Femizide: Was historische Quellen über die Tötung von Frauen verraten
07.04.2026
LMU-Professorin Julia Burkhardt untersucht mit einem interdisziplinären Team Femizide im Mittelalter und der Frühen Neuzeit.
07.04.2026
LMU-Professorin Julia Burkhardt untersucht mit einem interdisziplinären Team Femizide im Mittelalter und der Frühen Neuzeit.
Warum töteten Männer Frauen und wie werden solche geschlechtsspezifischen Tötungen bewertet? Diesen Fragen geht Julia Burkhardt aus historischer Perspektive nach. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung des Spätmittelalters an der LMU und leitet am Center for Advanced Studies der LMU (CAS) eine interdisziplinäre Forschungsgruppe mit dem Titel „Femizid – Interdisziplinäre Annäherungen an ein globales historisches Phänomen“.
Sie blicken aus historischer Perspektive auf Femizide. Wie weit in der Geschichte lässt sich die gezielte Tötung von Frauen zurückverfolgen und welche Rückschlüsse lassen sich daraus ziehen?
Julia Burkhardt: Wir konzentrieren uns auf die Zeit ab dem 12. Jahrhundert bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. Bislang gibt es kaum systematische und vergleichende Forschung zu Femiziden im Mittelalter und der frühen Neuzeit, in diesem Sinne ist unser Projekt explorativ. Aber natürlich lassen sich auch frühere Beispiele für Femizide finden, wie etwa einzelne Studien aus den Altertumswissenschaften gezeigt haben.
In unserer Forschungsgruppe untersuchen wir geschlechtsspezifische Tötungen. Analytisch verwenden wir dafür in Anlehnung an soziologische und kriminologische Forschungen den Begriff „Femizid“: Wir verstehen darunter die durch Männer verübte Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts oder geschlechtsspezifischer Rollen. Vormoderne Beispiele dafür sind etwa partnerschaftliche Tötungen infolge von – vermeintlichem – Ehebruch oder die tödliche Züchtigung von Dienerinnen durch die ihnen übergeordneten Herren; und es gibt noch viele weitere mögliche Konstellationen.
Indem wir neben Opfer und Täter auch geschlechtsspezifische Rollen in der Gesellschaft oder soziale Erwartungen an Einzelpersonen und familiäre Gruppen berücksichtigen, können wir in vergleichender Perspektive strukturelle Bedingungen, Sanktionen sowie zeitgenössische Reflexionen erkennen und erklären.
Gab es bestimmte Bedingungen im Mittelalter, die dazu beitrugen, dass Femizide verübt wurden?
Erklärungen bieten gesellschaftliche Strukturen und soziale Hierarchien sowie zeit- und kontextabhängige Vorstellungen von Geschlecht, Rang und Herkunft. Entscheidend für unsere Arbeit ist es daher, geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf Rechte, Pflichten, soziale Anerkennung und Handlungsmöglichkeiten offenzulegen.
Eine zentrale Kategorie, für die wir bereits einschlägige Fälle identifizieren konnten, ist Kontrolle: Kontrolle über einen Partner oder einen Haushalt – verstanden als sozialer und rechtlicher Raum – sowie über eine Familie. Der Anspruch auf Kontrolle über eine Person konnte auch deren Körper und Leben betreffen.
Solche Beobachtungen führen uns aus der historischen Fallanalyse zu ganz grundsätzlichen Fragen: Welche Rolle spielten rechtliche Parameter und geschlechtsspezifische soziale Erwartungen bei Femiziden? Welche Befugnisse hatten Männer und Frauen zu einer bestimmten Zeit? Und worum ging es, wenn Frauen getötet wurden: Waren persönliche Motive ausschlaggebend oder sollte eine moralische oder soziale Position gesichert werden? Sollte das Recht auf Kontrolle, das Männer über ihre Familie beanspruchten, und ihre damit verbundene Rolle in der Gesellschaft aufrechterhalten oder demonstriert werden? Ging es darum, individuelle Vorstellungen von Maskulinität zu verteidigen?
Welche Quellen nutzen Sie, um Femizide historisch zu erforschen?
