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Exzellenzcluster „Cross-Cultural Philology“: Eine Geschichte der kulturellen Vielfalt

08.06.2026

Wie wurde in den vergangenen 5.000 Jahren global Wissen weitergegeben und wer hatte die Entscheidungsmacht darüber? Der neue Exzellenzcluster „Cross-Cultural Philology“ schreibt die Wissenschaftsgeschichte neu.

Eine Weltkugel aus Texten geformt

© Stefan Pörtner

Zugang zu Sprache und Texten zu gewinnen: Dies war und ist denjenigen vorbehalten, die sich einer Kultur der Sorgfalt und Genauigkeit mit dem Wort verschrieben haben. In Europa sind solche Kulturtechniken unter dem Namen „Philologie“ bekannt – aber in Wahrheit arbeiten seit fünf Jahrtausenden Menschen aller Weltkulturen daran.

Der neue Exzellenzcluster „Cross-Cultural Philology” an der LMU München wird diese Praktiken mit einem kulturvergleichenden Ansatz erforschen und zugleich die Wissenschaftsgeschichte neu schreiben: nicht mehr eurozentrisch, sondern transkulturell und global.

Im Januar hat der Großverbund von 25 Disziplinen aus 8 Fakultäten sowie von 27 internationalen Partnerinnen und Partnern die Arbeit aufgenommen, auch die JMU Würzburg ist beteiligt. Am 8. Juni 2026 wird er offiziell eingeweiht. Germanistin Beate Kellner, Sprecherin des Clusters, berichtet von der Startphase und den Zielen für die kommenden Jahre.

Globaler Ansatz der Forschung

08 Jun
Eröffnungsfeier & Empfang des Exzellenzclusters „Cross-Cultural Philology“
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Welche Grundidee hat der Cluster, die für so viele ganz unterschiedliche Disziplinen trägt?

Beate Kellner: Wir erforschen und vergleichen philologisches Arbeiten weltweit und über einen Zeitraum von etwa 5.000 Jahren hinweg. Das ist neu und in dieser Form bislang einzigartig. In der Vergangenheit – und das gilt bis in unsere Zeit hinein – waren Geisteswissenschaften vielfach von eurozentrischen Vorstellungen geleitet.

Was meinen Sie damit?

Die philologische Forschung war oft auf Europa und die europäische Geschichte begrenzt. Und wenn man über diesen Tellerrand hinaus auf andere Kulturen geblickt hat, geschah dies meist mit einer vereinnahmenden, an europäischen Maßstäben ausgerichteten Perspektive. Oft hat man die Philologiegeschichte auch erst mit der Renaissance beginnen lassen. Das ist viel zu eng.

Wir begegnen philologischen Praktiken schon vor 5.000 Jahren in Mesopotamien und Ägypten, wir begegnen ihnen später auch in China, in Indien, in Tibet, im alten Ägypten, im Judentum, in der arabischen Welt, in Afrika und den Amerikas. Diese Traditionen sind bislang viel zu wenig erforscht.

Kulturübergreifende und gegenwartsrelevante Forschung

Prof. Dr. Beate Kellner

Prof. Dr. Beate Kellner

ist Inhaberin des Lehrstuhls für Germanistische Mediävistik an der LMU München und Sprecherin des Exzellenzclusters „Cross-Cultural Philology” | © David Klein

Solche Fixierungen aufbrechen – das ist also Ihr erklärter Anspruch im Großprojekt?

Ja, wir untersuchen im Cluster die Geschichte des kulturellen Erbes oder großer Teile des kulturellen Erbes multiperspektivisch, kulturübergreifend und mit Gegenwartsrelevanz. Damit wollen wir zu einem tieferen Verständnis der Kulturen und einer besseren Kommunikation der Kulturen untereinander beitragen. Wir glauben, dass das dringend nötig ist, um den Respekt vor der kulturellen Vielfalt zu fördern. Nicht zuletzt wollen wir philologisch-kritisches Denken stärken helfen, was für alle in der Gesellschaft wichtig ist.

Die ganze Welt der Philologie – das ist eine ziemlich breite Klammer.

In der Tat. Geografisch spannt sie sich von Europa über Asien nach Afrika und zu den Amerikas, historisch von den Anfängen in Mesopotamien und Ägypten bis in die Moderne. Dazu kommen inhaltliche Breite und Tiefe. Es geht darum, die Systeme und Eigenlogiken der vielfältigen philologischen Traditionen wahrzunehmen. Dies betrifft ganz verschiedene Praktiken – Schreiben, Kompilieren und Übersetzen, Edieren, Überliefern und Archivieren, Kanonisieren und Kommentieren sowie auch die Migration von Texten und Genres über verschiedene Kulturen hinweg. All das untersuchen wir im Vergleich über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg – und in globaler Perspektive.

