Interdisziplinär und international: Neues Fach Nachhaltigkeit an der LMU
12.06.2026
Ein neues Bachelor-Nebenfach bringt ab dem Wintersemester 2026/27 Nachhaltigkeit in viele Fächer – mit Praxisprojekten und globalen Perspektiven.
12.06.2026
Ein neues Bachelor-Nebenfach bringt ab dem Wintersemester 2026/27 Nachhaltigkeit in viele Fächer – mit Praxisprojekten und globalen Perspektiven.
© LMU/Andres Chuquisengo
Was hat ein Musikwissenschaftsstudent mit Nachhaltigkeit zu tun? Oder eine Studentin der Soziologie, die später in der Unternehmensberatung arbeitet? Ziemlich viel. Nachhaltigkeit bedeutet längst mehr als Klimaschutz. Dabei geht es etwa um die Frage, wie Institutionen langfristig planen, Industrien ressourcen-effizient arbeiten oder wie gesellschaftlicher Wandel vermittelt wird. Da Nachhaltigkeitsfragen in vielen Berufsfeldern eine Rolle spielen, startet an der LMU ein neues Angebot: Ab dem Wintersemester 2026/27 können Bachelorstudierende Nachhaltigkeit parallel zu ihrem Hauptfach studieren – über sechs Semester hinweg und in zwei Varianten mit 30 oder 60 ECTS-Punkten. Der Einstieg ist jährlich zum Wintersemester möglich, unterrichtet wird auf Deutsch und Englisch.
„Wir hatten schon vor Jahren das Gefühl, dass Nachhaltigkeit ein breiteres Standbein in der Universitätsausbildung haben muss“, sagt Ralf Ludwig, Professor für Angewandte Physische Geographie und Umweltmodellierung und Leiter des Programms „el mundo - Nachhaltigkeit in Studium und Lehre“ an der LMU. Erfahrungen aus einem Zertifikatsprogramm und dem Erweiterungsfach im Lehramt belegen: Das Interesse ist groß. Freiwillige Zusatzangebote erreichten allerdings oft vor allem ohnehin stark motivierte Studierende. „Wir wollten aber alle erreichen“, unterstreicht Ludwig, „auch die, die das Thema erst für sich entdeckt haben und vertiefen wollen“. Ein Nebenfach schaffe dafür bessere Voraussetzungen, auch für die spätere Berufstätigkeit. Je nach Hauptfach könne das durch das mit dem Nebenfach geschärfte Nachhaltigkeitsprofil auch Türen öffnen, zum Beispiel in Kommunen, Unternehmen, Verbänden oder Kulturinstitutionen.
Gerade jetzt sei der richtige Zeitpunkt dafür, meint Ludwig, Chief Sustainability Officer der LMU. Klimakrise, Kriege, soziale Ungleichheit oder wirtschaftliche Unsicherheiten machten deutlich, wie eng globale Herausforderungen zusammenhängen. Gleichzeitig werde viel über Nachhaltigkeit gesprochen – schwieriger sei jedoch der Schritt ins Handeln. Das Nebenfach soll bewusst Studierende unterschiedlichster Fachrichtungen zusammenbringen. Insgesamt kann es zu Beginn des Programms mit 29 Bachelor-Hauptfächern kombiniert werden, von Geographie und Soziologie bis Musikwissenschaft oder Ägyptologie; weitere Kombinationsmöglichkeiten werden folgen. Am Lehrveranstaltungsangebot beteiligen sich 16 Fächer aus acht Fakultäten – eine Konstellation, die es an der LMU so bislang nicht gab.
Die Vielfalt der Zugänge zu Nachhaltigkeit aus den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften ist absolut wertvoll.Lea Antony, Studiengangskoordinatorin Nebenfach Nachhaltigkeit
Ganz einfach war die Entwicklung nicht. Für ein Nebenfach, das so viele Disziplinen vereint, brauchte es zunächst viele Gespräche darüber, warum und wie Nachhaltigkeit auch dort eine Rolle spielt, wo man sie nicht sofort vermutet, sagt die Studiengangskoordinatorin Lea Antony. Für sie war genau das die Besonderheit: „Die Vielfalt der Zugänge zu Nachhaltigkeit aus den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften ist absolut wertvoll.“ Gerade dieser Austausch habe gezeigt, wie breit das Thema heute schon verstanden wird.
Aus diesem Grund wird großer Wert auf die Offenheit des Programms gelegt. Im Studium beginnt zwar zunächst alles gemeinsam: In Pflichtmodulen und Ringvorlesungen geht es um Grundlagen der Nachhaltigkeit, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) und aktuelle Debatten – von Klimawandel und Biodiversität bis zu Gesundheit, Demokratie und sozialer Ungleichheit, alles mit den Grundsätzen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Blick. Danach öffnet sich das Feld. Die Studierenden können Veranstaltungen aus unterschiedlichen Bereichen kombinieren. Je nachdem, ob sie sich eher für ethische Fragen, nachhaltige Stadtentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit oder wirtschaftliche Zusammenhänge interessieren. Ergänzt wird das Angebot durch Exkursionen, Geländeseminare und Wissenschaftskommunikation.
Es geht darum, nicht nur über Zukunft zu reden, sondern Teil davon zu sein.Ralf Ludwig, Chief Sustainability Officer der LMU
Besonders greifbar wird das Nebenfach im sogenannten Service Learning, einem Lehr-Lern-Format, das akademisches Lernen mit gesellschaftlichem Engagement verbindet. Studierende arbeiten dabei an realen Projekten mit Kommunen, Nichtregierungsorganisationen oder sozialen Einrichtungen zusammen. Nachhaltigkeit soll nicht abstrakt bleiben, sondern praktisch erfahrbar werden.
Mit Studierenden im Zertifikatsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung im Lehramt“ wurde Service Learning bereits erprobt: Beispielsweise entwickelte ein Studierenden-Team gemeinsam mit einer Stadtverwaltung Ideen, wie man die Bedeutung von Biodiversität für verschiedene Zielgruppen sicht- und begreifbar macht. „Die Studierenden leisten selbstbestimmt einen konkreten Beitrag zur nachhaltigen Transformation und lernen, mit auftretenden Herausforderungen umzugehen“, erzählt Antony. Dabei profitierten alle vom wechselseitigen Wissenstransfer und einer positiven Fehlerkultur.
Ein weiterer Bezugspunkt für die Gestaltung des Studienfachs sind die sogenannten Inner Development Goals (IDGs). Dahinter steckt die Idee, dass nachhaltige Entwicklung nicht nur Wissen braucht, sondern auch Fähigkeiten wie Zusammenarbeit, Perspektivwechsel, Sinnstiftung, Empathie und Mut. Sie ergänzen die Nachhaltigkeitsziele der UN. Es geht also nicht nur darum, was erreicht werden soll, sondern auch wie Menschen dazu befähigt werden. Ludwig sieht darin eine Kernaufgabe von Hochschulen: „Universitäten konzentrieren sich auf fachliches Wissen.“ Für ihn ist Nachhaltigkeit aber weit mehr als nur Wissensvermittlung, sondern auch eine Haltung und die Befähigung zur Gestaltung: „Es geht darum, nicht nur über Zukunft zu reden, sondern Teil davon zu sein.“