Wir arbeiten mit ganz unterschiedlichen Dokumenten: In Gesetzen und Rechtstraktaten wird zum Beispiel festgelegt bzw. diskutiert, welche Tötung wie sanktioniert werden sollte. Weitere Perspektiven eröffnen Chroniken, private Briefe, Predigten, bildliche Darstellungen, Bittschriften oder Petitionen.
Beispielsweise konnte man im Mittelalter Suppliken an das höchste Gnadenamt der Kurie, die sogenannte Pönitentiarie, richten, wenn man ein Problem hatte, das sich vor Ort durch den Pfarrer oder Bischof nicht lösen ließ. Etliche Männer sandten eine Bittschrift dorthin, weil sie ihre Frau getötet hatten und wieder heiraten wollten. Hintergrund solcher Suppliken war die Regelung, dass Männer nicht wieder heiraten durften, wenn sie ihre Ehefrau getötet hatten – es sei denn, sie erhielten einen Ablass und eine Ausnahmegenehmigung.
Aus diesem Grund begegnen wir in diesen Quellen selten Ausdrücken von Trauer oder Reue. Es handelte sich um Bittschriften, die formalen Vorgaben und einem spezifischen Ziel folgten. Dieses Beispiel zeigt, dass wir nicht mit vorgefertigten Erwartungen an historische Fälle gehen dürfen. Aus heutiger Sicht erwarten wir vielleicht die Bekundung von Bedauern. Aber zumindest in diesem Format war das nicht vorgesehen – was ja nicht heißt, dass es sie nicht gab.
Femizide gab es in vielfältigen sozialen Beziehungsgeflechten. Die Frage der ehelichen Treue, die etwa im Fall von Maria von Brabant und Ludwig II. zentral gewesen zu sein scheint, und das damit verbundene Kontrollrecht über die Partnerin spielte auch in anderen kulturellen Kontexten eine Rolle.Julia Burkhardt, Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung des Spätmittelalters an der LMU
Sie untersuchen im Rahmen der Forschungsgruppe Femizide aus globaler Perspektive. Welche Konstellationen und Regionen betrachten Sie?
Femizide gab es in vielfältigen sozialen Beziehungsgeflechten. Die Frage der ehelichen Treue, die etwa im Fall von Maria von Brabant und Ludwig II. zentral gewesen zu sein scheint, und das damit verbundene Kontrollrecht über die Partnerin spielte auch in anderen kulturellen Kontexten eine Rolle.
Allerdings ist partnerschaftliche Gewalt nur ein Aspekt des Themas Femizid. Es gibt darüber hinaus Beispiele, in denen Männer als Vorstand eines Haushalts ihre Magd oder Dienerin töteten. Mal bestand vielleicht eine sexuelle Verbindung, mal gab es vermeintliche Beanstandungen an der geleisteten Arbeit – in jedem Fall aber handelte es sich um ein asymmetrisches Verhältnis, aus dem einzelne Männer ein Verfügungsrecht über die in ihrem Dienst stehenden Frauen ableiteten.
In anderen Fällen wurden Töchter getötet oder andere Mitglieder der Familie bzw. des sozialen Umfelds. In unserer Gruppe untersuchen wir solche vielschichtigen Konstellationen für ganz unterschiedliche Regionen – wie zum Beispiel die Kanarischen Inseln im Spätmittelalter, China im 15. Jahrhundert oder Italien und Mexiko in der Frühen Neuzeit.
Häufig können wir nicht mehr exakt rekonstruieren, was passiert ist. Aber wir können nachvollziehen, wie die Menschen darüber gesprochen und geschrieben haben, wie sie damit ihre eigenen gesellschaftlichen Prägungen verarbeitet haben und welche Funktionen die Erzählungen von Femiziden erfüllten.Julia Burkhardt, Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung des Spätmittelalters an der LMU
Wie fügen Sie unterschiedliche Quellen und Aussagen wie beim Fall von Luitgard zusammen?
