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Klimawandel: „Es macht einen erheblichen Unterschied, ob wir bei 2°C oder 1,5°C landen“

22.10.2021

Die Grenzen der Anpassung: Der LMU-Klimaforscher Matthias Garschagen spricht im Interview über eine neue Studie zu den globalen Risiken des Klimawandels.

In seinem derzeitigen sechsten Berichtszyklus hat der Weltklimarat (IPCC) bereits drei Sonderberichte veröffentlicht, die sich mit zahlreichen Klimarisiken für Ökosysteme und den Menschen auseinandersetzen. Ein Wissenschaftlerteam, an dem auch Matthias Garschagen beteiligt war, Professor am Department Geographie der LMU und ein Kernautor des im nächsten Jahr erwarteten sechsten Syntheseberichts des IPCC, hat nun ein einheitliches Bewertungssystem entwickelt, um diese Risiken übergreifend zu verstehen. Im Interview spricht er über die Ergebnisse der im Fachmagazin Nature Climate Change veröffentlichten Studie.

Hinsichtlich des Meeresspiegelanstiegs werden einige Regionen an die Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit stoßen. © IMAGO / ZUMA Wire / Fatima-Tuj Johora

Sie haben die drei jüngsten Sonderberichte des Weltklimarates in einem innovativen Ansatz integriert, um globale Risiken des Klimawandels zu beschreiben. Was war für Sie das wesentliche Ziel der Studie?

Matthias Garschagen: Wir wollten in einem vergleichbaren Rahmen zusammenführen, was die drei Sonderberichte an Einzelinformationen bieten, und einen globalen Überblick geben, wo wir bezüglich der Klimarisiken stehen. Die Berichte decken wichtige Felder ab: In einem geht es um den Vergleich der Effekte einer Erwärmung um 1,5°C versus 2°C, der zweite beschäftigt sich mit Landoberflächen und der dritte mit Ozeanen und der Kryosphäre, also der von Eis und Schnee bedeckten Oberfläche. Im Hinblick auf das Pariser Abkommen und unsere Klimaziele ist es entscheidend, nicht nur einzelne Regionen oder Sektoren zu betrachten. Wir müssen auch verstehen, wohin wir als Weltgemeinschaft insgesamt steuern. Die globale Perspektive ist daher sehr wichtig, und eine Synthese wie in unserer Studie, in der wir mehr als 40 Risikotypen bei verschiedenen Klima- und Anpassungsszenarien betrachtet haben, hat es so bisher noch nicht gegeben.

Was sind Ihre wesentlichen Ergebnisse?

Garschagen: Ich würde drei Punkte hervorheben: Erstens macht es global betrachtet einen erheblichen Unterschied, ob wir uns am Ende des Jahrhunderts in einer Welt befinden, in der der Klimawandel ungebremst weitergelaufen ist, oder in einer Welt, in der wir die Erwärmung haben begrenzen können. Wir haben zwei Emissionspfade verglichen, einen, der den Zielen des Pariser Abkommens entspricht und die Erwärmung auf unter 2 Grad begrenzt, und einen anderen mit viel höheren Emissionen und einer Erwärmung von über 4 Grad am Ende des Jahrhunderts. In der Hochemissionswelt ist die Anzahl der Risiken, die in einem sehr hohen Bereich liegen und zu schwersten Auswirkungen führen, sehr viel höher als in der Niederemissionswelt. Wenn wir es nicht schaffen, effektiven Klimaschutz zu betreiben, werden wir am Ende des Jahrhunderts bei über der Hälfte unserer Risikotypen irreversible Schäden zu beklagen haben und viele Ökosysteme werden die Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit erreichen.

Und wenn wir es schaffen, auf einem niederen Emissionspfad zu bleiben?

Garschagen: Auch dann, und das ist der zweite wichtige Punkt, sehen wir die Risiken stark ansteigen. Wir werden uns als Weltgemeinschaft damit beschäftigen müssen, dass wir, selbst wenn wir es schaffen, den Klimawandel jetzt in den Griff zu bekommen, bereits unvermeidbare Klimawandelauswirkungen haben. Es wird auch bei niederen Emissionspfaden viele Ökosysteme geben, die an die Grenzen der Anpassungsfähigkeit geraten und massive, irreversible Schäden davontragen, und daraus werden nachgelagert auch menschliche Risiken hervorgehen. Vielleicht sind die globalen Risiken sogar noch höher, weil wir bisher noch wenig wissenschaftliches Handwerkszeug haben, um Risikokaskaden und Rückkoppelungseffekte zwischen Risiken genauer zu bemessen. Es kann also sein, dass wir Feedbacks momentan unterbewerten. Das heißt, in unsere Klimawandelpolitik wäre eine Art Sicherheitsmarge mit einzubauen.

