Kampagnen gegen den Terror: Wer hat etwas beobachtet? Und wer nichts gemeldet?
07.09.2026
9/11 hat die Wachsamkeit der Bevölkerung verändert. Ein Interview mit Historiker Arndt Brendecke über die Folgen
07.09.2026
9/11 hat die Wachsamkeit der Bevölkerung verändert. Ein Interview mit Historiker Arndt Brendecke über die Folgen
Nach dem Anschlag auf das World Trade Center gab es Aufrufe an die Bevölkerung, wachsam gegenüber möglicher terroristischer Bedrohung zu sein. Welche sind Ihnen besonders in Erinnerung?
Arndt Brendecke: Die berühmteste Kampagne ist „If you see something, say something”, die am Tag nach den Anschlägen von einem Werbemacher namens Allan Kay erfunden wurde. Er wollte damit, so sagte er später in Interviews, zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der angegriffenen Stadt beitragen. Auch die Sicherheitsbehörden wollten die Aufmerksamkeit der Bevölkerung in die Terrorabwehr mit einbeziehen. Die Kampagne wurde 2010 nationalweit aufgegriffen.
Solche Kampagnen bergen die Gefahr, dass sich ein Bedrohungsgefühl und Stereotype in der Bevölkerung verstärken.Arndt Brendecke , Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der LMU
Wie wurde dieser Aufruf aufgenommen?
Der Slogan ist unscharf, weil es um „something“ geht, ein Unbestimmtes. Das hat eine gewisse Stärke, weil auf diese Weise unterschiedliche und auch überraschende Wahrnehmungen mit einbezogen werden können und nicht definiert ist, in welcher Gestalt oder mit welchen Zeichen sich ein bevorstehender Terror zeigen könnte.
Diese Offenheit hat also eine Funktion. Sie hat aber auch den Nachteil, dass der Slogan extrem unspezifisch ist. Solche Kampagnen bergen die Gefahr, dass sich ein Bedrohungsgefühl und Stereotype in der Bevölkerung verstärken. Zum Beispiel wurden Männer mit Bärten angezeigt, die eine Plastiktüte in der Hand hatten. Es wurde dann versucht, den Aufruf zu konkretisieren, zum Beispiel mit der Ansage „Achten Sie auf Gepäck“ – welche wir in anderer Form von Flughäfen kennen. Aber das ist dann wieder so spezifisch, dass auch Terroristen wissen, was Umstehende alarmieren würde.
ist Sprecher des Sonderforschungsbereichs Vigilanzkulturen. | © LMU/Stephan Höck
Gab es in Europa ähnliche Aufrufe?
Die Kampagnen in Europa waren anders. In Großbritannien gibt es eine mit einem ähnlichen Slogan – „See it. Say it. Sorted.“ –, die aber weniger auf Terrorabwehr als auf Kriminalität und störendes Verhalten auf Bahnhöfen abzielt.
Andere Länder, die von Terror betroffen waren – zum Beispiel gab es in Spanien 2004 den Anschlag auf die Vorortzüge im Madrider Bahnhof Atocha oder auch Frankreich – haben keine vergleichbaren Kampagnen zur Aktivierung der Aufmerksamkeit der Bevölkerung hervorgebracht, sondern mit institutioneller Präsenz und technologischer Aufrüstung reagiert. Das heißt etwa, dass man mehr bewaffnete Polizei auf den Straßen sieht. Zusätzlich wurde ein Ampelsystem etabliert, über das versucht wird, den aktuellen Grad der Terrorgefahr anzuzeigen. Interessanterweise tritt hier der Staat in die Rolle des Wächters ein, während bei der US-amerikanischen Kampagne der Staat das zwar auch tut, aber zugleich die Bürger auffordert, daran zu partizipieren und selbst zu Wächtern zu werden.
Gibt es Erklärungen dafür, warum das so verschieden gehandhabt wird?