Interdisziplinäres Arbeiten, internationale Kooperationen

Prof. Dr. Holger Gzella, Prof. Dr. Beate Kellner, Prof. Dr. Susanne Reichlin

Exzellenzcluster „Cross-Cultural Philology”

Sprecherin Prof. Dr. Beate Kellner mit stellvertretendem Sprecher Prof. Dr. Holger Gzella und stellvertretender Sprecherin Prof. Dr. Susanne Reichlin | © David Klein

Wie wollen Sie angesichts dieses großen Programms vorgehen?

Wir erheben natürlich nicht den Anspruch, alle Traditionen vollständig abbilden und erforschen zu wollen. Wir müssen exemplarisch arbeiten, das ist klar. Aber es hat sich schon in den Begutachtungen gezeigt, die der Förderzusage für den Cluster vorausgingen: So ein Verbund kann nur an wenigen Orten auf der Welt entstehen. München mit seiner ungeheuren Vielfalt einschlägiger Fächer, hieß es, sei dafür ideal. Wo sonst können in einem Großprojekt Teams aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Indologie und Ägyptologie, Germanistik und Altorientalistik, Sinologie und Arabische Philosophie oder Musikwissenschaft und Romanistik jeweils an einem Problem zusammenarbeiten? Genau diese Paarungen stellen bei der feierlichen Eröffnung ihre gemeinsamen Projekte vor.

Wir haben schon jetzt eine große Zahl von Kooperationen. Und wir bekommen weitere interessante Anfragen. Zum Beispiel starten wir gerade eine Kooperation mit der Global Humanities Initiative am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/USA. Demnächst gibt es eine große internationale Tagung in Boston mit uns.

An welchen Themen lässt sich der Wert dieses globalen Ansatzes besonders gut zeigen?

Lassen Sie uns den Prozess der Kanonisierung betrachten, in dem eine Sammlung von Texten als maßgeblich, normsetzend und wertvoll festgeschrieben wird. Man denkt manchmal, ein Kanon habe etwas Statisches. Dabei sind es jeweils sehr dynamische Prozesse, in denen er sich bildet – und auch wieder zerfällt. Ein solcher Prozess verläuft mitunter über Jahrhunderte und kann kulturellem Wandel, geopolitischen Verschiebungen, sozialen Brüchen ausgesetzt oder Vehikel von Machtstrategien sein. Welche Texte und Traditionen sind überhaupt Kandidaten für einen Kanon und warum? Weil ihnen Relevanz zugesprochen wird von einer bestimmten Gruppe? Weil sie hierarchische, ökonomische, religiöse oder andere kulturell-gesellschaftliche Interessen bedienen?

Diese Fragen lassen sich im Grunde für alle Arten der Kanonbildung auffächern – von der Kanonisierung des Alten und Neuen Testaments, die sich über Jahrhunderte erstreckt hat, bis hin zur Kanonbildung in der Rechtsgeschichte, der Literaturgeschichte oder der Philosophie und Musikgeschichte.

Wie wohl kaum ein anderes philologisches Thema ist die Kanonisierung auch mit Fragen von Macht und Herrschaft verknüpft.

Sie begleitet den Aufstieg und Untergang von Imperien, etwa die Geschichte der altorientalischen Weltreiche oder des Römischen Reiches. Und denken Sie nur an die Kehrseite der Kanonisierung, die Zensur. Im alten China zum Beispiel haben neue Machthaber mitunter nicht nur den Schriftenkanon der vorausgegangenen Dynastie vernichtet, sondern auch die Vertreter der alten Wissenselite töten lassen. Und natürlich hat auch die Kirche im Westen sehr viel Zensur ausgeübt, wie wir alle wissen.

Welche weiteren Dynamiken untersuchen Sie kultur- und epochenübergreifend? Anhand welcher Überlieferungen gehen Sie zum Beispiel vor?

