manchmal die kreative Komponente gefehlt. Hier kann man etwas bewegen. Das ist ein echtes Lebenslearning.Victoria Lobato
Ein großer Lerngewinn sind solche Prozesse der Vernetzung in jedem Fall. „Mir gibt die Arbeit unglaublich viel“, sagt Victoria Lobato, die sich mit um den Social Media-Auftritt des Vereins kümmert. „Im Studium hat mir manchmal die kreative Komponente gefehlt. Hier kann man etwas bewegen. Das ist ein echtes Lebenslearning.“ Positive Erfahrungen, sagt sie, sammeln sie überall. „Das motiviert uns total.“
Für Fetscher hat die Vereinsarbeit auch eine Menge mit Selbstwirksamkeit zu tun. „Es reicht einfach nicht, sich über den Zustand der Welt zu beschweren, wenn man das Privileg hat, mehr zu tun.“
Seine Vision ist groß, die Ambitionen des Vereins reichen weit über die LMU hinaus. Kooperationen mit der Technischen Universität München und der Hochschule für Philosophie sind geplant, Veranstaltungen in Augsburg und Berlin ebenfalls. Perspektivisch soll das Projekt „students remember“ im Wintersemester 2026/27 deutschlandweit ausgerollt werden.
„Letztlich geht es nicht nur ums Erinnern. Es geht um Menschenwürde“, sagt Simon Fetscher.