Inklusion: Mit geistiger Behinderung studieren und lehren
27.07.2026
Menschen mit geistiger Behinderung profitieren besonders von neuen Technologien wie KI und Robotik, zeigt LMU-Forscher Peter Zentel. An der LMU startet ein Projekt, das Wege zu einem Bildungsprogramm an der Hochschule eröffnet.
Ende Juli 2026 ist LMU-Forscher Peter Zentel Gastgeber des IASSIDD-Kongress, der Inklusion voranbringen und Sichtbarkeit für die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung schaffen möchte. IASSIDD ist eine der weltweit führenden wissenschaftlichen Organisationen auf dem Gebiet der geistigen und entwicklungsbedingten Behinderungen. Sie beschäftigt sich nicht nur mit Gesundheit, Bildung, Lebensqualität, sondern auch mit den Chancen und Risiken moderner Technologien.
Richtig verstanden und selbstständiger werden mithilfe von KI
Peter Zentel trägt mit seiner Forschung dazu bei, das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung zu verbessern. An seinem Lehrstuhl für Pädagogik bei geistiger Behinderung einschließlich inklusiver Pädagogik setzt er dafür auch auf neue Technologien. Gerade für Menschen mit komplexen Behinderungen haben diese besondere Relevanz: Weil ihre Kommunikationsmöglichkeiten häufig eingeschränkt sind, profitieren sie besonders von digitalen Tools und Künstlicher Intelligenz.
Wenn Sie die Anzeige des Videos aktivieren, werden Ihre personenbezogenen Daten an YouTube übertragen und möglicherweise auch Cookies auf Ihrem Gerät gesetzt. Wir haben keinen Einfluss auf eine etwaige Datenübertragung und deren weitere Verwendung.
In der Regel kommunizieren Menschen mit komplexen Behinderungen nicht über Sprache oder konventionelle Gesten wie Nicken oder Kopfschütteln, sondern mithilfe sehr individueller Ausdrucksformen, die meist nur Vertraute verstehen. Ihre Interessen werden oft nicht wahrgenommen, ihre Bedürfnisse nicht gesehen. Unser Wunsch ist, dass sich das ändert.
Peter Zentel, Lehrstuhl für Pädagogik bei geistiger Behinderung einschließlich inklusiver Pädagogik
„In der Regel kommunizieren Menschen mit komplexen Behinderungen nicht über Sprache oder konventionelle Gesten wie Nicken oder Kopfschütteln, sondern mithilfe sehr individueller Ausdrucksformen, die meist nur Vertraute verstehen.“
Das Erleben der Betroffenen sei davon geprägt, nicht verstanden zu werden. „Ihre Interessen werden oft nicht wahrgenommen, ihre Bedürfnisse nicht gesehen. Unser Wunsch ist, dass sich das ändert. Wir möchten, dass sie mehr Selbstwirksamkeit empfinden und spüren, dass ihre Bedürfnisse gesehen und richtig interpretiert werden.“
Peter Zentel setzt in seiner Forschung auf die unterstützende Kraft technischer Assistenzsysteme. Er hofft, die Bedürfnisse von Menschen mit komplexen Behinderungen nicht nur erkennen, sondern mit einer Smart-Home-Technologie verknüpfen zu können und den Betroffenen so mehr Selbständigkeit im Alltag zu ermöglichen. Das Licht einschalten, einen Rollladen runterlassen oder einen Notruf auslösen, ohne auf sprachliche Kommunikation angewiesen zu sein: Das wäre ein deutlicher Zugewinn an Selbstständigkeit und Teilhabe im Alltag.
Unterstützen kann hier zum Beispiel Künstliche Intelligenz, und das auf vielfältige Weise: Etwa, wenn komplizierte Texte blitzschnell in einfache Sprache übersetzt werden. Oder wenn Buchstaben, Wörter und Sätze ergänzt werden, falls Körperbehinderungen das Schreiben erschweren.
An Zentels Lehrstuhl haben LMU-Forschende bereits im Rahmen eines EU-Projekts Gestik, Mimik, Hautleitwert, Herzrate und Temperatur von Probanden gemessen und die Daten mit Hilfe von KI ausgelesen. So lässt sich auf die Befindlichkeit eines Menschen rückschließen, der sich selbst nicht äußern kann.
