News

Ethnologie: Von der Schönheit und dem Schrecken der Welt

23.07.2026

Ethnologin Gerhild Perl, neuberufen, forscht über den gesellschaftlichen Umgang mit Grenzen von Ländern und des Lebens: Migration, Tod und das Verschwinden von Personen.

Die Frauen wissen nicht, wie lange sie an diesem Ort bleiben müssen. Sie sind in einem Detention Center, einer Art Haftanstalt für geflüchtete Personen. Ursprünglich stammten sie aus Kamerun und gelangten mit dem Boot nach Spanien. Als Polizisten den Essenssaal betreten und drei Namen aufrufen mit der Aufforderung „Holt eure Sachen. In ein paar Stunden seid ihr frei“, bricht ungläubige Freude unter den Genannten aus. Eine vierte kommt hinzu, ebenfalls aus Kamerun und mit demselben Boot angekommen: „Und ich? Bin ich auch frei?“, fragt sie die Polizisten. „Nein“, lautet die Antwort. Die Frau bricht aus Verzweiflung zusammen, verliert das Bewusstsein, liegt reglos auf dem Boden, schützend umringt von ihren Schicksalsgefährtinnen.

„Wir anderen – das Wachpersonal, die Ehrenamtlichen, die Anthropologin – starrten mit großen Augen auf die Frau. Den Blicken aller ausgesetzt und doch machtvoll zeigte uns ihr Körper, was ‚unsere‘ Regeln und ‚unsere‘ Praktiken bewirken und wie sie Schaden zufügen. Niemand war unschuldig. Nicht in diesem Moment.“ So beschreibt die Ethnologin Gerhild Perl die von ihr in einer spanischen Stadt beobachtete Szene in einem Artikel im Journal of Ethnic and Migration Studies.

Die Geschichte eines gekenterten Boots

Ethnologin Prof. Gerhild Perl

Gerhild Perl

schätzt an ihrem Fach „das Suchen nach dem Großen im Kleinen – all das, was nötig ist, um uns der gelebten Erfahrung in unserer komplexen Gegenwart anzunähern“. | © LMU/Johanna Weber

Migration und der gesellschaftliche Umgang damit ist eines der Schwerpunktthemen von Gerhild Perls Forschung. Nach einem Studium der Ethnologie an der Universität Wien wurde Perl mit einer Dissertation über ein Bootsunglück vor der spanischen Küste promoviert („Traces of Death. Exploring Affective Responsiveness Across the Spanish-Moroccan Sea“). „Mich hat das kontinuierliche Sterben im Mittelmeer sehr bewegt. Wir alle kennen die Bilder von Geflüchteten, auf Booten dicht aneinandergedrängt. Und zugleich erreichen uns immer wieder Nachrichten, wie viele Personen bei der Flucht übers Mittelmeer gestorben sind. Für mich waren folgende Fragen wichtig: Wer sind diese Menschen? Und was passiert danach? Es ging mir darum, die Geschichte von einem dieser Boote zu erzählen.“

Ihr Promotionsprojekt hat die Ethnologin dazu gebracht, sich auch verstärkt mit dem Verschwinden von Personen zu beschäftigen. Dazu zählen auch sogenannte enforced disappearances, wie sie in autoritären Regimen geschehen.

Nach ihrer Promotion, die im Rahmen des Projekts „Intimate Uncertainties. Precarious life and moral economy across European borders” an der Universität Bern erfolgte, war Gerhild Perl von 2019 bis 2021 Assistentin am dortigen Institut für Sozialanthropologie. Forschungsaufenthalte hatten sie bereits als Gastdoktorandin an das renommierte Department of Social Anthropology der Universität Cambridge geführt. Nach der Promotion folgte ein Aufenthalt am Institut „Sociétés en Mutation en Méditerranée” an der Aix Marseille Université. Von 2021 bis 2025 war sie Juniorprofessorin für Ethnologie an der Universität Trier, bis sie im Oktober 2025 den Ruf an die LMU annahm.

„Die LMU ist ein ausgezeichneter Forschungsort mit einem großen und sehr lebhaften Ethnologie-Institut. Mehrere Personen forschen zu Migration in verschiedenen Weltregionen, aber auch zu Fragen, zu denen ich weniger weiß. Ökologie und Umweltanthropologie oder Digitale Anthropologie sind hier zum Beispiel ein starker Schwerpunkt. Und diese Themen haben zahlreiche Schnittstellen“, sagt Gerhild Perl, die die LMU gerade auch als Volluniversität schätzt: „Man kann hier ins Gespräch mit Menschen kommen, die diesen Fragen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven nachgehen. Das finde ich sehr inspirierend.“

Deutschland – bald Emigrationsland?