Was ist Ihr dritter wichtiger Punkt?

Garschagen: Das ist die Analyse der Anpassungsszenarien. Wir sehen, dass Klimawandelanpassung einen riesigen Unterschied macht. Aber Anpassung kann – und das ist eine Nachricht, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss – auch in Niederemissionspfaden das Risiko nicht völlig eliminieren. Selbst in einem Szenario, das von einer sehr umfassenden Anpassung ausgeht – also wesentlich großskaliger, koordinierter und mit viel mehr Aufwand, etwa was die Infrastruktur oder neue landwirtschaftliche Methoden angeht –, werden wir verbleibende Risiken haben, auf die wir uns einstellen müssen.

Welche Risiken werden trotz gesellschaftlicher Anpassungsmaßnahmen weiter steigen?

Garschagen: Der Spezialbericht zu Ozeanen und Küsten liefert hierzu wichtige Befunde. Etwa bezüglich des Meeresspiegelanstiegs werden wir sicherlich sehen, dass einige Regionen an die finanziellen Grenzen dessen stoßen, was sie an Anpassungsleistung betreiben können, selbst wenn der Meeresspiegelanstieg nicht, wie im Hochemissionsszenario, einen knappen Meter bis zum Ende des Jahrhunderts beträgt. Wichtig ist dabei, auch im globalen Bild zu betrachten, dass Risiken über verschiedene Erdregionen und auch innerhalb von Gesellschaften höchst ungleich verteilt sind. Oftmals sind diejenigen, die diesen Gefahren am meisten ausgesetzt sind und die höchste Verwundbarkeit haben, gleichzeitig auch diejenigen mit den geringsten Anpassungskapazitäten, etwa in pazifischen Inselstaaten mit geringem durchschnittlichem Einkommen.

Welche Bereiche werden am stärksten betroffen sein?

Garschagen: Bei Warmwasserkorallen beispielsweise sehen wir heute schon sehr starke Auswirkungen. Man darf ja nicht vergessen, dass wir jetzt schon eine Erwärmung von über einem Grad Celsius haben. Gerade Küsten und Meeresökosysteme scheinen auch bei kleineren Temperaturänderungen höchst sensibel zu sein, was auch der Vergleich der 1,5°C- und 2°C-Szenarien zeigt. Beides sind relativ positive Szenarien, die mit dem Pariser Abkommen vereinbar wären, dennoch sehen wir vor allem in diesen Ökosystemen sehr starke Unterschiede.

Prof. Dr. Matthias Garschagen ist Geographieprofessor an der LMU.

Matthias Garschagen. | © LMU

Trotz des relativ geringen Unterschieds von 0,5°C gibt es also entscheidende Auswirkungen?

Garschagen: Ja, die gibt es. Für einige Risiken gibt es keinen großen Unterschied, aber etwa für Muscheln, bestimmte Krebse und auch den Abbau von Permafrost macht es einen erheblichen Unterschied, ob wir bei 2°C oder bei 1,5°C landen. Es gibt viele Risiken, die dann in einen hohen oder sogar sehr hohen Bereich mit teilweise irreversiblen Schäden steigen. Das ist auch ein wichtiger Befund in Bezug auf das Pariser Abkommen. Oft wird ja gesagt, wenn wir 1,5°C schaffen, wäre es schön, 2°C sind aber auch noch in Ordnung. Wir sollten uns als Weltgemeinschaft schon fragen, ob wir wirklich bereit sind, die Risiken zu akzeptieren, denen wir bereits bei 2°C ausgesetzt sein werden.

Bestehen noch Chancen, dass wir die Klimaziele von Paris erreichen?

Garschagen: Wir haben schon viel Zeit verstreichen lassen, aber es ist noch nicht unmöglich, wenn wir das Ruder jetzt wirklich extrem herumreißen. Es kommen nun wichtige Konferenzen. Bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow im November wird es darum gehen, ob die Mitgliedsstaaten bereit sind, ihre Ziele hochzusetzen und dann auch wirklich an der Umsetzung zu arbeiten. Das 1,5°C-Ziel sollte nicht abgeschrieben werden. Risikoanalysen wie die unsere zeigen, wie wichtig es ist, daran festzuhalten. Den Klimaschutz jetzt entsprechend zu gestalten, ist zwar eine schwierige und große Aufgabe, aber in Anbetracht der Risiken, die wir später zu verkraften haben werden, lohnt es sich.

Interview: Monika Gödde

Alexandre K. Magnan, Hans-Otto Pörtner, Virginie K. E. Duvat, Matthias Garschagen, Valeria A. Guinder, Zinta Zommers, Ove Hoegh-Guldberg & Jean-Pierre Gattuso: Estimating the global risk of anthropogenic climate change. Nature Climate Change 2021

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