Ich würde schon sagen, dass hier Unterschiede der politischen Kulturen erkennbar werden. In der politischen Kultur der USA ist die Erwartung stärker ausgeprägt, dass Bürgerinnen und Bürger Aufgaben übernehmen, die in den genannten europäischen Ländern primär dem Staat zugeschrieben werden. In der älteren staatlichen Tradition Europas gibt es eine stärkere Trennung zwischen institutionellen Aufgaben und privaten Rollen.
Angst vor Terror war nach 9/11 auf einmal dabei, wenn man die U-Bahn nahm, ins Flugzeug stieg. Die Anschläge sind 25 Jahre her, aber die Angst ist nie ganz verschwunden. Liegt das auch an solchen Kampagnen?
Das Geben einer Möglichkeit, sich zu beteiligen, stellt zunächst einmal einen Modus bereit, mit dieser Angst aktiv umzugehen. Angst in Handlung zu übersetzen, ist potenziell eine Entlastung. Der paradoxe Effekt von Kampagnen der Wachsamkeit ist allerdings, dass sie dazu tendieren, wachsame Haltungen auf Dauer zu stellen, also die Entlastung nicht zulassen. Die Bedrohung wird perpetuiert und die Bürgerinnen und Bürger werden aus ihrer Wächterrolle nicht mehr verabschiedet. Es heißt ja auch entsprechend „Stay vigilant“, also bleiben Sie wachsam.
Es ist eher eine Frage des Zeitverlaufs, ob sich spezifische Bedrohungen relativieren. Wenn dann ein neues Ereignis, ein neuer Anschlag hinzukommt, was in den USA ja der Fall war – der Anschlag 2013 in Boston auf den Marathon – werden die Ängste wieder aktiviert. Dann wird erneut gefragt: Wer hat etwas gesehen oder hätte etwas sehen können? Und wer hat vielleicht etwas nicht gemeldet?
Können solche Kampagnen also auch zu Verunsicherung in der Gesellschaft führen?
Ja. Man könnte das als eine Sekundärgefahr betrachten. Um eine Gefahr erster Ordnung, eine Terrorbedrohung, zu bekämpfen, wird in Kauf genommen, dass Sekundärgefahren auftreten. Das kann ein notorisches Bedrohungsgefühl sein, das paranoide Züge annimmt, oder eine Verstärkung von Stereotypen. Kritiker sagen, dass sich auf diese Weise Institutionen und der Staat in ihrer Rolle als Schützer der Bevölkerung neu legitimieren können und etwa die Aufrüstung von Überwachungstechnologien oder polizeilicher Präsenz rechtfertigen.
Die Folgen sind also nicht einfach nur positiv oder negativ. Und die Frage ist auch, wie effizient solche Kampagnen sind: Haben sie Terroranschläge vereitelt? Für die USA lässt sich sagen, dass 2010 ein Terroranschlag auf dem Times Square mit großer Wahrscheinlichkeit vor dem Hintergrund der Kampagne verhindert wurde. Das ist aber nur ein Fall. Die meisten Fälle lassen sich nicht gut bewerten, etwa weil sie früh aufgedeckt wurden.
Solche Appelle an die Wachsamkeit haben eine enorm lange Geschichte und sie haben kulturelle Voraussetzungen, etwa dahingehend, wie wir die Pflichten eines religiösen oder zivilen Subjektes verstehen.Arndt Brendecke, Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der LMU
Sie sind Historiker. Gab es solche Kampagnen auch in früheren Epochen?
Ja, und genau deshalb ist der Sonderforschungsbereich Vigilanzkulturen der LMU stark historisch angelegt: Solche Appelle an die Wachsamkeit haben eine enorm lange Geschichte und sie haben kulturelle Voraussetzungen, etwa dahingehend, wie wir die Pflichten eines religiösen oder zivilen Subjektes verstehen. Um ein extremes Beispiel zu nennen: Bereits im siebten Jahrhundert vor Christus ließ der assyrische König Asarhaddon einen Eid ablegen, in dem es heißt: „Solltet ihr unpassende Äußerungen über die Königsherrschaft hören, kommt zum Hof und berichtet.“ Es ist strukturell die gleiche Sequenz wie bei Allan Kay: Der erste Teil ist eine Aufforderung, eine Gefahr zu beobachten, und der zweite Teil ist die Aufforderung, die Beobachtung zu kommunizieren. Nur über diese Formeln lässt sich die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für ein übergeordnetes Ziel funktional machen, sei es Terrorabwehr oder Aufrechterhaltung einer bestimmten Herrschaft.