In einem neuen Projekt möchte sich die Ethnologin mit Migration in Deutschland beschäftigen. „Das Projekt geht von dem Paradox aus, dass es eine Politik der Schließung gibt, bei der die EU-Außengrenzen sehr stark kontrolliert und Abschiebungen intensiviert werden, und zugleich der Öffnung, da alle europäischen Länder vom demografischen Wandel betroffen sind und dringend Fachkräfte brauchen.“

Gerhild Perl verweist auch auf Zahlen, wonach viele Eingewanderte wieder in ihre Heimat oder in andere Länder gehen. In dem neuen Projekt wird untersucht, welche Bedingungen in Deutschland dazu beitragen würden, dass sie stattdessen bleiben. Andernfalls, so Perl, könne es sein, dass Deutschland ein Emigrationsland wird.

Momentan sei die restriktive deutsche Migrationspolitik für Arbeitgebende völlig unverständlich, weil Menschen abgeschoben würden, die sie dringend brauchen. „Abschiebungen machen etwas mit Menschen. Nicht nur mit den Betroffenen. Sie machen auch immer etwas mit einer Gesellschaft.“

Vom Tabu des Erbens

In einem weiteren Projekt widmet sich Gerhild Perl ihrem zweiten Forschungsschwerpunkt: der anthropologischen Todesforschung. Es wird um das Thema Erben gehen, zu dem es bislang wenig transnationale Forschung gebe. „Erbe reproduziert den sozialen Status, Reichtum ebenso wie Armut. Ich möchte den Fokus auf die Entgegennahme des Erbens lenken. Es gibt Initiativen, die kritisch hinterfragen, woher Familienreichtum kommt. Welche Geschichte und vielleicht auch welche historische Schuld in so einem Erbe steckt und wie ein verantwortungsvoller Umgang damit gestaltet wird.“

Gerhild Perl verweist darauf, dass Erben gesellschaftlich tabuisiert wird. „Man kann heute in Gesprächen sehr viele auch intime Fragen stellen, die vor 50 Jahren noch nicht möglich waren, zur Sexualität zum Beispiel. Aber die Frage ‚Wie viel hast du denn geerbt?‘ ist ein gesellschaftliches Tabu. Das finde ich interessant.“

Zu diesem Thema steht auch ihre nächste Feldforschung an, die sie im kommenden Forschungsfreisemester nach Spanien und Marokko führen wird. Spanien, insbesondere die Kanarischen Inseln, ist dabei als Einwanderungsland besonders interessant. In Marokko sticht in diesem Zusammenhang besonders hervor, dass dort Rechtspluralismus herrscht und das Familienrecht islamisch geprägt ist.

Erkenntnisse in Gesellschaft und Politik tragen

Nun bereits fast am Ende des zweiten Lehrsemesters an der LMU, zieht die neuberufene Ethnologin ein sehr positives Fazit. „Ich bin begeistert von den Studierenden an der LMU und ihrem großen Engagement. Es macht sehr viele Freude, hier zu unterrichten.“ Für die Zeit nach ihrem Forschungssemester hat sie bereits viele Ideen. So ist es ihr auch immer ein Anliegen, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in die breitere Öffentlichkeit zu tragen und dabei auch Studierende einzubinden. Dafür hat sie zum Beispiel bereits mit Kunstschaffenden für eine Ausstellung über die Auswirkungen von Grenzkontrollen zusammengearbeitet. „Es ist mir wichtig, dass unsere Erkenntnisse auch von Gesellschaft und Politik gehört werden“, meint Perl.

Gerhild Perl selbst hat das Studium der Ethnologie damals den Weg aus der Enge eines österreichischen Dorfs, in dem sie aufgewachsen ist, in die Welt geebnet. „Es hat mich schon sehr früh hinausgezogen“, erzählt sie rückblickend. Es war die Neugierde auf ihr nicht Bekanntes, auf andere Länder und Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die sie angetrieben hat.

Auch dank ihrer wissenschaftlichen Karriere hat sich diese Sehnsucht mehr als erfüllt. Sie ist in vielen Ländern unterwegs, wobei ihr Schwerpunkt vor allem Spanien, aber auch Marokko und zunehmend Deutschland sind. „Was man auf Feldforschungen sieht und erlebt, kann die Fantasie gar nicht hergeben. Die Welt und das Leben der Menschen sind so überraschend und unglaublich“, sagt Gerhild Perl. Das Staunen über das, was ihr begegnet, hat sie bewahrt. Auch wenn sie aufgrund ihres Forschungsthemas mitunter Erfahrungen macht, „die ins Mark gehen, vor allem, wenn man mit vulnerablen Personen arbeitet. Aber so ist unsere Welt eben auch, eine Welt der Ungleichheit, der Ausschlüsse, der Gewalt.“

Newsletter „LMU aktuell“:

Der monatlich erscheinende Newsletter informiert über Aktuelles aus Forschung sowie Uni&Campus.

Newsletter abonnieren: zur Abo-Funktion

Newsletter der vergangenen Monate ansehen: zum Archiv

Wonach suchen Sie?