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Kulturerbe ist mehr als Pyramiden und Paläste

20.10.2026

Im Oktober berät das Fachkomitee Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission an der LMU über Neuaufnahmen ins bundesweite Verzeichnis. LMU-Kulturwissenschaftler und Komiteemitglied Manuel Trummer erklärt, wie man den Status erlangen kann.

Herr Professor Trummer, was versteht man eigentlich unter immateriellem Kulturerbe?

Trummer: Immaterielles Kulturerbe ist eine Kategorie, die sich vor allem auf lebendige Kulturformen im Sinne von Wissen, Können und Praxis konzentriert. Sie wurde seit 2003 auf UNESCO-Ebene in Ergänzung zum materiellen Welterbe eingeführt. Dabei geht vor allem darum, Menschen selbst die Möglichkeit zu geben, zu entscheiden, wie sie sich als Gruppe repräsentieren wollen und welche Kulturformen sie in die Zukunft tragen wollen.

Können Sie Beispiele für diese Kulturformen in Deutschland nennen?

Im nationalen Verzeichnis vertreten ist zum Beispiel die Techno-Kultur in Berlin, die schon seit der Wendezeit die Kultur und das Bild der Stadt entscheidend mitprägt und nicht nur eine entsprechende historische, sondern auch politische Bedeutung hat.

Auch der Chinesenfasching in Dietfurt im Altmühltal gehört dazu – eine Brauchform, die sich vor allem ab den 1950er-Jahren etabliert hat und heute ein internationales Begegnungsfest ist, zu dem jedes Jahr eine Delegation aus China anreist.

Ein weiteres Beispiel sind die Queichwiesen in Rheinland-Pfalz. Dort wird ein traditionelles System der Wiesenbewässerung genutzt und gemeinschaftlich im Rahmen einer Allmende organisiert und betrieben. Seit vielen Jahren ist diese Zusammenarbeit auch eine kleine Schule für Partizipation und Demokratie geworden.

Prof. Dr. Manuel Trummer sitzt auf einem Stuhl vor einer Bücherwand

Professor Manuel Trummer ist seit 2025 Inhaber des Lehrstuhls Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU.

Der Experte für Immaterielles Kulturerbe entwickelt in einem aktuellen Projekt ein Monitoring-System, um Menschen vor Ort dabei zu unterstützen, sich über ihr Kulturerbe auszutauschen und dieses selbstständig weiterzuentwickeln. Geplant ist, ein entsprechendes System im ländlichen Raum zu etablieren.

© Alexandra Glöckl

Sie sagten, beim Immateriellen Kulturerbe trifft nicht zuerst die UNESCO die Auswahl, sondern die Menschen, die Kulturformen repräsentieren?

Genau. Mit dem Konzept des Immateriellen Kulturerbes hat die UNESCO das klassische Top-Down-Konzept, bei dem Expertinnen und Experten oder Personen aus der Politik entscheiden, was schützenswert ist, gewissermaßen auf den Kopf gestellt. Vielmehr werden die Menschen vor Ort in den Mittelpunkt gerückt und aufgefordert, zu entscheiden, was für ihre Gruppe und Kultur bewahrenswert ist.

Der Fokus hat sich damit verschoben: weg von herausragenden materiellen Meisterwerken der Menschheit, denen die UNESCO einen ‚Outstanding Universal Value‘, also einen universellen Wert zuschreibt, hin zu Aspekten der kulturellen Repräsentation, bei der die Ausführenden selbst entscheiden, was ihnen wichtig ist.

Die Kategorie des Immateriellen Kulturerbes wurde 2003 eingeführt, also mehrere Jahrzehnte nach der Welterbekonvention der UNESCO. Welche Überlegungen standen hinter dieser Entscheidung?

Die Welterbe-Konvention aus den 1970er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war von einem eurozentristischen Kulturverständnis geprägt. Die Welterbestätten konzentrierten sich auf Europa. Es gab auch Stätten in China, das als alte Zivilisation der Menschheitsgeschichte im europäischen Bildungskanon anerkannt war, ebenso einige Stätten in Mittel- und Südamerika. Afrika hingegen war ein weitgehend blinder Punkt.

Dieser Blick hat sich aber aus verschiedenen Gründen geändert. Immer mehr Stimmen stellten die Frage, ob das klassische Konzept vom Welterbe wirklich auch weltweit gültig sein kann und woran sich der universelle Wert von Kultur überhaupt bemisst. Es sollte auch darum gehen, dass Kulturformen, die nicht dem bisherigen europäisch dominierten Verständnis von Welterbe entsprachen, etwa Holzarchitektur in Japan oder Lehmbauten in Westafrika, und vor allem die damit verbundenen Wissensbestände und Praxen eine Chance bekommen, als schützenswert anerkannt zu werden.