Die Risiken dieser Technologien allerdings liegen auf der Hand. Was, wenn die KI schief liegt? Die Übersetzung unzulässig vereinfacht? Der geschriebene Text auf falschen Schlüssen beruht? Die gemessenen Daten missverstanden werden? Und wo bleibt die „Agency“, also die Selbstbestimmtheit und Handlungsmacht des Einzelnen, wenn die KI Entscheidungen trifft? Eine eigene Keynote des LMU-Philosophen Benjamin Lange auf dem Kongress widmet sich darum dem Thema „Ethics and AI“.
Mit geistiger Behinderung studieren und lehren
Auch inklusive Forschung steht auf dem Programm des Kongresses. Am Lehrstuhl selbst ist sie längst Realität. Seit drei Jahren beteiligt Zentel Menschen mit geistiger Behinderung als Expertinnen und Experten in eigener Sache an Lehre und Forschung. Über die eigene Behinderung nachdenken; Teil eines Forschungsprojekts sein; die persönliche Perspektive einbringen können: Das spreche viele betroffene Menschen an, sagt Zentel.
„Kürzlich hat ein junger Mann mit geistiger Behinderung im Seminar erzählt, was für eine unglaublich positive und bereichernde Erfahrung es für ihn sei, an der Uni zu lernen. Nie hätte er das für möglich gehalten. Er sagte, dass er die Zusammenarbeit mit den Studierenden genießt und ihre Freundlichkeit und Offenheit schätzt. Das hat mich sehr berührt.“
Das Mitwirken von Menschen mit geistiger Behinderung ist eine Bereicherung für die Uni
Peter Zentel, Lehrstuhl für Pädagogik bei geistiger Behinderung
Auch seine Studierenden würden von der Zusammenarbeit profitieren. „Das Mitwirken von Menschen mit geistiger Behinderung ist eine Bereicherung für die Uni“, sagt Zentel. Beim Kongress, der partizipativ und für alle Personen offen ist, bringen sich LMU-Studierenden im Rahmen eines Buddyprogramms ein, um Teilnehmende mit Behinderung zu begleiten und gegebenenfalls zu unterstützen.
Zum Auftakt des Kongresses wird es eine inklusive Tanzperformance geben, die der Choreograf Alan Brooks mit Studierenden erarbeitet hat. Auch das spiegelt den Zugang von LMU-Wissenschaftler Peter Zentel wider: „Bei uns am Lehrstuhl ist der künstlerische Aspekt sehr wichtig“, sagt Zentel, der dafür bereits ausgezeichnet worden ist, etwa für seine Zusammenarbeit mit den Münchner Symphonikern und den Kammerspielen.
Wir wollen neue Wege eröffnen, damit Menschen mit geistiger Behinderung einen Zugang zu Hochschulen erhalten und dort ihre Fähigkeiten entwickeln und auch einbringen können.
Margit Weber, Vizepräsidentin für Chancengerechtigkeit, Talentförderung und Diversität an der LMU
Künftig sollen die Türen für Inklusion an der LMU noch weiter geöffnet werden. „Die LMU als besonderen Bildungsort zugänglich zu machen: Davon träume ich schon lange“, sagt Peter Zentel. Unterstützung erhält er dabei von Dr. Margit Weber, Vizepräsidentin für Chancengerechtigkeit, Talentförderung und Diversität an der LMU. „Uns geht es darum, den Hochschulzugang für Menschen mit geistiger Behinderung zu ermöglichen – jenseits der herkömmlichen Vorstellung von formalen Voraussetzungen und Abschlüssen“, erklärt Margit Weber.
„Wir wollen neue Wege eröffnen, damit Menschen mit geistiger Behinderung einen Zugang zu Hochschulen erhalten und dort ihre Fähigkeiten entwickeln und auch einbringen können.“ Ein deutschlandweit einmaliges Projekt dazu soll im Herbst 2026 starten. Es ist Teil eines Aktionsplans, den Margit Weber an der LMU verfolgt. Das Ziel: durch Inklusion zur Exzellenz der LMU beizutragen.