Im Grunde kann man zeigen, dass staatliche Institutionen nie unabhängig von der Aufmerksamkeit von Bürgerinnen und Bürgern funktionierten, was die Frage aufwirft, wo eigentlich die Grenze zwischen Privatheit und Staat verläuft.
Die Aktivierung privater Aufmerksamkeit über Gefahrenkommunikation entfesselt Imagination in einer kaum kontrollierbaren Weise, etwa dahingehend, dass man andere Personen mit der Überlegung mustert, ob sie Terroristen sind. Das hat etwas Paranoides.Arndt Brendecke, Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der LMU
Hat die Kampagne das gesellschaftliche Miteinander geändert?
In den USA lassen sich eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft und eine stark angstbasierte Form der Art und Weise beobachten, wie Politik gemacht wird. Man muss aber einschränken, dass wir über keine Kontrollwelt ohne 9/11 oder ohne Wachsamkeitskampagne verfügen. Da Geschichte nur einmal abläuft und hochgradig komplex ist, lassen sich die Ursachen für Polarisierung und angstbasierte Politik nicht unzweifelhaft einer Ursache zuschreiben.
Was man aber am Fall von 9/11 und an ähnlichen historischen Kampagnen, etwa religiösen Kampagnen zur Beobachtung von Fehlglauben, beobachten kann, ist, dass sie die Imagination der Gesellschaft anregt und politisiert: Für 9/11 hat dies eine Künstlergruppe mit dem Slogan „If you fear something, you‘ll see something“ auf den Punkt gebracht: Die Aktivierung privater Aufmerksamkeit über Gefahrenkommunikation entfesselt Imagination in einer kaum kontrollierbaren Weise, etwa dahingehend, dass man andere Personen mit der Überlegung mustert, ob sie Terroristen sind. Das hat etwas Paranoides. Es codiert unsere Blicke mit einem Muster des Misstrauens und des Verdachts, und damit auch das soziale Gefüge.
Dass wirklich alle mitmachen müssen, hat eine Variante der Kampagne in den USA zum Ausdruck gebracht: „There are 16 Million eyes in the city. We are counting on all of them.” Da sieht man ein ganzes Plakat voller Augen. Es transportiert die Vorstellung, dass wir als Bürgerin und Bürger alle in der Pflicht sind, unseren Beitrag zur Sicherheit zu leisten. Die Entfesselung gesellschaftlicher Imagination gipfelte schließlich in dem Slogan „Trust your instincts“. Sobald man meint, irgendetwas fühle sich anders an, soll man das schon melden. Aber wie oft kann man etwas als merkwürdig empfinden? Was das mit Gesellschaften macht, ist eine interessante Frage.
Prof. Dr. Arndt Brendecke ist Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der LMU, Sprecher des Sonderforschungsbereichs Vigilanzkulturen und Principal Investigator im Exzellenzcluster „Cross-Cultural Philology“. In seiner eigenen Forschung beschäftigt sich Brendecke unter anderem mit der Geschichte des kolonialen Lateinamerika.
Im Sonderforschungsbereich Vigilanzkulturen untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen Fragen der Aufmerksamkeit in unterschiedlichen historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten. Die Zeitspanne reicht vom Assyrischen Reich bis in die Gegenwart. So werden in Teilprojekten zum Beispiel die Durchsetzung von Kleiderordnungen im Mittelalter, literarische Dynamiken von Beobachtung oder Veränderungen der indigenen Wachsamkeit durch Drohnentechnologie in Amazonien untersucht. In Formaten wie dem „History Club“, der sich an Schülerinnen und Schüler richtet, werden die Ergebnisse in die Gesellschaft getragen.
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