Menschenmenge bei einem großen elektronischen Musikevent vor einer imposanten Bühne mit blau-türkiser Beleuchtung, weißen Lichtstrahlen und herabfallendem blauem Konfetti. Zahlreiche Besucher jubeln und halten ihre Smartphones in die Höhe, während die spektakuläre Lichtshow die Halle erhellt.

Von Techno-Kultur über Faschingsbrauchtum bis hin zu historischen Bewässerungskulturen reichen die Beispiele für Immaterielles Weltkulturerbe.

© IMAGO/Vlad Bereholschi

Sie haben bereits von einer Demokratie-Schule gesprochen. Welche Rolle spielt dieser gemeinschaftliche, demokratische Aspekt bei der Auswahl der Projekte?

Das ist eine ganz zentrale Frage, weil sie zum Kern der UNESCO führt. Diese wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Ein wichtiger Satz in ihrer Verfassung besagt, dass Kriege im Geist des Menschen entstehen, um sie zu verhindern, müsse man genau dort ansetzen – beim Geist der Menschen. Die entscheidende Rolle spielt dabei die Kultur, die Menschen über Bildung, über Gemeinsamkeiten zusammenführt, Grenzen übersteigt und ins Gespräch bringt, um so zu einem den Frieden sichernden Element zu werden.

Genau diesen Gedanken finden wir jetzt auch beim Immateriellen Kulturerbe. Es ist im Prinzip ebenso ein demokratieförderndes, friedenssicherndes Element, das Menschen in all ihrer Diversität zusammenbringen soll – auch in strukturell schwachen ländlichen Regionen. Dort sind diese Kulturformen extrem wichtig für die kulturelle Resilienz.

Wie wurden diese Fragen aufgegriffen und umgesetzt?

Es gibt eine Geschichte, die mit der Entstehung der Kategorie verbunden ist und die mit dem zentralen Platz in Marrakesch zusammenhängt. Der Djemaa el Fna sollte einem Bauprojekt zum Opfer fallen, obwohl es ein traditioneller Ort ist, an dem Menschen zusammenkommen, essen, trinken, Geschichten erzählen und wo Gaukler oder Akrobaten auftreten. Die Buden und Bauten sind Alltagsarchitektur und haben mit dem klassischen Verständnis von Welterbe wenig zu tun – dennoch ist der Platz wichtig für die Stadt, für die Gemeinschaft und deren Identität.

Es wurde deshalb ein Instrumentarium genau für solche identitätsstiftenden Orte und Praxen entwickelt, um sie zu schützen. Die Folge war ein Umdenken bei der UNESCO, eben nicht nur die großen ‚Sternstunden‘ der Menschheitsgeschichte zu konservieren, wie etwa die Pyramiden von Gizeh oder die Akropolis. Es sollten darüber hinaus auch andere für Menschen wichtige Kulturformen sichtbar gemacht werden.

Wie kommen Menschen zum Beispiel im ländlichen Raum überhaupt auf die Idee, dass eine Tradition oder ein handwerkliches Gruppenprojekt für das Kulturerbe-Verzeichnis infrage kommen könnte?

Oft gibt es innerhalb der Gruppen Personen, die das Bewerbungsverfahren kennen und die auch wissen, dass eine Auszeichnung seitens der Deutschen UNESCO-Kommission möglich ist. In manchen Fällen geben auch Expertinnen und Experten aus dem Kulturmanagement, aus Museen oder der Lokalpolitik entsprechende Hinweise.

Wie läuft die Bewerbung ab?

In Deutschland können sich Interessierte um eine Aufnahme einer Kulturform in das bundesweite Verzeichnis bewerben. Da sehr viele Anträge eingehen, haben einige Bundesländer noch eigene Länderlisten eingeführt – in Bayern gibt es eine solche Liste seit 2013. Zuständig ist in Bayern unter anderem die Beratungs- und Forschungsstelle Immaterielles Kulturerbe am Institut für Volkskunde der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Dort erhalten die Bewerbenden auch Beratung über das korrekte Verfahren. Aus den erfolgreichen Neuaufnahmen ins Landesverzeichnis wiederum werden alle zwei Jahre fünf Projekte ausgewählt, die als Vorschlag für eine Nomination für das Bundesverzeichnis infrage kommen. Darüber entscheidet schließlich das Fachkomitee Immaterielles Kulturerbe, das diese Woche an der LMU zusammenkommt.

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