Ein gutes Beispiel sind Kommentartraditionen. In der Philologie sind sie bislang oft vernachlässigt worden, weil man am Verständnis vom Original als eigentlichem Text hing. Nehmen Sie, um nur ein Beispiel zu nennen, Petrarca, den italienischen Dichter und Gelehrten, der als Mitbegründer des Renaissance-Humanismus gilt. Seine Texte wurden studiert, sehr genau und umfassend, während die Kommentare, die in ihrer Zeit sehr wichtig waren, später als nur sekundär betrachtet wurden. Ähnliches gilt auch für andere Kulturen. Dabei gibt es äußerst umfangreiche Kommentartraditionen, etwa in der chinesischen Kultur oder in der arabischen Welt, zur Bibel natürlich auch, zu den griechisch-lateinischen Autoren oder zum Recht. Und oft sind die Kommentare viel umfangreicher als die Texte, die sie kommentieren.

Sie selbst leiten ein Projekt, in dem es um mittelalterliche Lyrik geht, die an romanischen und deutschen Höfen entstand. Sie wollen zeigen, dass es einen tatsächlichen Austausch zwischen ihnen gab und nicht nur einen romanischen Einfluss auf die deutschen Höfe. Wie sahen solche Muster von Textmigration aus?

Bislang wurde sehr häufig mit der Vorstellung von Leitkulturen gearbeitet. Eine Kultur gibt einer anderen etwas, diese wiederum empfängt nur. Bei der mittelalterlichen Lyrik war die Annahme: Alles ging vom Romanischen aus, und die deutschen Länder haben das übernommen. Jetzt sehen wir in der Forschung, dass wir eher von Netzwerken ausgehen sollten. Die Höfe waren durchaus Zentren für verschiedene Sprachen, für den Austausch von Wissen, Traditionen und Dokumenten. Wir wissen jetzt, dass diese Phänomene mit denen in anderen Weltgegenden vergleichbar sind. Darum untersuchen wir in unserer Arbeitsgruppe nicht nur Beispiele aus dem europäischen Hoch- und Spätmittelalter, sondern auch aus Südindien in der Frühen Neuzeit.

Eines der zentralen Themen des Clusters ist, wie sich Schriftsysteme in verschiedenen Kulturen entwickelt und verbreitet haben. Welche Fragen sind damit verknüpft?

Wir fragen zum Beispiel: Auf welche Weise waren sie mit verschiedenen Formen des Wissens verknüpft? Wie etwa konnte das Aramäische und sein Schriftsystem zu einer Weltsprache aufsteigen? Welche gesellschaftlichen Konstellationen beförderten das? Wie konnte es sich entlang von Handelsrouten ausbreiten? Für solche Fragen ist mein Kollege Holger Gzella, Co-Sprecher des Clusters, ein weltweit führender Experte.

Wichtig ist für uns auch die Verbindung der Schrift mit der Mündlichkeit. Welche mündlichen Überlieferungen gingen den Schriftfassungen, die uns erhalten sind, vermutlich voraus? Und vielleicht lässt sich da sogar eine Verbindung zur Gegenwart ziehen, einer aktuellen Situation, in der schriftliche Aufzeichnungen oft wieder stark mit der Mündlichkeit verbunden sind, in Chats und Kurznachrichten etwa.

Stichwort technologische Sprünge: Ein Querschnittsthema des Clusters ist der Einsatz von Digital Humanities. Welche Möglichkeiten der Analyse eröffnen KI-Verfahren für Ihre Forschung?

Bei der Analyse des Gilgamesch-Epos, einer der ältesten Dichtungen der Menschheit, kann man zum Beispiel für den stark fragmentarisch überlieferten Text durch KI die Wahrscheinlichkeiten berechnen lassen, wie die Lücken zu füllen und die Passagen zu ergänzen sind.

Und wir können dadurch heute auch viel größere Text-Corpora, auch solche, die sich lesend überhaupt nicht bewältigen ließen, bearbeiten und durchsuchen lassen auf bestimmte Fragestellungen hin. Das ist eine Möglichkeit, neue Erkenntnisse zu gewinnen und dann Statistiken auf der Basis sehr großer Textmengen aufzubauen. Wie etwa verteilen sich bestimmte Entwicklungen in Textgattungen über die Zeit? Kritik und Reflexion aus der Philologie lassen sich mit dem mathematischen Denken der Digital Humanities wunderbar verbinden. Darüber hinaus legen wir Editionen von vornherein digital an oder bauen digitale Publikationsstrategien auf. Auch so können wir die neuen Technologien nutzen – für unsere eigene philologische Praxis.

Zur Person

Professorin Beate Kellner ist Inhaberin des Lehrstuhls für Germanistische Mediävistik an der LMU München und Sprecherin des Exzellenzclusters „Cross-Cultural Philology”.

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