Häufig können wir nicht mehr exakt rekonstruieren, was passiert ist. Aber wir können nachvollziehen, wie die Menschen darüber gesprochen und geschrieben haben, wie sie damit ihre eigenen gesellschaftlichen Prägungen verarbeitet haben und welche Funktionen die Erzählungen von Femiziden erfüllten. Das lässt Aussagen über die Strukturen historischer Gemeinschaften, über Vorstellungen von Verantwortung, Schuld und Strafe sowie über soziale Transformationsprozesse zu.
Jede Erzählung hatte ihre eigene Funktion. Es geht bei der Analyse folglich nicht immer um die kriminalistische Ermittlung von „Wahrheit“. Vielmehr konnte die Funktion solcher Erzählungen eine Plausibilisierung sein, also ein Versuch zu erklären, warum ein Mann auf einmal Witwer wurde und warum bzw. wie seine Frau zu Tode kam. Aber natürlich konnten solche Erzählungen auch als Abschreckung dienen, als Erinnerung an die Tat oder als Rechtfertigung. Das ist genau der Punkt, an dem wir den Begriff Femizid historisch fruchtbar machen können: Wir machen auf gesellschaftliche und kulturelle Kontexte aufmerksam, die bislang in der Forschung nicht beachtet wurden.
Unser Anspruch ist es, die breite gesellschaftliche Dimension von Femiziden in unterschiedlichen historischen Kontexten sichtbar zu machen.Julia Burkhardt, Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung des Spätmittelalters an der LMU
Inwiefern ist es für heute relevant, wenn Sie Femizide in historischer Perspektive untersuchen?
Unser Anspruch ist es, die breite gesellschaftliche Dimension von Femiziden in unterschiedlichen historischen Kontexten sichtbar zu machen. Wir sammeln ohne Anspruch auf Vollständigkeit Fälle und dokumentieren so zunächst einmal, dass es geschlechtsspezifische Tötungen in unterschiedlichen Zeiten und Kontexten gab. Durch ihre Erforschung – die immer in Abhängigkeit von den jeweiligen sozialen Konstellationen erfolgt – können wir dazu beitragen, bestehende Definitionen oder Theorien zu überprüfen. Im Vergleich historischer Fälle mit aktuellen Positionen und Entwicklungen in der Forschung lassen sich bestimmte, jeweils zeit- und kontextbedingte Muster beobachten: nicht nur Täter-Opfer-Konstellationen, sondern auch gesellschaftliche Reaktionen und rechtliche Sanktionen.
Natürlich sind die gesellschaftlichen Strukturen und Hierarchien heute andere. Aber wir können mittels der historischen Perspektive auf Problemlagen aufmerksam machen, die man bisher nicht beachtet hat.
Im Rahmen der CAS Research Group untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen Umstände und gesellschaftliche Reflektionen von Femiziden in der Zeit von 1200 bis 1700. Im interdisziplinären Austausch suchen die Forschenden nach Mustern in gesellschaftlichen Konstellationen in verschiedenen Kontexten.
Ein Ziel der gemeinsamen Arbeit ist, eine Publikation zu veröffentlichen, die historische Fallbeispiele anhand ihrer Quellen darstellt und öffentlich zugänglich macht. „Damit schaffen wir einen Materialpool, der beispielsweise für die Lehre an Universitäten oder vielleicht sogar Schulen geeignet ist“, sagt Julia Burkhardt.
beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Politik-, Kultur- und Geschlechtergeschichte in Mittelalter und früher Neuzeit. | © T. Hauzenberger
Prof. Dr. Julia Burkhardt ist Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung des Spätmittelalters an der LMU.
Julia Burkhardt studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Politikwissenschaft sowie Osteuropäische Geschichte in Heidelberg und Warschau. 2011 wurde sie an der Universität Heidelberg promoviert. 2018 habilitierte sie sich mit einer Edition und Auswertung des „Bienenbuchs“ von Thomas von Cantimpré. Nach einer Vertretungsprofessur in Bonn wurde sie 2020 an die LMU berufen.
Im akademischen Jahr 2025/26 leitet Julia Burkhardt eine Forschungsgruppe zum Thema „Femizid in der Vormoderne“ am CAS.