Kulturerbe: Und plötzlich taucht die ganze Welt auf
07.01.2026
Kulturwissenschaftler Manuel Trummer, neuberufen an der LMU, forscht über immaterielles Kulturerbe und Alltagsroutinen, die viel über Gesellschaften verraten.
07.01.2026
Kulturwissenschaftler Manuel Trummer, neuberufen an der LMU, forscht über immaterielles Kulturerbe und Alltagsroutinen, die viel über Gesellschaften verraten.
Wieso leben wir so, wie wir leben? Dieser Frage ist Manuel Trummer auf der Spur. Trummer, seit 2025 Professor für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU, ist Experte für immaterielles Kulturerbe. „Die meisten denken bei kulturellem Erbe an die Pyramiden oder Neuschwanstein, die Meisterwerke und Sternstunden der Menschheit. Tatsächlich ist das Verständnis von immateriellem Kulturerbe niedrigschwelliger und demokratischer“, erklärt der neuberufene LMU-Professor. „Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass Gemeinschaften selbst bestimmen, was ihnen als schützenswert erscheint. Und das umfasst Wissen und Können, das Menschen über Generationen hinweg weitergeben.“
„Das Spannende ist für mich, dass man bei allen Themen, mit denen wir uns in unserer Forschung beschäftigen, etwas über sich selbst lernt“, sagt Manuel Trummer. | © Alexandra Glöckl
Zum immateriellen Kulturerbe zählt daher ebenso die japanische Holzbau- wie afrikanische Lehmbaukunst, Berliner Techno wie italienische Küche. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel, der in den 1970er-Jahren auf Ebene der UNESCO eingesetzt hat, die als Organisation der Vereinten Nationen für das Bewahren von Kulturerbe zuständig ist.
Bis dahin ging der Definition dessen, was zum Welterbe dazugehört, ein hierarchischer Prozess voraus, der von der westlichen Kulturpolitik und Expertinnen und Experten festgelegt wurde. „Da hat vor allem der globale Norden dominiert und das bürgerliche Verständnis von Hochkultur. Es ging um die herausragenden Leistungen der Menschheit. Der globale Süden war kaum vertreten“, erklärt Trummer. Mit dem internationalen Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Erbes sollen daher nun Menschen weltweit befähigt werden zu entscheiden, was sie als Kultur repräsentiert. „Dieser partizipative Ansatz verhilft vielen traditionellen, marginalisierten Kulturformen zu Sichtbarkeit, die sonst unsichtbar bleiben würden“, sagt Trummer.
Vor dem Hintergrund der Klimakrise kann traditionelles Wissen ein starker Beitrag für sozial und ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweisen sein.Manuel Trummer, Professor für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU
In einem aktuellen Forschungsprojekt entwickelt Trummer ein Monitoring-System, um Menschen vor Ort zu befähigen, ihre immateriellen Kulturformen nach einer Auszeichnung durch die Deutsche UNESCO-Kommission nachhaltig weiterzuentwickeln. Dabei entstehen in Co-Creation-Arrangements gemeinsam mit den Ausübenden Wissensformate und Best-Practice-Leitfäden, die vor Ort unterstützen und Fehlentwicklungen verhindern können. In einem weiteren gerade von Manuel Trummer beantragten Forschungsvorhaben soll es darum gehen, Wissen über traditionelle Bewässerung für modernes kommunales Wassermanagement nutzbar zu machen. „Vor dem Hintergrund der Klimakrise kann traditionelles Wissen ein starker Beitrag für sozial und ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweisen sein“, erklärt Trummer. Immaterielles Kulturerbe sei daher ein „Mega-Thema“ und gerade in Zeiten multipler Krisen eine gewaltige Zukunftsressource.
Mit seiner Forschung trägt Manuel Trummer dazu bei, traditionelles Wissen und Können als Ressource für aktuelle Herausforderungen zu untersuchen: „Kulturerbe ist insofern faszinierend, weil sich hier drei Zeitebenen treffen: Es geht um Überliefertes, das wir in der Gegenwart kuratieren. Und in der Gegenwart treffen wir die Entscheidung, was davon uns so wichtig ist, dass wir es als Gesellschaft in die Zukunft, an unsere Kinder und Nachkommen weitergeben wollen? Deswegen ist immaterielles Kulturerbe wie ein Brennglas, das gesellschaftliche Wertehaltungen, kulturelle Wertverschiebungen und die Frage ,Wie wollen wir leben?‘ sichtbar macht.“
In Bezug auf den ländlichen Raum beschäftigt sich Manuel Trummer unter anderem damit, wie sich auf dem Land die Nahversorgung und Mobilität aufrechterhalten lassen. Die Bewahrung des immateriellen kulturellen Erbes könnte hier eine Rolle spielen: „Kulturerbe ist ein Gemeinschaftsprojekt. Das kann die Bevölkerung von schrumpfenden Dörfern und Kleinstädten zusammenführen zu einem Ziel, an dem man gemeinsam arbeiten kann.“
München hat eine herausragende Kulturszene und Forschungslandschaft. Allein die Gespräche, die ich in den letzten zwei Monaten geführt habe, bestätigen mich darin, dass es ein exzellenter Standort ist.Manuel Trummer, Professor für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU
Trummer hat von 1999 bis 2004 an der Universität Regensburg Vergleichende Kulturwissenschaft studiert. Im Anschluss war er Geschäftsführer des UNESCO-Geopark-Informationszentrums Walldürn, bis er für einen Lehrauftrag und dann seine Promotion wieder an die Universität Regensburg gewechselt ist, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Postdoc bis 2017 und dann als Akademischer Rat und Oberrat blieb und sich ebendort habilitierte. Ab 2023 war Trummer außerplanmäßiger Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg und von 2024 bis 2025 Geschäftsführer am Institut für Volkskunde der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Zum Wintersemester 2025/26 ist Manuel Trummer an die LMU gewechselt, wo er nun den Lehrstuhl für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie innehat, an einer seiner „Traumdestinationen“: „München hat eine herausragende Kulturszene und Forschungslandschaft. Allein die Gespräche, die ich in den letzten zwei Monaten geführt habe, bestätigen mich darin, dass es ein exzellenter Standort ist. Die Chancen, die sich hier bieten, auch die Spielräume, die die LMU bietet, die Praxis-Kooperationen. Das eröffnet singuläre Chancen für die eigene Forschung. Es ist wirklich ein intellektuell beflügelndes Umfeld.“
In der Lehre ist es Trummer wichtig, Studierende früh in die Forschung einzubeziehen. Das Berufsfeld für Expertinnen und Experten für immaterielles Kulturerbe wird dem LMU-Professor zufolge größer. Das liege daran, dass es wachsende Bedeutung im kommunalen Kontext und für Museen habe. Zudem gebe es noch Leerstellen in den Verzeichnissen immateriellen Kulturerbes: „Vor allem zu moderner urbaner Kultur, postmigrantischem Kulturerbe und mit Blick auf Geschlechter-Ungleichgewichte. Man kann die Studierenden aus ihren Lebenswelten heraus anspornen, diese Lücken zu entdecken.“
Trummer fasziniert, dass sein Fach auch ihm selbst immer wieder neue Perspektiven eröffne: „Im Nachdenken über die Alltagsroutinen und Dinge, mit denen man sich umgibt, tauchen plötzlich die ganze Welt und größere gesellschaftliche Prozesse auf. Und dann sieht man die eigene Welt oft mit anderen Augen.“